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Der Raufbold hintersinnt sich: Uber-Chef Travis Kalanick zieht sich vorübergehend zurück

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Travis Kalanick übernimmt Verantwortung für chaotische Zustände des Fahrdiensts – und nimmt eine Auszeit.

Aus einer simplen Idee hat Travis Kalanick das wertvollste Privatunternehmen der Welt geformt: Der Online-Fahrdienst Uber wird derzeit auf rund 70 Milliarden Dollar geschätzt und beschäftigt über 14 000 Mitarbeiter. Trotzdem ist Uber-Chef Kalanick für die meisten kein Held, sondern vielmehr eine Personifizierung von all jenen Problemen, mit denen das Silicon Valley derzeit zu kämpfen hat.

In der Tech-Branche gilt er als einer der kontroversesten Manager überhaupt. Seit Monaten produziert der 40-Jährige mit seiner Firma regelmässig Negativschlagzeilen. Dabei geht es unter anderem um seine Wutausbrüche, Sexismus-Vorwürfe und um eine Klage der Google-Mutterfirma Alphabet. Jetzt hat Kalanick seinen Kritikern nachgegeben: «Ich trage die ultimative Verantwortung dafür, wo wir heute stehen und wie wir hierhergekommen sind», schrieb er in einer E-Mail an seine Mitarbeiter.

Für ein «Uber 2.0» brauche es einen «Travis 2.0». Deshalb ziehe er sich für unbestimmte Zeit aus dem Tagesgeschäft zurück. Zwar will der Uber-Gründer die Firma irgendwann wieder selber führen, «aber vorher muss ich mir Zeit nehmen, um zu reflektieren, um an mir selber zu arbeiten und um ein weltklassiges Führungsteam zusammenzustellen.»

Dass der Entscheid genau jetzt kommt, ist kein Zufall: Am Sonntag hielt der Uber-Verwaltungsrat eine siebenstündige Sitzung ab, um über die Empfehlungen des «Holder-Reports» zu diskutieren. Die Untersuchung gab der Verwaltungsrat bei Ex-US-Justizministers Eric Holder in Auftrag, nachdem im Februar Berichte über die «toxische» und «frauenfeindliche» Firmenkultur von Uber an die Öffentlichkeit gelangten. Das externe Team unter von Holder hat nun diverse Massnahmen zusammengestellt, um etwas an diesen Umgangsformen zu verändern. So schlägt der Bericht etwa vor, die Verantwortungsbereiche von Kalanick zu überdenken.

Daneben trug auch ein Schicksalsschlag in Kalanicks Familie zum Entscheid bei: Vor zwei Wochen starb seine Mutter bei einem Bootsunfall, sein Vater wurde schwer verletzt. Daraus habe er gelernt, «dass Personen wichtiger sind als die Arbeit», schreibt Kalanick. Eine Einstellung, die man bei ihm lange Zeit vermisste.

Unersetzliche Visionäre?

Es ist sehr aussergewöhnlich, dass Firmenchefs ihren Posten zwischenzeitlich aufgeben. Gerade im Silicon Valley werden erfolgreiche Gründer häufig als unantastbar eingeschätzt. Sie gelten durch ihre visionäre Art als zu wichtig, um auf sie verzichten zu können. Dies galt lange auch für Kalanick. Im Unterschied zu Firmen wie Facebook oder Google, die sich ähnlich rasant entwickelt hatten, lag der Fokus bei Uber fast nur auf Wachstum. Dafür hat Kalanick staatliche Regulierungen gezielt umgangen und firmeninternes Fehlverhalten schlicht ignoriert. Wichtige Strukturen fehlen heute bei Uber; Bürokratie hat der Chef immer abgelehnt. Diese Entscheidung rächt sich nun.

Bereits im März kündigte Uber-Verwaltungsrätin Arianna Huffington an, dass sich Kalanick bezüglich Führungsstil vom «rauflustigen Unternehmer» zum «Leiter eines bedeutenden globalen Konzerns» wandeln müsse. Dazu gehöre auch eine offene Firmenkultur. Kalanick und andere Uber-Funktionäre sorgten mit sexistischen Sprüchen wiederholt für Aufruhr. Das jüngste Beispiel ereignete sich erst vorgestern – und zwar ausgerechnet während der Präsentation der Massnahmen, mit denen Uber die Diskriminierung bekämpfen will.

Huffington sagte vor der Belegschaft, dass eine Frau im Verwaltungsrat laut Studien dazu führen könne, dass weitere Frauen dem Gremium beitreten. Darauf erwiderte David Bonderman, selber Uber-Verwaltungsrat, grinsend: «Aber eigentlich zeigen diese Studien vor allem, dass dann einfach viel mehr geredet wird.» Er entschuldigte sich einige Stunden später für diese Aussage und gab am Abend sogar seinen Rücktritt aus dem Verwaltungsrat bekannt.

Uber ist im Umbruch – nicht nur wegen Kalanick und Bonderman. Vor kurzem kündigte bereits Top-Manager Jeff Jones seine Stelle beim Unternehmen, genauso wie Finanzchef Gautam Gupta. Diverse weitere Führungskräfte wurden entlassen, wie etwa der Verantwortliche für autonome Fahrzeuge. Währenddessen sucht Uber schon seit Monaten erfolglos nach einem Chief Operating Officer, der das Tagesgeschäft leiten soll.

Ende der Negativspirale?

Dass Kalanick seine Position zwischenzeitlich aufgibt, wäre wohl zu einem anderen Zeitpunkt eine Chance für Uber gewesen. Der Entscheid hätte die nötige Ruhe bringen können, um die erwähnten Baustellen zu bereinigen. In der derzeitigen Schieflage von Uber wäre es vermutlich allen recht, wenn einer der unantastbaren Silicon-Valley-Visionäre den Chefposten übernehmen würde. Ob sich die Firma trotzdem aus der aktuellen Negativspirale retten kann, wird sich erst noch zeigen.

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