Abgas-Skandal

Der Technik-Freak tritt ab – wer übernimmt das Steuer bei VW?

Bis zum Auffliegen des Skandals deutete alles darauf hin, dass Martin Winterkorns Vertrag am Freitag um zwei Jahre verlängert worden würde.

Bis zum Auffliegen des Skandals deutete alles darauf hin, dass Martin Winterkorns Vertrag am Freitag um zwei Jahre verlängert worden würde.

Martin Winterkorn tritt als Chef des Volkswagen-Konzerns zurück, ohne Fehlverhalten einzugestehen. Wer ist der Mann, der

VW-Konzernchef Martin Winterkorn tritt nach dem Skandal um manipulierte Abgastests per sofort zurück. In einer kurzen Presseerklärung zeigte er sich «bestürzt» und «fassungslos» über die Vorkommnisse bei Europas grösstem Autobauer. Er übernehme mit seinem Rücktritt als Vorstandsvorsitzender die Verantwortung für die «bekannt gewordenen Unregelmässigkeiten bei Dieselmotoren». Winterkorn wies zurück, von der bei weltweit 11 Millionen Dieselfahrzeugen eingebauten Software gewusst zu haben: «Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin.» Der Konzern brauche einen Neuanfang, sagte Winterkorn, der noch am Dienstagabend an seinem Amt festhalten wollte. «Mit meinem Rücktritt mache ich den Weg dafür frei.» Deutschlands bestbezahlter Manager schloss mit den Worten: «Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.»

Detailversessen

Mit Winterkorns Abgang endet eine äusserst erfolgreiche und viele Jahre dauernde Ära beim deutschen Automobil-Riesen. Der 68-Jährige gilt als detailversessener Auto-Freak, der nur ungern Entscheidungen delegierte. Dem in der Nähe von Stuttgart geborenen Winterkorn, der vor seinem Eintritt in die Automobilbranche Metallphysik studiert hatte, eilte der Ruf nach, seine Fahrzeuge gerne höchstpersönlich auf Herz und Nieren überprüft zu haben. Mitarbeiter seien regelmässig ins Schwitzen geraten, wenn der Chef mal wieder unangemeldet bei der Endabnahme vorbeigeschaut und über Kleinigkeiten gemäkelt habe. Dennoch genoss er bei der Belegschaft hohes Ansehen, weil er um Nähe zu seinen Mitarbeitern bemüht war.

«Wir sind dabei, die Hintergründe schonungslos aufzuklären»: Die Video-Botschaft von VW-CEO Martin Winterkorn.

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Noch im April hat Winterkorn den Machtkampf gegen Konzernpatriarch Ferdinand Piëch, Enkel des legendären «Käfer»-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, für sich entschieden und ist damit aus dem Schatten des Österreichers getreten. Das Zerwürfnis kam überraschend, Winterkorn wurde von Piëch über Jahre gefördert. Nachdem Winterkorn 1977 seine Karriere bei Bosch lanciert und später in die Audi-Zentrale nach Ingolstadt gewechselt hatte, stiess er 1993 zu Volkswagen. 2002 wurde er Audi-Chef, 2007 stieg er dann zum VW-Konzernchef auf. Winterkorn baute VW zum Giganten mit zwölf Marken, weltweit 100 Fahrzeugwerken und 600 000 Beschäftigten aus. Der Aktienkurs des Unternehmens schoss um 350 Prozent in die Höhe, allerdings hat der Abgas-Skandal den Konzernwert teilweise wieder weggefressen. Bis zum Auffliegen des Skandals um manipulierte Abgastests deutete alles darauf hin, dass der Aufsichtsrat morgen Freitag den Vertrag mit Winterkorn um weitere zwei Jahre bis 2018 verlängert worden wäre. Bis 2018 wollte Winterkorn dann Toyota – gemessen am Absatz – überholen.

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Porsche-Chef in Poleposition

Wer auf Winterkorn an der Konzernspitze folgen wird, soll erst am Freitag entschieden werden. Seit Montag machen vor allem zwei Namen die Runde: Porsche-Chef Matthias Müller sowie Markenchef Herbert Diess. VW kündigte am Mittwoch an, dass weitere personelle Konsequenzen gezogen würden. Zudem hat der Konzern selbst eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig gestellt. Interne Untersuchungen laufen laut VW auf Hochtouren. Immerhin konnte am Mittwoch der freie Fall der Konzern-Aktie gebremst werden, nachdem die Aktie am Montag und Dienstag um jeweils einen Fünftel eingebrochen war und VW eine Gewinnwarnung herausgegeben hatte. Am Mittwochnachmittag drehte der Kurs der Aktie ins Plus und legte um 9 Prozent zu.

Allerdings ist am Montag durchgesickert, dass die USA bereits im letzten Jahr bei VW wegen der Diskrepanzen bei Tests und üblichem Fahrverhalten vorstellig geworden waren. Im Dezember soll VW rund eine halbe Million seiner Modelle zu einem Software-Update zurückgerufen haben. Weshalb die hoch riskante Trickserei nicht spätestens damals behoben worden ist, bleibt weiter unklar.

Laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) stammt die zur Manipulation genutzte Software aus dem Jahr 2005. Aus jener Zeit also, als VW, Mercedes, Audi und BMW versucht haben, die deutsche Diesel-Technik in den USA hoffähig zu machen. Den Ingenieuren sei es offenkundig nicht gelungen, die strengen US-Normen auf technischem Weg einzuhalten. VW hat über eine Rückrufaktion für die elf Millionen von der Abgas-Affäre betroffenen Diesel-Autos bislang noch nicht entschieden.

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