Novartis hat die Stimme verloren. Weder Präsident Daniel Vasella noch ein anderes Mitglied des Verwaltungsrats (VR) wollten sich in einem Interview zum Communiqué äussern, das der Basler Konzern gestern um 8.31 Uhr verbreiten liess. Es war das Dokument der Kapitulation: Vasella verzichtet auf die «marktgerechte Vergütung» eines Konkurrenzverbots. 72 Millionen Franken wollte der Pharmariese dafür zahlen. Während sechs Jahren hätte Vasella Monat für Monat eine Million Franken kassiert, um nichts zu tun. Zur Erinnerung: Diese für die Schweiz einmalige Vereinbarung hatte der Verwaltungsrat einstimmig abgenickt, ist aus dem Unternehmen zu vernehmen.

Für die Kampagnenleiterin von Economiesuisse, Ursula Fraefel, waren andere Mächte im Spiel um Daniel Vasella dazu zu bringen auf seine 72 Millionen zu verzichten

Für die Kampagnenleiterin von Economiesuisse, Ursula Fraefel, waren andere Mächte im Spiel um Daniel Vasella dazu zu bringen auf seine 72 Millionen zu verzichten

Erstmals öffentlich gemacht hat Novartis diese Vereinbarung im Geschäftsbericht 2010. Um wie viel Geld es ging, blieb geheim. Am 23. Januar, als er seinen Rücktritt ankündigte, bestritt Vasella gegenüber der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens, dass es sich dabei um Millionen handle. Und am vergangenen Freitag, als auskam, wie es wirklich ist, sagte Vasella, er spende das Geld.

Von allen Seiten unter Beschuss

Von links bis rechts bis hin zum Dachverband der Wirtschaft Economiesuisse kamen der Top-Manager, der Verwaltungsrat und das Unternehmen danach unter Beschuss. Der ehemalige Verbandspräsident, der Freisinnige Gerold Bührer, sagte gegenüber der «SonntagsZeitung», Vasella sei «zum Bleifuss für die freiheitlich-marktwirtschaftliche Ordnung in der Schweiz» geworden. Der Novartis-Verwaltungsrat müsste auf «die Vereinbarung zurückkommen».

Genau davon geht Gregor Greber, Partner der Beteiligungsgesellschaft zCapital, auch aus: «Aufgrund des starken Drucks von Aktionärsseite, Medien und Politik ist der Verwaltungsrat auf seinen Entscheid zurückgekommen und hat Daniel Vasella überzeugt, auf die Entschädigung zu verzichten.» In Aktionärskreisen mag niemand glauben, dass es wirklich Vasella selbst war, der dies dem Verwaltungsrat empfohlen habe. Auch für Bernhard Bauhofer, Reputationsexperte und Gründer der Beratungsfirma Sparring Partners, ist der Verzicht das Resultat des Drucks von aussen: «Daher ist dies keine Massnahme zur Verbesserung der Reputation der Firma, sondern das Eingeständnis der Schwäche des Verwaltungsrats.» Dieser habe damit auch seine eigene Reputation verspielt, sagen Kommunikationsexperten. Dessen Mitglieder profitierten ja mit, sagt Bauhofer: «Sie verdienen sehr gut. Sie haben bei diesem Entscheid die Reissleine nicht gezogen und ihn bis zum bitteren Ende mitgetragen.

Beobachter reden von «Knatsch»

Das Umdenken kam zu spät. Mit dazu beigetragen hat auch, dass diese absurd hohe Vergütung von Vasellas Konkurrenzverbot selbst in den gewichtigen englischsprachigen Finanzblättern wie der «Financial Times» und dem «Wall Street Journal» sowie der «New York Times» ihren Widerhall fand. Das gefährdet nämlich den Ruf der Amerikaner im Novartis-VR in ihrer Heimat. Das kann für den einen oder anderen unangenehme Folgen haben: So ist Ann Fudge beispielsweise auch Verwaltungsrätin des amerikanischen Industriegiganten General Electric. Srikant Datar lehrt an der renommierten Harvard University. Daher ist wenig erstaunlich, dass wohl insbesondere die Amerikaner keine Lust mehr hatten, für Vasella «die Kohlen aus dem Feuer zu holen». Beobachter reden von einem «Knatsch im VR».

Nicht nur Vasella, sondern auch der VR zählt jetzt zu den Verlierern, obwohl sie sich schliesslich doch noch zu einem «Akt der Selbstregulierung» durchgerungen haben, wie ein Aktionärsvertreter sagt. Insbesondere muss der Verwaltungsrat auch das Kommunikationsdebakel mitverantworten. So bleiben noch immer gewichtige Fragen unbeantwortet. Beispielsweise ist offen, ob das Unternehmen ein Konto bei der einstigen Bank Wegelin eingerichtet hat und ob darauf wirklich Geld geflossen ist, wie das Nachrichtenportal «Inside Paradeplatz» berichtet hat. Dazu nimmt die Medienstelle auch heute noch «nicht en détail Stellung». Die Medienstelle bestätigt lediglich: Das Konkurrenzverbot sei definitiv «für beide Seiten» aufgehoben. Also für Vasella, wie das Unternehmen.

Defizite bei Corporate Governance

Auch die Reputation von Novartis ist beschädigt. «Das Beispiel UBS hat gezeigt», sagt Bauhofer, «wie lang ein solcher Reputationsverlust nachwirken kann.» Der Konzern habe im Bereich einer guten Geschäftsführung, der sogenannten Corporate Governance, noch immer grosse Defizite. Denn Vasella war jahrelang sowohl VR-Präsident als auch CEO. «Diese Machtballung war für die Corporate Governance nicht von Vorteil», sagt Bauhofer. Vasellas Nachfolger, der designierte VR-Präsident Jörg Reinhardt, muss dies beheben. Schnell.