Herr Strahm, was halten Sie von der Zinssenkung der Nationalbank?

Rudolf Strahm: Sie unternimmt nun wenigstens etwas. Für mich ist es eine schwache und eher symbolische Massnahme.

Wieso?

Sie richtet sich nicht direkt gegen die Spekulation. Für diese spielt der Zins in der Schweiz gar keine Rolle. Es ist ja nicht so, dass die Zuflüsse von Griechenland oder Deutschland den Wechselkurs bestimmen. Vielmehr haben die Spekulanten den Frankenkurs weit von der Realwirtschaft abgelöst. Gegen diese Daytrader oder noch kurzfristigeren Spekulanten Hedgefonds kann die Nationalbank wenig ausrichten.

Aber die Nationalbank setzt ein Zeichen.

Ja, es hat vielleicht symbolische Wirkung, aber ich frage mich, ob es reicht, um die Spekulation zu besänftigen. Es geht bei der Währungsspekulation nicht um den Zins, sondern um die Erwartungen. Die Spekulanten erwarten einen nochmals höheren Frankenkurs und solange diese Erwartung so bleibt, wird sich nichts ändern.

Nicht nur der Frankenkurs steht auf Rekordhoch, auch der japanische Yen ist so teuer wie kaum je zuvor, trotz den riesigen Schulden, welche Japan aufgetürmt hat. Wie erklären sie sich dies?

Es gibt hier den typischen Herdentrieb. Alle gehen raus aus Euro und Dollar, da gibt es wenig Alternativen. Die Spekulanten erwarten auch beim Yen einen weiteren Auftrieb, die Zinsen sind schon lange praktisch bei Null, aber alle hoffen, dass der Kurs noch weiter steigt und dann geht ihr Geschäft auf. Das ist natürlich riskant, ich erwarte, dass der Yen schneller wieder nach unten kommt. Aber das ist für uns kein Trost.

Gibt es Ihrer Meinung nach kurzfristige Massnahmen?

Für mich wäre es wichtig, der Exportwirtschaft direkt zu helfen. Das könnte man mit zeitlich befristeten Wechselkursgarantien schaffen. Das gibt zwar etwas Bürokratie, aber wenn wir nichts tun, werden die Exporteure bluten und wir steuern direkt in eine Rezession.

Eine Wechselkursgarantie oder anders gesagt ein künstlich höherer Eurokurs für Exporteure wäre aber eine einseitige Subvention auf Kosten der Nationalbank?

Ich wehre mich gegen das Killerargument, das sei eine Subvention. So wären tiefe Zinsen ja auch eine Subvention für die Anleger und die Immobilienbranche, die beide davon profitieren. Alle wissen mittlerweile, dass der Franken krass überbewertet ist. Irgendeinmal wird eine Korrektur kommen, nur weiss niemand, wann das ist. Bis wieder einigermassen normale Verhältnisse herrschen, soll man den Wechselkurs für Exporteure, und nur für diese, durch eine Abkopplung vom Spekulationswechselkurs schützen. Es nützt ja auch niemandem etwas, wenn wir wie in den 90er-Jahren plötzlich 200 000 Arbeitslose haben. Das zu bewältigen, würde viel mehr kosten als die zeitlich befristete Garantie des Wechselkurses.

Wie lange wäre zeitlich befristet?

Das kann man im Voraus schwer sagen, ich will mich hier auch nicht festlegen.

Würden Ihrer Meinung nach Negativzinsen helfen?

Das ist ein Rezept aus der Mottenkiste. Die kurzfristigen Devisengeschäfte sind rund 100-mal grösser als die Zuflüsse auf Bankeinlagen. Diese kurzfristigen Geschäfte treiben den Franken an. Hier würde nur die so genannte Tobin-Steuer helfen. Sie würde jedes Devisengeschäft mit einer kleinen Steuer verteuern. Das würde die Spekulation zumindest weniger attraktiv machen, aber die Tobin-Steuer müsste von allen grossen Finanzplätzen gleichzeitig eingeführt werden. Und das ist sehr unrealistisch.

Wieso?

Wall Street macht nicht mit. Zudem hat das Ausland kein Interesse, der Schweiz zu helfen. Vorab die Amerikaner sind froh, wenn der Dollar sich weiter abschwächt, so werden ihre riesigen Schulden real abgebaut und erst noch ihre Exporte verbilligt. Auch die deutsche Wirtschaft profitiert natürlich vom schwachen Euro. Dieser hilft bei den Exporten und die Schweiz muss als kleines Land selber schauen, wie es mit der starken Währung zu Recht kommt. Für mich ist klar, dauert die jetzige Wechselkurs-Situation noch ein Jahr, dann laufen wir durch Nichtstun in eine Rezession und das will ja wohl niemand.

Was halten Sie von der Idee eines Staatsfonds, der im Ausland beispielsweise Aktien und Immobilien aufkauft?

Die Idee ist nicht abwegig, aber sie wirkt sicher nicht kurzfristig. Für die aktuelle Situation ist sie untauglich.

Bei allen Massnahmen der Nationalbank droht früher oder später eine Inflation. Wie schlimm wäre dies für die Schweiz?

Die frühere Nationalbank-Leitung hatte jahrelang für eine Nullinflation gekämpft. Das kostete uns in den 90er-Jahren sieben Jahre Nullwachstum und 200000 Arbeitslose. Da frage ich mich mittlerweile schon, ob eine Spur mehr Inflation mehr nützen oder mehr schaden würde. Niemand will eine Hyperinflation, unter der vor allem die kleinen Leute leiden.

Was erwarten Sie von der Politik?

Es ist klar, die Geldpolitik ist eine schwierige Angelegenheit. Es gibt viele Interessengruppen und Ideologien, das Ganze ist abstrakt und es gibt in diesem Metier viele Kurpfuscher und Weltverbesserer. Dazu sollte auch wieder einmal gesagt sein, dass die Nationalbank zwar Bank heisst, aber keine herkömmliche Bank ist. Es war wohl auch ein Fehler, dass man die Nationalbank gezwungen hat, ihre Anlagen stets nach Marktpreisen zu bewerten. So entstehen grosse Schwankungen beim Gewinn und Verlust. Dabei sollte auch der Politik klar sein, die Nationalbank ist nicht da, um Geld zu verdienen, sondern um die Währungsanlagen des Landes zu bewirtschaften, die Preisstabilität zu bewahren und dabei auch die Konjunktur zu berücksichtigen.