Manchmal ist es gut, ein wenig Zeit ins Land gehen zu lassen. Nicht panisch und unreflektiert zu warnen, sondern die Lage mit etwas Abstand nüchtern zu beurteilen. Deshalb nahmen viele die Hilferufe der Maschinen-, Elektro- und Metall (MEM)-Industrie, die unmittelbar auf die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) Mitte Januar folgten, nur bedingt ernst. Kurzarbeit, Verlagerungen ins Ausland, Umsatz-, Margen- und Auftragseinbrüche wurden prophezeit. Jetzt zeigt sich allerdings: Die Befürchtungen wurden zu Recht geäussert.

Im Februar, nur wenige Wochen nach dem Mindestkurs-Aus, hatte der Dachverband Swissmem seine Mitglieder zu den erwarteten Folgen der Frankenaufwertung befragt. Die Stimmung war am Boden, die Antworten alarmierend. Im Juni hat Swissmem zusammen mit dem Forschungsinstitut BAK Basel und Deloitte in der Schweiz die Umfrage wiederholt. Das Ergebnis lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der zeitliche Abstand zum Frankenschock ergab kaum Veränderungen bei den Antworten. Die Unternehmen haben wenig von ihrem damaligen Pessimismus verloren.

Industrie wird sich verändern

Die Frage, ob die Unternehmen negative Auswirkungen durch den starken Franken erwarten, beantworteten im Februar 92 Prozent der Befragten mit Ja. In der Juni-Befragung waren es 90 Prozent. Swissmem-Präsident Hans Hess, der die Umfrage zusammen mit Verbands-Direktor Peter Dietrich gestern in Zürich vorstellte, machte klar: «Die Folgen des SNB-Entscheids werden die MEM-Industrie in der Schweiz sichtbar verändern.» 

Den Anfang machten Preisnachlässe. «Mehr als zwei Drittel der Firmen haben die Preise gesenkt, um überhaupt im Geschäft zu bleiben und den Auftragsverlust in Grenzen zu halten», sagte Hess. Ein noch grösserer Teil, nämlich 77 Prozent der Befragten, hätten bereits Kostenblöcke in den Euro verschoben. Dieses Instrument, auch «natürliches Hedging» genannt, würde von weiteren sieben Prozent derzeit geprüft. Dabei geht es darum, die Ausgaben und die Einnahmen in einer bestimmten Währung möglichst nah zusammen zu halten. So sichern sich Schweizer Firmen, die ihre Produkte in den Euroraum exportieren, gegen den starken Franken ab, indem sie ihre Waren statt in Franken in Euro bezahlen.

Eine weitere Möglichkeit der natürlichen Absicherung gegen Währungsschwankungen ist die verstärkte Produktion im Ausland. Ob eine Verlagerung von Teilen der Fertigung ins Ausland bei einem dauerhaften Wechselkurs von Fr. 1.05 je Euro zwingend wäre, fragte Swissmem seine Mitglieder. 16 Prozent bejahten dies im Februar. Jetzt sind es bereits 18 Prozent. Vollständig ins Ausland drängen kann der harte Franken die Schweizer Maschinenbauer allerdings nicht: Nur ein Prozent sieht sich bei einem Kurs von 1.05 zum Auswandern genötigt. Mit Geschäftsaufgabe rechnet ebenfalls ein Prozent der Befragten.

Wer geht, kommt nicht zurück

Die Verlagerungen angesichts der Frankenstärke könnten dennoch langfristige Folgen haben. Denn der, der diesen Schritt vollzogen hat, «der hat ihn häufig endgültig gemacht», sagt Swissmem-Direktor Peter Dietrich zur «Nordwestschweiz». Die Arbeitsplätze, die die Industrie im Ausland ausgebaut hat, «helfen allerdings auch, den Schweizer Standort zu stützen». Bei allen Verlagerungstendenzen, die es derzeit gebe, müsse man sich der Stärke des Standorts Schweiz jedoch bewusst sein, so Dietrich. Die Firmen müssten genau überlegen, ob eine Verlagerung sinnvoll sei.

Vor dem Gang ins Ausland bleiben den Firmen weitere Instrumente. Die meisten steigern die Effizienz und sparen Kosten (70 Prozent der Befragten). 63 Prozent wollen in Innovation investieren — auch wenn das nicht immer einfach ist.

Vorwürfe in Richtung Bern

Enttäuscht ist Swissmem-Präsident Hess von der Bundespolitik. Die Verantwortlichen in Bern hätten den Ernst der Lage nicht erkannt. Hess sagt: «Wann, wenn nicht heute, soll sich die Politik für die Industrie einsetzen?» Geld fordert er — mit Ausnahme einer Erhöhung der Mittel der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) um je 50 Millionen für 2015 und 2016 — keines, dafür aber weniger Regulierung in der Energiepolitik, beim Thema Swissness und bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Bei der Kurzarbeit solle der Bund die Bezugsdauer auf 18 Monate sowie die Karenztage verlängern, in Sachen Arbeitszeiterfassung fordert Swissmem Vereinfachungen. Die Mittelkürzung bei der Standortförderung lehnt der Verband ab, ebenso weitere Ausnahmen beim Cassis-de-Dijon-Prinzip. Um den Handel mit den USA zu forcieren, fordert Swissmem das Aufspringen der Schweiz beim Freihandelsabkommen TTIP, das derzeit zwischen der EU und den Vereinigten Staaten verhandelt wird.