Premium-Benzin

Der Tiger im Tank ist zahnlos

Die Öko-Masche: Der Verbrauch liegt bloss ein bis zwei Prozent tiefer, die Einsparung ist in der Praxis gar nicht messbar. (A. Spichale)

Benzin

Die Öko-Masche: Der Verbrauch liegt bloss ein bis zwei Prozent tiefer, die Einsparung ist in der Praxis gar nicht messbar. (A. Spichale)

Mehr Leistung, weniger Verbrauch – Premiumbenzin wie BP Ultimate oder Shell VPower verspricht auf dem Papier viel und bringt davon wenig auf die Strasse.

Sven Millischer

«Bis zu 36 Kilometer weiter pro Tankfüllung», so wirbt BP grossflächig in der Schweiz für Ultimate. Im Premium-Benzin hat es Zusatzstoffe, so genannte Additive, die den Verbrauch senken sollen: Mit einem vollen Tank fährt man gemäss BP-Angaben im Durchschnitt 14 Kilometer weiter.

«Das ist Haarspalterei», sagt Christian Bach, Leiter Verbrennungsmotoren bei der Empa. Liege dieser Wert doch im Bereich der Messtoleranz von 1 bis 2 Prozent und sei somit nicht aussagekräftig. Bei einem VW Golf, dem meistverkauften Auto im letzten Jahr in der Schweiz, lässt sich auf Basis der Werksangaben pro Tankfüllung mit dem Premiumbenzin gut 1,6 Prozent Treibstoff einsparen. Der rechnerische Reichweiten-Vorteil steht in keinem Verhältnis zum Preis: BP Ultimate kostet an der Zapfsäule rund 5 Prozent oder 7 Rappen pro Liter mehr als herkömmliches Bleifrei 95. Beim Konkurrenzprodukt V-Power beträgt die Preisdifferenz laut Shell gar zwischen 16 und 19 Rappen pro Liter.

Besser Bleifrei 95 tanken

Wer den Verbrauch herunterschrauben möchte, solle lieber den Fahrstil ändern, empfiehlt Bach: zügig hochschalten, vorausschauend und gleichmässig fahren lauten die Experten-Tipps: «Damit lässt sich auf einen Schlag zehnmal mehr Treibstoff sparen als mit einer Tankfüllung Premiumbenzin.» Die Edelsorten versprechen aber noch mehr: «Bis zu 97 Prozent weniger Ablagerungen gegenüber gewöhnlichen Treibstoffen», heisst es in der BP Ultimate-Werbung. Für Erich Schwitzer vom TCS ist dies ein Scheinargument: «Auch herkömmliches Bleifrei-95-Benzin verursacht keine Ablagerungen, die dem Motor schaden könnten.» Und dieser Grundsatz gelte über eine Laufzeit von mehr als hunderttausend Kilometern, vorausgesetzt der Motor läuft vorschriftsgemäss. Schwizer empfiehlt deshalb, stets Bleifrei 95 zu tanken.

Feeling wie im Formel-1-Boliden

Auch das teurere Bleifrei 98 könne man sich getrost sparen, sofern der Hersteller keine andern Angaben mache: «Oft sind Gebrauchsanweisungen aber missverständlich formuliert, da lohnt es sich, beim Garagisten nachzufragen.» Während BP mit dem Ultimate-Benzin ans grüne Gewissen der Kunden appelliert, setzt Shell auf die Faszination Formel 1: V-Power sei «Ferrari-Treibstoff für Ihr Auto», direkt von der Rennstrecke auf die Strasse, und wirke wie «flüssiges Motorentuning». Das teurere Premiumbenzin von Shell hat nämlich - statt 95 oder 98 - 100 Oktan.

«Auf der Strasse merken Sie diesen minimen Leistungszuwachs jedoch nicht», sagt Schwizer. Dahinter stehe vielmehr die theoretische Überlegung, wonach eine höhere Oktanzahl den Treibstoff besser zünden lässt beziehungsweise Selbstzündungen vermindert. Diese hohe Klopffestigkeit kann bei alten Autos Motorschäden verhindern. Die heutigen Fahrzeuge verfügen jedoch alle über einen Klopfsensor, der die Motorleistung bei nicht ausreichender Benzinqualität automatisch drosselt. Christian Bach von der Empa kann hochoktanigem Benzin deshalb nichts abgewinnen: «Ausser Sie fahren damit Rennen.» Die gängigen Ottomotoren seien nämlich gar nicht auf den 100-Oktan-Treibstoffe ausgelegt. Wäre dies der Fall, ginge das Aggregat beim Betanken mit Bleifrei 95 oder 98 schlicht kaputt. Auch schweigen sich die Mineralöl-Multis BP und Shell über jene Zusatzstoffe aus, die dem Basis-Benzin beim Befüllen des Tanklasters zugemischt werden: «Um die Zusammensetzung und Konzentration der Additivpakete wird viel Geheimniskrämerei betrieben», sagt Bach.

Und er fügt an: Hinter den Premium-Treibstoffen stünden weniger technische Überlegungen: «Die Idee stammt vielmehr aus der Marketingabteilung.»

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