Börsen sind die Seismografen der Weltwirtschaft, denn ihre Kurse werden von den Erwartungen künftiger Gewinne der Unternehmen getrieben. Und diese hängen von der globalen Konjunktur ab.

Anfälliger als vor zwei Jahren

Dass sich die Weltwirtschaft nicht erholt hat, zeigen auch die tiefen Zinsen, mit denen ihr die Notenbanken über billige Kredite auf die Beine helfen. Ihr Stand ist aber nach wie vor zu wackelig, als dass die Zinsen hätten normalisiert werden können – auch in der Schweiz nicht: Auf die Finanzkrise folgte die Eurokrise, der Euro wertete so stark ab, dass die Nationalbank 2011 den Mindestkurs einführen musste. Auch nach dessen Aufgabe vor einem Jahr ist sie an die Politik der Europäischen Zentralbank gekettet. Sie muss die hiesigen Sätze tiefer halten als im Euroraum, da sonst Geld in den Franken fliesst und ihn aufwertet.

Ein weiteres Konjunktur-Barometer ist der Rohölpreis. Er befindet sich auf Rekordtief, weil die Nachfrage zu klein ist und das Angebot von den Erdöl produzierenden Staaten (Opec) anders als in der Vergangenheit nicht entsprechend gedrosselt wurde. Anders als früher wird heute zudem fast selbstverständlich vor allem auf die destabilisierende Wirkung für jene Schwellenländer hingewiesen, die vom Öl leben. In der Vergangenheit sah man den Effekt eines tiefen Rohölpreises vor allem darin, dass durch die billigeren Importe gespartes Geld als Investitionen oder Konsumausgaben die Wirtschaft ankurbelt.

BlackRock hat eine Rangfolge der Risiken für die Weltwirtschaft erstellt. Der grösste Vermögensverwalter mit Sitz in New York legt 4720 Milliarden in rund hundert Ländern an. In der Schweiz ist er an jedem SMI-Unternehmen beteiligt. Seine Marktmeinung hat Gewicht – und sie lautet, zusammengefasst: Der Stress im Wirtschaftssystem ist nicht kleiner geworden, nein, er ist grösser als vor zwei Jahren.

Risiko Nr. 1: China

Welche Gefahren fürchtet eine Finanzsupermacht wie BlackRock konkret?

Erstens: Vergesst Rohöl, das Hauptproblem ist Chinas nachlassendes Wachstum. Dieses wurde zudem zu einem guten Teil mit Schulden finanziert. Sie türmen sich seit bald zehn Jahren auf. Anders als bei den hoch verschuldeten Industriestaaten gilt das weniger für die Zentralregierung. Das Gros der Schulden schlummert in den Provinzen, aber auch im privaten Sektor, was vor allem mit Blick auf den – ebenfalls wegen des billigen Geldes – überhitzten Immobiliensektor ein Damoklesschwert ist: Steigen die Zinsen, könnten viele Eigentümer zu Notverkäufen gezwungen sein, was zu Preiseinbrüchen führte. Was eine Immobilienkrise bedeutet, hat die Welt 2008 erlebt, als der US-Häusermarkt die globale Finanzwelt an den Rand des Abgrunds brachte.

Die Gewichtung von BlackRock deckt sich mit den sich seit Mitte 2015 an den Börsen manifestierenden Ängsten über das Wirtschaftswachstum im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Die Börse von Schanghai korrigierte mehrmals und sendete Schockwellen um den Globus. Ein weiteres Indiz: Als im Februar die chinesische Regierung erklärte, der Wandel von einer export- hin zu einer mehr konsumorientierten Wirtschaft würde noch lange dauern, atmeten die Märkte auf. Denn für sie heisst das, dass das mit dem Strukturwandel einhergehende langsamere Wachstum von der Regierung so leicht verdaulich wie möglich gemacht werden wird.

Risiko Nr. 2: der Nahe Osten

In der Rohölpreisdebatte ortet Black Rock eine Portion Hysterie. Gut 400 000 Menschen arbeiten im US-Energiesektor. Doch die Wirtschaft kreiert seit Jahren allein jeden Monat um die 200 000 neue Stellen. Der sinkende Preis belaste Länder, die vor allem Rohstoffe exportieren. Doch der Nutzen billigerer Rohölimporte für die anderen Staaten wiege dies mehr als auf.

Der Ölpreis hat insbesondere einen destabilisierenden Effekt auf die Länder der Golfregion. Saudi-Arabien etwa musste einen Einbruch der Staatseinnahmen von rund 60 Prozent gewärtigen. Dabei bräuchte es das Geld dringend, um die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Unzufriedenheit unter Jungen unter dem Deckel zu halten. Als wäre das nicht genug, signalisiert Iran – just der historische Rivale der Saudis in der Region –, mit dem allmählichen Wegfall der Sanktionen auch den Ölexport hochfahren zu wollen.

Risiko Nr. 3: Brexit

Mit einem Austritt Grossbritanniens aus der EU (Brexit) würde sich nicht nur das Vereinigte Königreich ins eigene Fleisch schneiden – sein Pro-Kopf-Einkommen würde im Isolationsfall bis zu 25 Prozent absacken. Aber selbst wenn es einen Zugang zum EU-Markt aushandeln könnte, wäre die Einbusse mit rund 6 Prozent noch immer sehr hoch. Ähnlich hoch wären die Verluste für Handelspartner wie Irland, Luxemburg und Malta. Aber auch Belgien verlöre von zwei bis zehn Prozent seines Pro-Kopf-Einkommens, rechnet BlackRock vor. In den grossen EU-Ländern Deutschland, Frankreich und Italien würde der Ausfall von knapp 1 bis knapp 4 Prozent schwanken. Noch immer ist aus Umfragen nicht klar, ob sich die Bevölkerung am Referendum vom 23. Juni gegen einen Austritt aus der EU aussprechen wird.

Risiko Nr. 4: US-Wachstum

Vital ist die Frage, ob die USA, deren Erholung unter den Industriestaaten am weitesten fortgeschritten ist, mit dem Wirtschaftswachstum hinter den Erwartungen zurückbleiben wird. Das hat auch Einfluss auf die Entscheidung der US-Notenbanken, den im Dezember begonnenen zaghaften Zinserhöhungszyklus fortzuführen. Seit der damaligen Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte hat die Federal Reserve alle der bisher möglichen Termine für eine Erhöhung ausgelassen. Auch für Juni stehen die Chancen nicht mehr besonders gut. In ihren jüngsten Analysen sprach die wichtigste Zentralbank der Welt von schwächeren Konjunkturdaten und einer ungünstigen Entwicklung der Weltwirtschaft. Damit dürfte die Furcht auch im Juni vorherrschen, mit einer weiteren Zinserhöhung das zarte Pflänzchen, das der Aufschwung noch immer ist, zu ersticken. Die Liquiditätsschleusen dürften damit offen bleiben. BlackRock rechnet mit höchstens einer Zinserhöhung in den USA in diesem Jahr.