Al Gore liefert die perfekte Multimediashow. Der frühere US-Vizepräsident kämpft heute für die Rettung des Klimas. Wie ein Showmaster bewegt er sich auf der Bühne, spricht mit bebender Stimme und treffend gewählten Worten, natürlich alles ohne Spickzettel.

Auf der Riesenleinwand überfluten Wassermassen New York, eine Smog-Wolke umhüllt Peking, dramatische Statistiken blitzen und Gore ruft in den Saal: «Act now!» Ich denke: Wow! Hätten unsere helvetischen Politiker doch nur einen Bruchteil dieser rhetorischen Brillanz, wären die Debatten im Nationalrat deutlich spannender.

Mit Gores Supershow beginne ich am Mittwochmorgen mein WEF. Eine Lehre habe ich nach dreizehn Teilnahmen verinnerlicht: Man darf sich nicht ärgern, wenn man etwas verpasst. Denn man verpasst ständig fast alles. Mehr als 300 offizielle Veranstaltungen finden in diesen vier Tagen statt, dazu unzählige private Empfänge, Dinner, Partys, bilaterale Gespräche. 2500 Teilnehmer versuchen, möglichst viel mitzubekommen – da kommt zwangsläufig Hektik auf.

Mitten im Gewusel

Ich sehe das WEF als Weiterbildungsstätte – und picke mir das heraus, was mich interessiert. Das Kongresszentrum in Davos ist das Herzstück, hier treten die Staatsgäste auf, hier steckt man mitten im Gewusel. Während ich diesen Artikel schreibe, eilt Königin Rania von Jordanien vorbei, dann Bundeskanzlerin Angela Merkel, später UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon, alle mit ihrem Tross – so nah, dass ich ihnen problemlos das Bein stellen könnte. Wer mal echten Dichtestress erleben will, hat hier das eindrücklichere Erlebnis als im Intercity zwischen Zürich und Bern.

Von Al Gore eile ich an ein Wirtschaftspodium. Die Lage ist ernster als in früheren Jahren, das widerspiegelt sich in den Diskussionen. Es wird weniger gewitzelt und gelacht als auch schon. Vorne sitzen der Ökonom Nouriel Roubini, die ukrainische Finanzministerin Ann Natalia Jaresko und der Schweizer Martin Senn, CEO der «Zurich». Er sagt: «Die Menschen hinterfragen Politiker und Wirtschaftsführer viel stärker. Das führt zu kurzfristigen Entscheidungen und fördert populistische Strömungen.» Sein Credo lautet deshalb: «Say what you do, and do what you say.»

Lehrstunde für Ökonomie

Die ukrainische Ministerin nimmt den Faden auf und erzählt, wie Menschen in ihrem Land auf die Strasse gingen und ihr Leben riskierten, um Korruption zu bekämpfen. Derweil macht Roubini seinem Ruf als Enfant terrible unter den Star-Ökonomen alle Ehre, indem er den anderen ins Wort fällt. Interviewanfragen lehnt er übrigens konsequent ab mit dem Hinweis, dass er über seine rund 320 000 Follower auf Twitter ohnehin mehr Menschen erreiche. Und so laufe auch ich auf.

Nach der Ökonomie-Lehrstunde tut etwas Italianità gut. Der italienische Premier Matteo Renzi spricht gestenreich und charmant. «Carpe diem» («nutze den Tag») treffe perfekt auf ihn zu: «Wir können heute mit der Zukunft beginnen!» Ein Drittel der italienischen Verfassung möchte Renzi ändern, Steuersystem, Arbeitsmarkt, Bildung und Justiz umkrempeln. Klaus Schwab dankt ihm und gratuliert nachträglich zum Geburtstag – Renzi ist am 11. Januar 40 Jahre alt geworden.

Apropos Schwab: 1971 führte er in Davos das erste WEF durch, das damals noch anders hiess und viel kleiner war. Auch in der 45. Ausgabe ist seine Gattin Hilde stets an seiner Seite – sie hatte er über ein Stelleninserat kennen gelernt, als er für das erste Forum eine Sekretärin suchte. Schwab begrüsst alle wichtigen Gäste persönlich und mit ausgesuchter Höflichkeit. Viele kommen wegen ihm, weil sie ihm vertrauen als neutrale Instanz, die den Dialog will.

Gegen aussen mag Schwab arrogant wirken, im persönlichen Gespräch offenbart sich sein Schalk. Ohnehin ist Schwab ein Phänomen: Der bald 77-Jährige wirkt mit jedem Jahr jünger und agiler.

Vielleicht macht er es wie Schimon Peres, der Ex-Präsident Israels, den ich später in einem kleinen Panel treffe. Er ist 91 und wirkt wie 71. Sein Erfolgsrezept: «Ich frage mich immer, was habe ich erreicht und wovon träume ich. Solange die Liste der Träume länger ist, bleiben Sie jung.» Einen etwas profaneren Tipp hat er auch: «Verzichten Sie auf Ferien – da langweilt man sich doch bloss.»

Danach stockt es. Ich möchte zu Star-Tenor Andrea Bocelli – und komme zu spät, die Tür ist schon geschlossen. Dann halt weiter zu einem Führungsseminar mit Internet-Pionierin Arianna Huffington. 60 Leute haben Platz im Saal – ich bin die Nr. 63 in der Schlange. Na gut, versuche ich es halt bei einem wissenschaftlichen Diskurs, Thema: die neusten Forschungsergebnisse über das menschliche Gehirn. Aber auch da ist die Schlange zu lang. Tröstlich: Auch Königin Mathilde von Belgien schafft es nicht rein und wir bedauern uns gegenseitig.

