Der Ausverkauf geht weiter: Am Tag nach der Aufhebung des Mindestkurses sackten die Schweizer Börsenindices weiter ab: Innert zweier Tage verloren sie 14 Prozent.

Der Absturz des Euros schwächte sich hingegen ab. Er kostete am Freitag um 18 Uhr 4 Rappen weniger statt 16 wie am Vortag. Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), bestätigte, warum er so mächtig ist: Seine Geldpolitik bewegt die Märkte. Ob das den Franken stärkt oder schwächt: Weh tuts immer.

1 Was ist eine Währung?

Das offizielle Zahlungsmittel eines Landes, unterteilt in Einheiten wie Franken oder Rappen, nennt man Währung. Weltweit existieren rund 160 verschiedene Währungen. Gesteuert werden sie von den Notenbanken. In der Schweiz ist dies die SNB, die über das Monopol verfügt, Noten zu drucken. Die Herstellung einer Banknote kostet rund 30 Rappen pro Stück. Laut SNB beläuft sich der Gegenwert aller im Umlauf befindlichen Noten auf 62,7 Milliarden Franken. Der Bund ist für die Münzen zuständig. Geprägt werden sie durch die Eidgenössische Münzstätte. Die SNB bringt sie in den Umlauf. Aktuell gibt es Münzen für 2,97 Milliarden.

2 Wie hoch ist der Bargeld-Anteil an der Geldmenge? ?

Noten und Münzen machen in der Schweiz weniger als zehn Prozent aus. Der Rest ist Buchgeld: Das umfasst die Guthaben aller in der Schweiz und Liechtenstein wohnhaften Personen auf Bankkonten. Ende November belief sich die Geldmenge auf 954 Milliarden Franken. Das sind rund 540 Milliarden mehr als vor zehn Jahren – oder gar 700 Milliarden mehr als vor 30 Jahren. Auch die Bilanzsumme der SNB erhöhte sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise um mehr als 400 auf 525 Milliarden Franken. Zuerst wegen der Rettung der UBS nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Dann wegen der Eurokrise nach der im September 2011 erfolgten Einführung des Mindestkurses des Euros von 1.20 Franken.

3 Warum ist der Euro zurzeit so schwach?

Weil fast keiner im Euroraum eine starke Währung will. Das verteuert die Exporte und schwächt damit die Konkurrenzfähigkeit des Währungsraums. Ein starker Euro wäre ein Hindernis mehr auf dem Weg zu einem Aufschwung im Euroraum. Die Konjunktur springt nicht an. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, insbesondere in den Mittelmeerländern, was auf den Konsum drückt. Selbst Schwergewichte wie Frankreich und Italien kommen nicht vom Fleck.

4 Was plant Euro-Währungshüter Mario Draghi?

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte am nächsten Donnerstag einen weiteren Befreiungsschlag ankündigen. Marktbeobachter gehen davon aus, dass er die US-Zentralbank Fed kopiert und ein «Quantitative Easing» (QE) plant, eine «quantitative Lockerung» der Geldpolitik.

5 Wie funktioniert ein «QE»?

Notenbanker kaufen Staatsanleihen oder andere Wertschriften im grossen Stil und «drucken damit Geld». Diese neue Waffe setzte die US-Zentralbank Fed unter ihrem Ex-Chef Ben Bernanke ein. Sie kaufte zwischen 2008 und 2014 für gut 4000 Milliarden Dollar Obligationen und hypothekargesicherte Anleihen. Also genau diese «Ramschpapiere», deren Absturz 2007 die Finanzkrise ausgelöst haben. Das Programm ist jetzt ausgelaufen. Auch die britische und die japanische Notenbank starteten solche Programme.

6 Was bringt das?

Damit sollen Grossinvestoren dazu gedrängt werden, anstelle von Staatsanleihen riskantere Papiere wie Aktien oder Obligationen von Unternehmen zu erwerben. Das Geld soll in die reale Wirtschaft fliessen, Investitionen auslösen, die Konjunktur ankurbeln und so neue Jobs schaffen. Draghi hat angedeutet, Staatsanleihen im Wert von rund 1000 Milliarden Euro aufzukaufen. Das entspricht rund der Hälfte der Bilanzsumme der EZB. Die Papiere abgeben sollen in erster Linie Banken. Mit dem dafür erhaltenen Geld sollen sie Unternehmen mit Krediten versorgen. Das würde die Wirtschaft stimulieren.

