Arbeitslosigkeit

Der Vater ist arbeitslos, der Sohn ausgesteuert

Marcel (links) und Hans Grau aus Gränichen wären bereit für eine neue berufliche Herausforderung. Chris Iseli

Marcel (links) und Hans Grau aus Gränichen wären bereit für eine neue berufliche Herausforderung. Chris Iseli

Zwei Generationen, beide arbeitslos. Hans und Marcel Grau schreiben monatlich 10 bis 15 Bewerbungen. Und jedes Mal gibts eine Absage. Sie sind verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Stelle.

Bei Marcel Grau (23) heisst es, er sei zu unerfahren. Bei Hans Grau (58) heisst es, er sei zu alt. Der Vater und sein Sohn aus Gränichen teilen das gleiche Schicksal: Beide sind arbeitslos.

Hans Grau seit zwei Jahren, sein Sohn seit bald einem Jahr. Trotz grosser Bemühungen – sie schreiben je 10 bis 15 Bewerbungen pro Monat – finden sie keinen Job. Nur sporadisch schaut ein Vorstellungsgespräch heraus. Auf die meisten Bewerbungen lautet die Antwort jedoch: «Es tut uns leid, doch wir haben uns für einen Kandidaten entschieden, der dem Anforderungsprofil noch besser entspricht.»

20000 Jugendliche ohne Job

Dem Anforderungsprofil besser entsprechen heisst: Die Firma hat wahrscheinlich eine Person gefunden, die zwischen 25 und 49 Jahre alt ist. In dieser Altersgruppe ist die Arbeitslosigkeit am tiefsten, während sie bei den unter 25-Jährigen und den über 49-Jährigen am höchsten ist.

Junge Berufseinsteiger und ältere Arbeitnehmer haben es bei der Stellensuche besonders schwer. Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich im vergangenen Jahr zwar verringert, noch immer sind aber knapp 20000 Jugendliche in der Schweiz ohne Arbeit.

Jung, unerfahren, ausgesteuert

Marcel Grau ist einer von ihnen. Im Juli 2010 hat er das KV mit guten Noten abgeschlossen. Eine Garantie für eine Stelle waren die Schulnoten jedoch nicht. «In den ersten Monaten habe ich nur nach Stellen im kaufmännischen Bereich gesucht», erzählt er. Ohne Erfolg. Schon bald habe er das Such-Spektrum weiter öffnen müssen. Er bewarb sich als Lagerist oder in der Produktion von Unternehmen. Geändert hat es nichts. Er blieb jung, unerfahren – und unerwünscht.

Inzwischen kann er den Standardsatz in den Antwortschreiben – man habe jemanden mit mehr Erfahrung vorgezogen – nicht mehr hören. «Dabei kann ich doch ein einjähriges Praktikum an der Réception des Hotels Continental in Bern vorweisen.» Neben dem Empfang der Hotelgäste habe er diverse administrative Arbeiten erledigt. Das sei doch nicht gleich null Erfahrung.

Mit 23 ausgesteuert

Entmutigen lässt sich der Krafttraining- und Kung-Fu-Fan von den frustrierenden Absagen aber nicht. «Mein Traum bleibt eine KV-Stelle im Finanzbereich», sagt Marcel Grau zuversichtlich. Da Zahlen ihm etwas besser liegen würden als Sprachen.

Doch der Druck auf den 23-Jährigen hat zugenommen. «Seit einer Woche bin ich ausgesteuert.» Die am 1. April 2011 in Kraft getretenen Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenversicherung haben den 23-Jährigen erfasst.

Da seine Bezugstage aufgebraucht waren, erhält er nun kein Arbeitslosentaggeld mehr. «Nächste Woche muss ich auf dem Sozialamt der Gemeinde antraben.» Damit wird Marcel Grau noch weniger Geld erhalten als bisher. «Schon zuvor erhielt ich nur den Mindestbeitrag, da ich noch nie richtig gearbeitet habe.»

Heute sei er so weit, dass er fast jede Arbeit annehmen würde. Dann könnte er endlich wieder das Kung-Fu-Training aufnehmen, für das ihm das Geld fehlt. «Zurzeit trainiere ich alleine zu Hause.»

Zu alt und überqualifiziert

Auch Hans Grau wird Ende April aus der Arbeitslosenversicherung gekippt, wenn er keine neue Stelle findet. Er gehört zu den 30'645 Menschen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind. «Den Gang auf das Sozialamt will ich aber unbedingt verhindern», sagt er energisch.

Dass er sich dafür schämen würde, spiele aber nur eine untergeordnete Rolle. «Ich will mich aus eigener Kraft durchbringen. Ich will etwas machen und nicht auf der faulen Haut herumliegen.» Er sei gesund und fühle sich fit genug für eine neue Herausforderung.

2009 verlor er nach 13 Jahren seinen Job als Aussendienstmitarbeiter bei Valora. Er hat Kioske und Tankstellen mit Ware beliefert. «Die Geschäftsleitung wollte sparen, ich und drei Kollegen mussten über die Klinge springen», sagt Hans Grau. Wieso es ihn getroffen habe, könne er sich nicht erklären.

Auf Jobsuche nicht wählerisch

«Ich habe immer alles für den Arbeitgeber getan.» Manchmal vielleicht zu viel, sagt der 58-Jährige selbstkritisch. Statt einer Weiterbildung habe er voll auf die Karte Arbeit gesetzt. «Hohe Umsätze versprachen hohe Boni, das hat gelockt», erklärt er. Nie hätte er gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte.

Hans Grau ist bei der Jobsuche nicht mehr wählerisch. Auf seinem Auto und auf einem T-Shirt bietet er sich mit dem Schriftzug «Mich kann man mieten» für Arbeiten jeglicher Art an. «Bei vielen Stellen heisst es dann aber, ich sei überqualifiziert.»

Bei Vorstellungsgesprächen werde sein Alter jeweils nicht angesprochen. Meist stehe das Wunschalter aber in der Stellenausschreibung: «Mit 58 Jahren liege ich fast immer darüber.»

Obwohl Vater und Sohn gemeinsam wohnen, suchen sie nicht zusammen nach passenden Stellen. «Es sind ja völlig andere Bereiche», sagt Hans Grau. Und: Im Stellensuchen seien sie ja beide erfahren genug.

Meistgesehen

Artboard 1