Was macht die Digitalisierung mit uns und mit unserer Wirtschaft? Wir sehen Roboter, die neben Menschen am Fliessband stehen und neue Technologien wie 3-D-Drucker, die heute sogar Essen zubereiten können. All das läuft unter dem Schlagwort Industrie 4.0, der vierten industriellen Revolution.

Das sagt WEF-Direktor Alois Zwinggi über Chancen und Gefahren der neuen industriellen Revolution.

Das sagt WEF-Direktor Alois Zwinggi über Chancen und Gefahren der neuen industriellen Revolution.

WEF-Direktor Alois Zwinggi über Chancen und Gefahren der industriellen Revolution.

Clevere Unternehmer haben sich schon auf die neue Arbeitswelt eingestellt und Ideen entwickelt, wie sie aus den neuen Möglichkeiten ein Geschäft machen. Etwa die Schwyzer Firma LCA, die dank neuer Algorithmen weiss, wann ihre Maschinen kaputt gehen und schon vorher präventiv eingreifen kann.



Doch ist das wirklich alles? Gehört zu einer (industriellen) Revolution nicht auch eine gesellschaftliche Komponente? Die Antwort liefert eine vom Weltwirtschaftsforum WEF selbst veröffentlichte Studie zu den Folgen der Digitalisierung für die Arbeitsplätze in den westlichen Industriestaaten. Das Ergebnis sollte aufrütteln: Sieben Millionen Jobs sollen bis zum Jahr 2020 verloren gehen, lediglich zwei Millionen neu dazukommen. Bliebe ein Verlust von fünf Millionen Arbeitsplätzen. Die Verunsicherung ist gross, die Angst vor einem Kahlschlag auf dem Arbeitsmarkt geht um.

Die Digitalisierung ist eines von vielen wichtigen Themen, die im Verlauf der Geschichte des Weltwirtschaftsforums in Davos behandelt wurden. Es hat viele historische Momente gehabt. Wir haben Sie in Form von Cards aufbereitet:

Cards: WEF Milestones

Neue Berufsbilder schaffen
Dass es zum Kahlschlag auf dem Arbeitsmarkt kommt, ist noch keine ausgemachte Sache. Trotzdem tun die Verantwortlichen in der Schweiz gut daran, sich schon frühzeitig mit dieser Entwicklung auseinanderzusetzen und sich auf mögliche Folgen vorzubereiten, meint Stephan Sigrist, Gründer des Zürcher Think Tanks W.I.R.E.. «Wir befinden uns in einer Phase grosser Veränderung», sagt er. «Es wird sicher nicht alles bleiben, wie es heute ist.»

Daraus ergäben sich zwei Konsequenzen, so Sigrist: «Zum einen wird es darum gehen, die Menschen umzuschulen, neue Berufsbilder zu entwickeln und Fähigkeiten zu erlernen, die uns gegenüber den Algorithmen abgrenzen.» Zum anderen werde man parallel dazu über Modelle des Zusammenlebens nachdenken müssen, die politische und gesellschaftliche Stabilität gewährten. Nicht wenige Manager im Silicon Valley bevorzugten etwa das allgemeine Grundeinkommen.

Der Mensch, sagt Sigrist, werde in der durchdigitalisierten Welt trotz aller ausgerufener Schreckensszenarien eine wichtigere Rolle einnehmen, als wir heute teilweise glauben wollen. Für gut Qualifizierte, strategisch denkende Menschen gelte das ohnehin — aber nicht nur für die: «Menschen werden weiterhin dort gebraucht, wo es um menschliche Nähe geht: in Pflegeberufen, im Wellness-Sektor, in der Medizin, im Gesundheitsbereich insgesamt. Überall dort, wo es darum geht, Vertrauen aufzubauen oder komplexe Sachverhalte zu erklären.»

Besonders Frauen sind gefährdet

Klar scheint indes, dass es Buchhalter und Mitarbeiter im Telefonmarketing oder im Detailhandel künftig schwer haben werden, sich gegen die Maschinen zu behaupten. Laut den Autoren der WEF-Studie seien besonders Frauen von der Entwicklung negativ betroffen: Sie seien überproportional dort beschäftigt, wo Stellen wegfallen und unterrepräsentiert in Bereichen wie Informatik und Ingenieurwesen, die von der Digitalisierung profitieren.

