Hochkonjunktur klingt nach purzelnden Arbeitslosenzahlen und kräftigem Lohnwachstum. Doch für diese Wünsche findet sich wenig Hoffnung in den aktuellen Zahlen und Prognosen. An guten Kennzahlen fehlt es nicht. In den letzten Quartalen legte die Wirtschaft ein «Rekordwachstum» hin, wie Karsten Junius sagt, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin. Im zweiten Quartel waren es real 3,4 Prozent zum Vorjahr, im ersten Quartal 2,9 Prozent. «Auch wenn es unerwartet kommt: In der Schweiz herrscht Hochkonjunktur», sagt Junius.

Damit hinkt die Schweiz auf einmal in Europa nicht mehr hinterher. «Die Schweiz wächst erneut stärker als der Euroraum», vermeldet das Staatssekretariat für Wirtschaft. Das Seco hat die Prognose für 2018 von 2,4 auf 2,9 Prozent erhöht. Und selbst die Vergangenheit erscheint in besserem Licht: Das Bundesamt für Statistik hat das Wachstum für 2017 nach oben korrigiert: von 1,1 auf 1,6 Prozent.

Hochkonjunktur wird gemeinhin mit kräftigem Lohnwachstum in Verbindung gebracht. Und tatsächlich fordert der Schweizerische Gewerkschaftsbund für die laufende Lohnrunde eine Zunahme von nominal 2,5 Prozent. Doch von dieser Forderung dürfte für die allermeisten Arbeitnehmer nicht viel übrig bleiben. Besitzstandwahrung dürfte das Höchste der Gefühle sein.

Zunächst einmal werden die Arbeitnehmer nominal zumeist nicht 2,5 Prozent, sondern nur 1 Prozent mehr erhalten. Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH rechnet für 2019 mit einem nominalen Lohnplus von gut 0,5 Prozent. Der Berater Lohntendenzen.ch erwartet 0,9 Prozent und stützt sich dabei auf eine Umfrage unter Unternehmen. Davon bliebe bei einer erwarteten Teuerung von 0,6 Prozent nur wenig übrig. Zieht die Teuerung etwas stärker an als erwartet, ist der Lohnzuwachs weg. Nach der alljährlichen Steigerung der Krankenkassenprämien, die in der Teuerung nicht enthalten ist, bleibt vom Lohn noch weniger im Geldbeutel.

Drei Jahre mit realen Nullrunden

2019 wäre das dritte Jahr mit stagnierenden Reallöhnen, wie der Blick zurück zeigt. Für 2018 rechnet das KOF damit, dass in den Statistiken am Ende eine reale Null stehen wird. Ein deutliches Plus liegt nicht drin, nur das Vermeiden einer realen Lohneinbusse. Für 2017 steht fest, die Reallöhne sanken, erstmals seit zehn Jahren. Immerhin war der Rückgang moderat, ein Minus von 0,1 Prozent.

Die Lohnstagnation ist eine verspätete Folge der Frankenaufwertung nach dem 15. Januar 2015. Nach der Mindestkurs-Aufhebung reagierten viele Unternehmen nach demselben Muster: Soweit es ging, hielten sie die Preise in Euro gleich, auch wenn diese in Franken einbrachen. Die Kunden konnten sie so halten, die Mitarbeiter beschäftigen. Doch die Margen brachen ein. Es fehlte Geld für Investitionen. Nun läuft das Geschäft wieder. Die Industrie wurde von der Erholung gar überrascht. Kapazitäten wurden knapp, Lieferfristen länger. Aber die Unternehmen wollen erst einmal wieder in ihre Zukunft investieren, bevor sie die Löhne erhöhen.

Immerhin lief es in den Lohnrunden von 2015 und 2016 nicht schlecht für die Arbeitnehmer. 2016 stiegen ihre Löhne real um 1,1 Prozent, 2015 um 1,5 Prozent. Die Arbeitgeber hatten an den nominalen Löhnen nicht gerüttelt. Zugleich wurden durch die Frankenstärke viele Güter und Services günstiger. Das Preisniveau fiel zeitweise. So konnten sich die Arbeitnehmer mehr kaufen für ihren Lohn, besonders im Ausland.

Rätselhaft hohe Arbeitslosigkeit

Der Boom hatte bislang auch wenig Wirkung auf die Arbeitslosigkeit. Bei einem Wachstum von über zwei Prozent sollte sie markant sinken. Doch im zweiten Quartal 2018 geschah das Gegenteil: Die Arbeitslosenquote erhöhte sich auf 4,6 Prozent, wie sie gemäss der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berechnet wird. Im zweiten Quartal 2017 stand sie bei 4,4 Prozent. «Wir waren etwas negativ überrascht von diesen Zahlen», so Michael Siegenthaler. Der Arbeitsmarkt-Experte der KOF erwartet weiterhin eine Abnahme, aber keine deutliche. «Wir rechnen nur mit einem vergleichsweise geringen Rückgang der Arbeitslosenquote.»

Rekordwachstum hier, eine hartnäckig hohe Arbeitslosenquote da: Der Gegensatz ist den Experten derzeit ein Rätsel. Unter anderem deshalb hat das Seco dazu einen Forschungsauftrag erteilt. Ein Team von Ökonomen soll dem unschönen Trend nachspüren. Mit diesem einher geht ein Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit. Im Vergleich zur letzten konjunkturellen Hochphase – im Jahr 2008, vor Beginn der Finanzkrise – gäbe es dieses Mal rund 50'000 mehr Arbeitslose. Das entspricht einer Zunahme um rund 30 Prozent.

Vermengt mit dem Rätsel hoher Arbeitslosigkeit ist ein statistisches Chaos. Sportanlässe – Olympia und besonders die Fussballweltmeisterschaft – verzerren das schweizerische Bruttoinlandprodukt (BIP). Weil die Fifa in Zürich residiert, erhöhen die Einnahmen das BIP-Wachstum. Im zweiten Quartal um gut 0,3 Prozentpunkte. Jedoch entstehen so kaum Stellen. Die Wirkung auf den Arbeitsmarkt ist vernachlässigbar.

Daher könnte es sein, dass das Wirtschaftswachstum bloss durch Sportanlässe aufgebläht war. Es reichte nicht aus, um die Arbeitslosigkeit zu senken. In der KOF sieht man das anders. «Die Sportveranstaltungen können den fehlenden Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht vollständig erklären», sagt Siegenthaler. Das zeige sich insbesondere, wenn man das quartalsweise Wachstum betrachte und die Sportanlässe herausrechne. Seit Anfang 2017 habe dies stets über 2 Prozent gelegen, meist über 2,5 Prozent. Gemäss der Erfahrung der letzten 20 Jahre hätte bei einem so kräftigen Wachstum die Arbeitslosigkeit sinken sollen.