7 Wirkt das auch so?

Die Wirkung des von der EZB geplanten «QE»-Programms werde überschätzt, sagt der Chefökonom der Raiffeisen Gruppe, Martin Neff: «Damit den Kreditzyklus um jeden Preis anzuwerfen, funktioniert nicht. Das auf diese Weise von der EZB geschaffene Geld fliesst nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Aktien- oder Immobilienmärkte und führt zu einer Blase.» Dieses Experiment mit der Geldschwemme gehe nur auf, wenn in den kommenden Monaten die Konjunktur anspringt, sagt Neff: «Möglich machen dies eher die Schwächung des Euros und der tiefe Ölpreis. Das wirkt wie ein Gratis-Konjunkturprogramm.» Erholt sich die Eurozone, nimmt der Druck auf den Franken ab.

8 Warum setzen Notenbanken auf solch umstrittene Experimente?

Normalerweise senkt eine Notenbank in Krisenzeiten die Zinsen. Dies verbilligt Kredite – für Staaten und Unternehmen. Dann fliesst mehr Geld in die Wirtschaft, was die Konjunktur befeuert. Das geht nicht mehr, da die Notenbanken nach der Finanzkrise die Zinsen gegen null, ja neuerdings unter null gedrückt haben.

9 Inwieweit müssen Notenbanken die Wirtschaft ankurbeln?

Ihre Aufgabe lautet, für «Preisstabilität» zu sorgen. Läuft die Wirtschaft auf Volltouren, steigen in der Regel die Preise. Die Inflation steigt. Aktuell besteht eher die Gefahr, dass die Preise sinken. Eine Deflation sei schwieriger zu bekämpfen als eine Inflation, sagte Draghi in einem «Zeit»-Interview: «Bei einer Inflation erhöht man die Zinsen. Der Preis des Geldes steigt, das Volumen der Zahlungsmittel in der Wirtschaft schrumpft und der Druck auf die Preise und die Löhne geht zurück.»

10 Wie real ist das Gespenst einer Deflation?

Aktuell ist diese Angst übertrieben. Springt die Konjunktur in Europa nicht an, kann dies eine Deflationsspirale auslösen. Sinkende Preise führen zum einen dazu, dass weniger als gerade möglich konsumiert wird. Wer beispielsweise einen Kühlschrank kaufen will, wartet ab. Käufer gehen dann davon aus, dass solche Güter später günstiger werden. In einer schrumpfenden Wirtschaft wird es zudem für Staaten und für private Schuldner noch schwieriger, die offenen Schulden abzubauen. Dazu sagt Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär: «Dann wird es unter Umständen einen Abschreiber auf den Schulden brauchen, eine Schuldenstundung.»

11 Was bedeutet Draghis Plan für den Franken?

Wirkt Draghis «Bazooka», wertet sich der Euro weiter ab. Das ist seit Wochen der Fall. Täglich werden laut Acket Devisen im Wert von mehr als 750 Milliarden Franken umgesetzt.» Zur Verteidigung der Untergrenze musste die SNB daher auch Milliarden Franken gegen Euro abgeben. Die Devisenreserven schnellten allein im Dezember um 32,4 auf 495,1 Milliarden Franken hoch. «Erwartet wurde ein Anstieg um rund 10 Milliarden», so Acket. Um den Mindestkurs zu halten, musste die SNB im Januar weiter massiv Euro zukaufen.

12 Kapitulierte die SNB vor dem Druck auf den Franken?

Thomas Jordan hat dies bestritten. Letztlich war es wohl doch so. Den Druck auf den Franken in den letzten Wochen zusätzlich verstärkt haben der Absturz des russischen Rubels im Dezember und die politisch unsichere Situation in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten sowie der Terrorismus. Obendrein wird befürchtet, dass es in Griechenland nach den Wahlen vom 25. Januar erneut zu einem Schuldenschnitt kommen könnte.

13 Wie hat sich historisch der Wert einer Währung eigentlich entwickelt?

Einst mass sich der Wert einer Münze am Wert des dafür verwendeten Metalls. Nach der Erfindung des Buchdrucks kamen die ersten Noten in Umlauf. Waren sie nicht durch Reserven gedeckt, kam es zu Pleiten. Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der sogenannte «Goldstandard» durch: Auch die Schweiz verpflichtete sich, mindestens 40 Prozent des Gegenwerts seines Papiergelds mit Gold abzudecken. Doch bald zeigte sich, dass es dafür weltweit gar nicht genügend Gold gab. Nicht nur deswegen war der Goldstandard nicht durchzuhalten. In Krisen- oder Kriegszeiten druckten Regierungen stets neues Geld. Ohne die nötige Golddeckung.

