Baden

Die bangen Fragen zur Zukunft von Alstom in der Schweiz

Alstom beschäftigt heute in Baden 4200 Angestellte.

Wird Alstom vom US-Industrieriesen General Electric übernommen?

Alstom beschäftigt heute in Baden 4200 Angestellte.

Der US-Industrieriese General Electric will das französische Unternehmen Alstom übernehmen - auf Kosten Tausender Arbeitsplätze in der Schweiz. Insbesondere der Aargau bangt um seinen grössten privaten Arbeitgeber.

Es ist eine bange Woche für die über 6000 Mitarbeiter von Alstom Schweiz – und insbesondere für die Stadt Baden. Vor etwas mehr als einer Woche soll der US-Konzern General Electric (GE) laut der Agentur Bloomberg für den französischen Gesamtkonzern 9,4 Milliarden Euro geboten haben. Noch diese Woche könnte eine Einigung bekannt gegeben werden.

Von der Übernahme könnte der grösste Schweizer Standort Baden stark betroffen sein. Denn der amerikanische Industrieriese GE will den Hauptsitz in Baden schliessen und die Aktivitäten in französische Belfort verlegen. Der GE-CEO Jeffrey Immelt wirbt in einem Brief an Frankreichs Präsidenten François Hollanden für die Entwicklungspläne.

Was wären die Folgen, wie muss man diese Pläne aus Schweizer Sicht einordnen? Alstom Schweiz lässt sich derzeit nicht in die Karten blicken. Man gibt weder Auskünfte zu den zu den Übernahmeplänen von GE noch zu den möglichen Konsequenzen und verweist auf die Präsentation des Schweizer Jahresberichtes 2012/2013 am 9. Mai.

Die «Nordwestschweiz» hat fünf Fragen zu Alstom und den Übernahmeplänen gestellt und beantwortet:

1. Wie viele Arbeitsplätze in der Schweiz wären von einer Übernahme durch General Electrics betroffen?

Alstom ist mit rund 6400 Angestellten an den Standorten Baden, Birr und Oberentfelden der grösste private Arbeitgeber im Kanton Aargau. Gut zwei Drittel der Angestellten, insbesondere die Spezialisten für technische Funktionen, stammen aus der EU. Am grössten Schweizer Standort Baden sind sowohl die Schweizer Hauptsitze von Alstom und der Sparte Alstom Renewable Power (Erneuerbare Energien) ansässig. Das Flaggschiff ist aber der weltweite Hauptsitz des Sektors Thermal Power (Energiegewinnung durch Wasserdampf), der 45 Prozent des Umsatzes des Gesamtkonzerns erwirtschaftet. Dazu gehört auch das Forschung- und Kompetenzzentrum (Research and Development) sowie die Geschäftseinheit «Thermal Services», welcher für Unterhalt und Modernisierung von Kraftwerken und Komponenten auf der ganzen Welt zuständig ist. General Electrics beabsichtigt bei einer Übernahme das französische Belfort zum Sitz des thermischen Kraftwerkgeschäfts zu machen. Damit könnten die rund 4200 Mitarbeiter in Baden, darunter rund 2200 Ingenieure, bei einer Restrukturierung in der Schweiz verloren gehen. Das entspräche 16 Prozent aller Voll- und Teilzeitbeschäftigten in den rund 1600 Betrieben in der Stadt Baden.

2. Wie stark sind die Arbeitsplätze in Baden gefährdet?

Vergangene Woche versuchte Jeffrey Immelt, CEO des US-Konzerns Genereal Electric, die französische Regierung bezüglich der geplanten Übernahme von Frankreichs Energieunternehmen milde zu stimmen. Die weitreichenden Versprechungen im vierseitigen Brief an Staatspräsident François Holland nähren die Befürchtung eines massiven Stellenabbaus in der Schweiz, speziell in Baden. Der GE-CEO verspricht darin , dass die Mitarbeiterzahl in Frankreich nach einer allfälligen Übernahme steigen werde, auch auf Kosten von Alstom-Stellen in Drittländern wie der Schweiz. Laut Jeffrey Immelt soll der weltweite Hauptsitz des Geschäfts mit Wasser-, Dampf- und Windturbinen Belfort verlegt werden. Die «hoch qualifizierten Stellen in der Entwicklung und in der Produktion» sollen in Frankreich zusammengefasst und ausgebaut werden. Dies sind eben gerade jene Bereiche, welche heute bei Alstom in Baden angesiedelt sind.

3. Wie viel Steuereinkünfte würde dem Fiskus dadurch entgehen?

Weder Alstom Schweiz noch der Fiskus geben Auskunft über die Steuerbeträge, der Schaden wäre aber immens. Alstom Schweiz erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2012/2013 einen Umsatz von beinahe drei Milliarden Franken, wovon 97 Prozent im Exportgeschäft realisiert wurde. Die Aufträge von Alstom an Schweizer Direktlieferanten - meist Kleinbetriebe - generieren zudem ein Umsatz vom rund 600 Millionen Franken und schaffen weiter rund 5000 zusätzliche Arbeitsplätze in der Schweiz. Der Badener Stadtammann Geri Müller betonte gegenüber der «Nordwestschweiz» den massgeblichen Anteil von Alstom am Aktiensteuerertrag, der Baden jährlich rund 25 Millionen Franken in die Kasse spült. Konkrete Zahlen nennt auch Müller jedoch keine.

4. Was tut eigentlich die Schweizer Politik gegen die drohende Abwanderung des Grosskonzerns?

Der Aargauer SP-Nationalrat Max Chopard reichte heute einen Vorstoss ein, in dem er den Bundesrat dazu auffordert, sich mit einer aktiven Industriepolitik für den Erhalt von Arbeitsplätzen einzusetzen. Die Regierung solle nicht nur zuschauen, wie sich der französische Staat für Stellen und Standorte in Frankreich starkmache. Laut «Schweiz am Sonntag» soll Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann bereits persönlich bei seinem Vorgänger Joseph Deiss, dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten von Alstom Schweiz, interveniert haben. Ebenso tat dies der Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann, der General Electric in den nächsten Woche aufzeigen möchte, «dass eine Verlegung von Baden nach Frankreich mit enormen Risiken, Kosten und Knowhow-Verlust verbunden sei.» Zudem würden laut Hofmann die enge Zusammenarbeit mit anderen Energieunternehmen auf dem Platz Baden, ABB und Axpo, gekappt. Gerade dieser enge Industriecluster und die gegenseitig Abhängigkeit stimmen den Badener Stadtammann Geri Müller wiederum zuversichtlicher, dass Alstom in Baden bleibt.

5. Was passiert mit den anderen Aargauer Produktionsstandorten Birr und Oberentfelden?

GE-CEO Jeffrey Immelt will vor allem den Hauptsitz in Baden nach Belfort verlegen. Aber auch der Standort Birr könnte betroffen sein, da GE das thermischen Kraftwerkgeschäft auf Frankreich fokussieren möchte. In Birr arbeiten heute rund 1500 Personen in der Produktion von Rotoren, welche für Gas- und Dampfturbinen, für Gereratoren in thermische Kraftwerken und für Hydro-Generatoren verwendet werden. Die rund 700 Mitarbeiter in Oberentfelden wären kaum betroffen. Sie produzieren gasisolierte Schaltanlagen und Schlüsselkomponenten, für andere Alstom-Standorte.

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