Erneuerbare Energie

Deutschlands Windradproblem: Forscher warnt vor Ökostrom-Lücke

Ein Windpark in der Nähe von Köln.

Ein Windpark in der Nähe von Köln.

Der Anteil erneuerbarer Energien im Strommix steigt in Deutschland – allerdings zu langsam.

150 Meter hoch sind sie, ihre mächtigen Propeller haben einen Durchmesser von mehr als 100 Metern. Solche Windräder sieht man zu Dutzenden, vor allem bei der Fahrt durch norddeutsche Landschaften. Windparks sind Ausdruck der Energiewende, die in Deutschland mit Milliardenhilfe vorangetrieben wird: Mehr grüner Strom, raus aus der Kohle, rein in die Elektromobilität. Der Anteil des Ökostroms in Deutschland soll bis 2030 auf 65 Prozent steigen, zudem verabschiedet sich das Land bis spätestens 2038 von der CO2-intensiven Energiegewinnung durch Braunkohle. Das haben Bundestag und Bundesrat am Freitag entschieden.

Deutschland scheint auf einem guten Weg zu sein, das Ziel zu erreichen. Jüngste Erhebungen zeigen, dass die Erzeugung von Ökostrom von Januar bis Juni dieses Jahres auf einen Rekordwert gestiegen ist. Mehr als 50 Prozent der gewonnenen Energie stammt aus erneuerbaren Quellen. Den meisten Ökostrom liefern Windräder an Land und See, gefolgt von Solaranlagen und Wasserkraft.

Weniger Strombedarf wegen Corona

Nichtsdestotrotz warnt Max Gierkink vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln (EWI) vor einer baldigen Ökostromlücke. Deutschland könnte das Ziel von 65 Prozent erneuerbaren Energien im Strommix bis 2030 verfehlen, befürchtet der Experte. «Der aktuell hohe Anteil von Ökostrom hängt stark mit der sinkenden Stromnachfrage in den ersten sechs Monaten des Jahres zusammen. Vor allem im Industriesektor ist der Strombedarf wegen der Corona-Pandemie deutlich zurückgegangen», sagt Gierkink gegenüber unserer Zeitung. Zudem wurde die Gewinnung «sauberen» Stroms durch das Wetter mit viel Wind im Winter und vielen Sonnenstunden im Frühjahr begünstigt. Ohne diese Effekte läge der Ökostrom-Anteil in Deutschland bei knapp über 40 Prozent.

Gierkinks Institut hat kürzlich eine Analyse vorgelegt, wonach die Entwicklung von grünem Strom mit der in den nächsten Jahren steigenden Nachfrage nicht wird mithalten können. Laut ambitionierten Plänen der Bundesregierung sollen in Deutschland bis 2030 sieben bis zehn Millionen Elektroautos zugelassen sein.

Zudem werden Industriebetriebe in den nächsten Jahren ihre fossilen Energieträger teilweise durch grünen Strom ersetzen. Die Abkehr von der Wärmegewinnung durch Öl- und Gasheizungen zugunsten der Energiegewinnung aus Wärmepumpen wird laut Gierkink zu einer weiteren Erhöhung der Nachfrage nach Strom führen. Gierkink kommt in der Studie zu dem Schluss: Der Ausbau von Wind- und Solarstrom wird mit dem – laut Schätzungen der Kölner Universität – um 25 Prozent höheren Strombedarf nicht mithalten können. Gierkink merkt an: «Der Knackpunkt ist vor allem die Windenergie an Land.»

Bei der Windenergie hapert es vor allem am Ausbau-Tempo für neue, leistungsstarke Windräder. Aktuell liefern in Deutschland etwa 30'500 Windräder «sauberen» Strom. Berechnungen von Energieexperten zufolge müssten in Deutschland täglich 3,5 neue Windräder aufgestellt werden, um das Ziel von 69'000 Megawatt Leistung aus Windenergie bis 2030 zu erreichen. «2019 wurden aber bisher rechnerisch nur 0,5 Windkraftanlagen pro Tag gebaut», sagt Dirk Güsewell vom Energieversorger EnBW gegenüber dem «Handelsblatt».

Alte Windräder werden abgebaut

Verzögert wird der Aufbau von Windrädern nicht alleine durch lange Genehmigungsverfahren, oftmals torpedieren Anwohner Pläne für neue Windparks in ihrer Nachbarschaft durch Einsprachen. Um der Einsprachenflut entgegenzuwirken, wollte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) einen Abstand von mindestens 1000 Metern für neue Windparks zu Wohnsiedlungen ins Gesetz aufnehmen. Ende Mai nun entschied die Grosse Koalition in Berlin, den Entscheid über den Mindestabstand den Bundesländern selbst zu überlassen.

Doch bereits heute haben viele Länder und Gemeinden diesen Mindestabstand auf einen Kilometer festgelegt – das reduziert den Anteil möglicher Flächen für neue Windräder enorm. Zudem dürfte ein erheblicher Teil der 4000 in die Jahre gekommenen Windräder teilweise abgebaut werden, da Ende Jahr ihre 20-jährige Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ausläuft und die veralteten Windräder ohne Förderung nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. «Ein Teil der Windräder, die aus der Förderung fallen, muss kompensiert werden», mahnt Gierkink. Deutschland steuert also auf die Ökostromlücke und die Verfehlung der Ziele für 2030 zu.

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