14 Was machte dem Goldstandard den Garaus?

1944 beschlossen in den USA 44 Staaten, für Währungen ein fixes Wechselverhältnis zum Dollar einzuführen. Der Kurs belief sich auf 35 Dollar pro Unze Feingold (31,1 Gramm). Das entsprach einem neuen Goldstandard: Die US-Notenbank Fed verpflichtete sich, Dollarreserven der Mitgliedstaaten zu diesem Kurs in Gold umzutauschen. Ende der 50er-Jahre überstiegen die im Ausland angesammelten Dollarbestände den Wert der US-Goldreserven. Ab Mitte der 60er-Jahren häuften sich Spekulationskrisen. 1971 setzte der damalige US-Präsident Richard Nixon den Goldstandard aus. Der Dollar war wegen der steigenden Verschuldung zur Finanzierung des Vietnamkriegs stark überbewertet. 1973 wurde die Anbindung der Wechselkurse an den Dollar aufgegeben. Unter den Ersten die damals reagierten, war die Schweiz.

15 Warum vertrauen Investoren auf Papier?

Darauf hat Acket eine einfache Antwort: «Vertrauen ersetzte das Gold.» Geld, respektive eben eine Währung, hat nur so lange einen Wert, solange die Besitzer daran glauben. Fürchten sie, ihre Währung werde entwertet, flüchten sie in andere Währungen oder kaufen damit Sachwerte. Das war beispielsweise in den Zwanzigerjahren so. Wegen der galoppierenden Geldentwertung, der Inflation, war es schlauer, sich mit seinem Lohn sofort mit dem Nötigsten einzudecken. Abends war dies nämlich teurer.

16 Welchem Papier vertrauen die Besitzer?

Dem Franken. Denn er gilt, wann immer es kriselt, als sicherer Hafen. In allen wichtigen Währungsräumen tendieren die Zinsen gegen null. Die Notenbanken blähen ihre Geldmengen auf, um die Finanz- und Schuldenkrise zu überwinden und die Konjunktur anzukurbeln. Das führt dazu, dass gewisse Währungen wie der Franken attraktiver werden als andere. Ein Grund dafür ist laut Acket: «Die SNB hält pro Kopf die höchsten Gold- und Währungsreserven.» Dazu komme, sagt der Chefökonom, dass die Schweiz ein Opfer ihres eigenen Erfolgs werde: «Als sicherer Hafen für Anleger gilt unser Land dank seinem stabilen politischen System und dem inneren Frieden, seiner Rechtssicherheit, seiner starken Wirtschaft und tiefen Verschuldung.» Das zieht Geld an und macht den Franken stärker.» So stark, dass die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro vor zwei Tagen preisgeben musste.

17 Wie hat sich der Franken nach seiner Einführung entwickelt?

Der Geldtheoretiker Ernst Baltensweiler schrieb in seiner Geschichte des Frankens: «Er war bei seiner Geburt nicht unbedingt dafür prädestiniert, zu einer der stabilsten und erfolgreichsten Währungen der Welt aufzusteigen.» Bis zur Gründung der SNB im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sei er ein «Anhängsel des Französischen Francs» gewesen, ein schwächelndes obendrein. Seit 1914 legte er unaufhaltsam zu: Damals kostete ein Dollar 5.2 Franken, ein englisches Pfund gar rund 25.3. Ab 1945 war der Schweizer Franken an den Dollar gekoppelt. Dessen Kurs belief sich noch 1970 auf 4.31 (siehe Grafik).

18 Wie lässt sich der wahre Wert errechnen?

Ökonomen versuchen, den «korrekten» Wechselkurs» aufgrund von volkswirtschaftlichen Kerngrössen zu schätzen. Eine hohe Produktivität, ein hoher Exportüberschuss, eine moderate Verschuldung und eine gegenüber dem Umland tiefe Teuerung stützt tendenziell die eigene Währung. Das bekannteste Konzept ist die Kaufkraftparitäten-Theorie. Sie besagt, dass die Wechselkurse zwischen zwei Währungen vor allem schwanken, um Preisniveauunterschiede von zwei Ländern auszugleichen.

19 Wann ist der Franken korrekt bewertet?

Aktuell liegen mit verschiedenen Methoden vorgenommene Schätzungen für den «fairen» Wechselkurs zum Euro im Bereich von gegen 1.30 Franken. Beim aktuellen Kurs von weniger als einem Franken ist er massiv überbewertet. Das gilt auch gegenüber dem Dollar. Jetzt hofft Jordan, dass die auf minus 0,75 Prozent erhöhten Negativzinsen in den nächsten Monaten dazu führen, dass sich Investoren nach lukrativeren Märkten als der Schweiz umsehen. Zum Ziel könnte der Dollar werden, wenn das Fed Mitte Jahr wirklich als erste Notenbank die Zinsen erhöht.