Minister mit silbernem Punkt

Ich schlendere durchs Kongresszentrum und werde beinahe vom Tross der Bodyguards überrannt, die hinter dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko hereilen. Ich treffe auf den stellvertretenden irakischen Premierminister, der gerade eine Mandarine verspeist. Praktischerweise haben Minister einen silbernen Punkt auf ihrem Badge (und mit etwas Abstand einen Polizisten, der auf sie aufpasst). Ich frage ihn um ein Interview an. Er sagt: Morgen gerne und bittet um meine Handy-Nummer. Ich höre nie wieder etwas von ihm.

Im Plenarsaal setze ich mich immer möglichst weit nach vorne, um die Redner nicht nur zu hören, sondern auch genau zu beobachten. Besonders spannend ist der chinesische Premier Li Keqiang – also nicht er, sondern seine Entourage, alle mit Knopf im Ohr und Erkennungspin ausgestattet. Einer ist für die Mappe zuständig, einer für das Mineralwasser, einer für die Tasche, ein ganzer Tross für die Sicherheit. Relaxt wirkt nur Keqiang selber. Der 59-Jährige kam bereits ans WEF, als er noch nicht derart wichtig war, er ist befreundet mit Klaus Schwab. Während des Tages war Keqiang in den «wunderbaren Schweizer Bergen» wandern – jetzt spricht er über Reform und Öffnung, und er beruhigt: Ein künftiges Wachstum von 7 Prozent bedeute in absoluten Zahlen gesehen noch immer eine grössere Steigerung als 10 Prozent vor fünf Jahren. Die Wirtschaftswelt lauscht, einer seiner Bodyguards gähnt.

Am Abend folgt der gesellschaftliche Teil. Südafrika hat mich zu einem exklusiven Essen eingeladen: 30 Gäste mit Präsident Zuma. Effektiv sind es dann 80 Gäste und drei Minister, der Präsident taucht nicht auf. Lustig ist es trotzdem. Neben mir sitzt ein Geschäftsmann, der Infrastruktur in Afrika verkauft und mir erklärt, wie dieser Kontinent funktioniert: Je desolater ein Land, desto besser seien die Geschäftschancen, weil ja eben alles am Boden liege. Man müsse bloss wissen, wie es anzustellen sei.

Weiter gehts zu Empfängen der «Zurich»-Versicherung (viel Schweizer Wirtschaftsprominenz), des US-Geschäftsmanns Steve Forbes (viel US-Prominenz) und des deutschen Verlegers Hubert Burda (viel deutsche Prominenz).

Die Stimmung war schon ausgelassener, der Alkohol floss schon reichlicher – die WEF-Partys sind immer auch ein Stimmungsbarometer der wirtschaftlichen Lage. Und wenn man selbst am Abend noch über EZB-Entscheid, Frankenstärke und Terrorgefahr diskutiert, dann sind das untrügliche Zeichen für schwierige Zeiten. Als Abschiedsgeschenk erhalte ich das neuste Buch von Hubert Burda; sein Assistent besteht darauf, dass ich es auch wirklich mitnehme.

Das nehmen, was man bekommt

Nach einer kurzen Nacht sitzt beim Frühstück Yahoo-Chefin Marissa Mayer am Nebentisch. Es ist ein Drei-Sterne-Hotel – in Davos müssen auch hochkarätige CEOs das nehmen, was sie kriegen. Al Gore war gestern so gut, dass ich mich heute für ein Mittagessen mit ihm angemeldet habe. Früh genug fahre ich per Shuttle-Bus ins neue, eiförmige Intercontinental-Hotel. Früh genug, damit ich einen Platz an seinem Tisch ergattern kann. Der Mann ist einfach beeindruckend, wenn er übers Klima spricht. Er macht folgenden Vergleich: «Mit 1,6-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird sich die globale Temperatur um 6 Grad erwärmen und unsere Zivilisation zerstören. Das tönt nach wenig Risiko. Im Flugverkehr aber würde dies wöchentlich 100 Jumbo-Abstürze bedeuten.»

Fast noch spannender als Gore ist die elegante, ältere Dame neben mir. Sie arbeitete für Gore im Weissen Haus, war für das Handling der Geschenke zuständig. «Jeder, der in den USA ein Buch schrieb, schickte offenbar dem Vizepräsidenten ein Exemplar», sagt sie. Die Frau wäre auch im Gore-Team gewesen, wenn er Präsident geworden wäre. In dieser Zeit, so erzählt sie, sei ihr Freundeskreis schlagartig angewachsen – ebenso schnell wieder geschrumpft, als überraschenderweise George W. Bush gewählt war.

Spezielle Begegnungen

Es sind auch solche Begegnungen, die die WEF-Woche so speziell machen. Nun beende ich diese Reportage und schaue auf die Einladungen für heute Abend: Korean Night, Japan Night, ABB, Indonesian Reception, McKinsey, Baku 2015, Empfang beim «Time»-Magazine, Dinner mit George Soros. WEF-Direktor Philipp Rösler sagte kürzlich im «Blick»: «In Davos gibt es deutlich weniger Partys, als man gemeinhin denkt. Davos ist knallharte Arbeit.» Ich frage mich: Macht er etwas falsch oder ich?