Industrielle Revolution um industrielle Revolution:

Die Digitalisierung krempelt die Wirtschaft vollständig um: Industrie 4.0 ist der zentrale Begriff am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Es ist ein Schlagwort deutscher Prägung, das meint: Nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung befinden wir uns mitten in einer erneuten Phase des Umbruchs. Dieses Mal geht es um die Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette. Zentraler Treiber ist die stetig steigende Computerleistung. In der Schweiz wird die Entwicklung durch die einzelnen Firmen sowie die Initiative «Industrie 2025» mehrerer Verbände vorangetrieben.

Die Digitalisierung krempelt die Wirtschaft vollständig um: Industrie 4.0 ist der zentrale Begriff am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Es ist ein Schlagwort deutscher Prägung, das meint: Nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung befinden wir uns mitten in einer erneuten Phase des Umbruchs. Dieses Mal geht es um die Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette. Zentraler Treiber ist die stetig steigende Computerleistung. In der Schweiz wird die Entwicklung durch die einzelnen Firmen sowie die Initiative «Industrie 2025» mehrerer Verbände vorangetrieben.


Aber auch das sei nicht das Ende der Geschichte, sagt Sigrist: «Man hat schon zuvor das Ende für viele Tätigkeiten und Massenarbeitslosigkeit prophezeit. In der Vergangenheit ist aber immer das Gegenteil passiert: Die Produktivität ist gestiegen, aber es hat eine Verlagerung der Tätigkeiten gegeben.

Ich glaube, dass auch dieses Mal Potenzial für eine Produktivitätssteigerung besteht.» Gleichzeitig, betont er, müsse aber das, was die Maschinen nicht können, nämlich innovativ und kreativ sein, über den Tellerrand hinausdenken, gefördert werden. «Innovation kommt nicht von Algorithmen.» Für die Kreativität bleibt der Mensch zuständig.

Das Silicon Valley treibt alle vor sich her

Kreativität in Zeiten der Digitalisierung bescheinigt man in erster Linie denjenigen, die diese Entwicklung angestossen haben und nach wie vor die Haupttreiber sind: den IT-Spezialisten aus dem kalifornischen Silicon Valley.

Sollte die Schweizer Wirtschaft einfach möglichst viel davon übernehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben? «Die Schweizer Unternehmen», sagt Sigrist, «müssen nicht zwingend Mitarbeiter ins Silicon Valley schicken, um die dortige Herangehensweise zu kopieren.»

Die Chance für die Schweiz liege vielmehr darin, «ihren eigenen Weg in dieser digitalen Wirtschaft zu finden». Dieser bestünde darin, Konzepte zu fördern, die eine Art «soziale Innovation» hervorbringen. «Der Einbau von Maschinen in unsere digitale Gesellschaft, dass sie zu Gunsten der Bevölkerung stattfindet, das ist die Aufgabe.» 

Digitalisierung hat Grenzen

Bei aller Digitalisierungseuphorie gilt es jedoch zu beachten, dass die Entwicklung Grenzen — oder zumindest gewisse Einschränkungen — hat. Sigrist formuliert es so: «Es ist gut möglich, dass die Digitalisierung nicht so weit gehen wird, wie man das annehmen könnte.» Das liege zum einen an der Leistungsfähigkeit der Computersysteme, die heute gar nicht in der Lage sind, all das sinnvoll auszuwerten, was wir speichern können. Zum anderen liege es an einer Überforderung des Menschen: «Wir haben einen Echtzeitzugriff auf alles, was gesagt wird. Das erschwert die Entscheidungsfähigkeit, das erzeugt ein Rauschen in unseren Köpfen.»

Der Umgang mit Daten ist entscheidend

Für die Schweizer KMU etwa leitet Sigrist daraus folgendes ab: «In vielen Sektoren wird die Welt in den kommenden 12 Monaten nicht komplett auf den Kopf gestellt. In der Regel müssen die Firmen jetzt nicht Unsummen in digitale Technologien investieren.» Primär gehe es nun darum, «dass man sich Gedanken darüber macht, wie man innerhalb eines Unternehmens eine Datenkultur fördern kann, um sich ein Bild zu machen, bei welchen konkreten Prozessen digitale Hilfsmittel sinnvoll sein können und wo nicht».

Auch wenn die Digitalisierung in gewissen Grenzen ablaufen wird, steht die Entwicklung doch erst am Anfang. Erste Geschäftsmodelle bilden sich heraus, noch sehr viel mehr wird nachkommen. «Nachdem wir die letzten 20 Jahre das digitale Alphabet entwickelt haben», sagt Sigrist, «lernen wir jetzt langsam damit zu schreiben.»