Das Erstaunen war gross, als die Kantone Basel-Stadt, Aargau und Zürich im April 2010 zusammen mit dem Bund und der deutschen Bundesagentur für Arbeit eine Jobbörse organisierten mit dem Ziel, Schweizer Arbeitslose nach Deutschland zu vermitteln. Wer – fragte sich manch einer skeptisch –, wer will schon nach Deutschland, das Land mit der hohen Arbeitslosigkeit und den tiefen Löhnen? Zumal Deutschland Fachkräfte just in jenen Branchen sucht, die auch in der Schweiz rar sind?

Walter Beckmann hat den Schritt getan. Der 48-jährige Schweizer mit bolivianischen Wurzeln lebt seit September 2010 in der zweitgrössten Stadt Bayerns. Der diplomierte Elektroingenieur arbeitet bei Siemens. Der Konzern stellt in Nürnberg Transformatoren her. Beckmann ist Verkaufsleiter Europa. «Ich war für sie interessant wegen der Sprachen.» Deutsch kann Beckmann vom Vater, Spanisch von der Mutter. Französisch, Italienisch, Portugiesisch hat er gelernt. Und natürlich Englisch.

Bevor Beckmann nach Deutschland kam, lebte er in Basel und arbeitete bei ABB in Turgi AG. Das war bis im März 2010. Weil er mit dem Job nicht zufrieden war, kündigte er und meldete sich arbeitslos. So wurde er wie 5000 weitere Arbeitslose am 20. April 2010 zur Jobbörse nach Aarau eingeladen. Dass dort Arbeitsplätze in Deutschland vermittelt wurden, kam ihm zupass. Denn er wollte ohnehin ins Ausland, am liebsten nach Deutschland. Dort hatte er als Bub seine Ferien verbracht.

«Es gibt hier mehr Flexibilität»

Den Informationstag in Aarau hat er in guter Erinnerung. «Man wurde sehr gut beraten», sagt Beckmann. Nicht nur zu den Stellenangeboten. Auch zu den Themen Rentenversicherung, Krankenkasse oder zum deutschen Lohnniveau. Den Job bei Siemens hat er allerdings nicht durch
die Jobbörse gefunden, sondern über die Siemens-Homepage, die er aus eigener Initiative aufsuchte.

Seinen Schritt nach Deutschland bereut Beckmann nicht. Bei Siemens kann er eine neue Abteilung aufbauen. Auch sagt ihn das Arbeitsklima beim deutschen Weltkonzern zu. «Es gibt hier mehr Flexibilität.» In der Schweiz müsse jedes Detail perfekt sein, in Deutschland habe man den Freiraum, selber eine gute Lösung zu finden. In der Stadt Nürnberg hat sich der Schweiz-Bolivianer mit seiner ungarischen Frau unterdessen «voll installiert», wie er sagt. Die Mietwohnung ist hell und erschwinglich. In der Nachbarschaft sind zwei Parks mit viel Auslauf für Jimmy, seinen Jack Russell Terrier.

Der Schritt nach Bayern hat sich auch finanziell gelohnt. Der Vorstellung, wonach in Deutschland die Löhne tief, Steuern und Sozialabgaben aber hoch seien, widerspricht Beckmann. «Ich habe beide Rechnungen gemacht.» So zahle er in Deutschland weniger für die Krankenkasse, obwohl seine Frau mitversichert und auch der Zahnarzt gedeckt sei. Die Mietkosten in Nürnberg seien um ein Drittel günstiger als in der Schweiz.

Walter Beckmann ist nicht der einzige Schweizer Arbeitslose, der in Deutschland einen neuen Job fand. Vier weitere Personen gingen nach dem Besuch der Jobbörse im April 2010 nach Deutschland. So zumindest die Bilanz, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) neun Monate nach der Jobbörse zieht. 5 Personen profitierten also von der Aargauer Jobbörse, für die 5000 Arbeitslose angeschrieben worden waren. Ist das nicht lächerlich wenig? Keineswegs, meint Hansjürg Dolder, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit Basel-Stadt. Er zieht nach der Veranstaltung «ein positives Fazit».

Von einer «sehr positiven» Bilanz spricht auch Valentin Lagger vom Seco. Er hat auch gleich die nötigen Zahlen dazu parat: Die Veranstaltung in Aarau habe 20000 Franken gekostet. Für die 5 ins Ausland vermittelten Personen wären hingegen Taggelder von 270000 Franken fällig geworden, wenn sie bis zur Aussteuerung Taggelder bezogen hätten. Also habe man 250000 Franken gespart. Im Jahr 2009 habe ein durchschnittlicher Schweizer Arbeitsloser 15000 Franken Taggelder bezogen. Auch so gesehen habe sich die Jobbörse gelohnt.

Nur Zwischenstation

Zur Jobbörse in Aarau waren 200 Personen erschienen. 131 hatten sich registriert und 80 bei der Zentralen Auslandvermittlung der deutschen Bundesagentur für Arbeit gemeldet. Die im Zusammenhang der Aarauer Veranstaltung geäusserte Kritik, die Schweiz vermittelte Fachkräfte aus dem Gesundheitsbereich ins Ausland, die sie im eigenen Land brauchen könnte, weist Lagger zurück: Nur eine Handvoll Bewerberinnen und Bewerber aus dem Gesundheitswesen hätten sich damals gemeldet. Laut Lagger ist «unmittelbar keine weitere Jobbörse geplant». Dolder ergänzt: «Im Moment macht es dank dem guten schweizerischen Arbeitsmarkt wenig Sinn.»

Für Walter Beckmann ist Deutschland übrigens nur Zwischenstation. In einigen Jahren wird er von Nürnberg wieder wegziehen und irgendwo anders ein Glück suchen. Brasilien und Mexiko sind seine Traumländer.