Wirtschafts-Deal des Jahres
Der Mann, der es tat – Jean-Paul Clozel verkaufte seine Actelion: «Manchmal packt mich Wehmut»

Er verkaufte seine Biotechfirma für 30Milliarden Dollar an Johnson & Johnson. Jean-Paul Clozel (62) kämpfte hart, um die Forschung vor der Zerschlagung zu retten.

Laurina Waltersperger
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Jean-Paul Clozel machte Actelion zur grössten Biotechfirma Europas. Im Januar 2017 verkaufte er sie an J&J. Die Wirkstoffe in der Forschung behielt er mit der neuen Firma Idorsia auf clevere Weise unter seinen Fittichen.

Jean-Paul Clozel machte Actelion zur grössten Biotechfirma Europas. Im Januar 2017 verkaufte er sie an J&J. Die Wirkstoffe in der Forschung behielt er mit der neuen Firma Idorsia auf clevere Weise unter seinen Fittichen.

Keystone

Als Jean-Paul Clozel an diesem Januarmorgen vor die Medien trat, hatten viele gar nicht mehr damit gerechnet, dass der Actelion-Gründer seine Biotech-Firma doch noch an den US-Riesen Johnson & Johnson (J&J) verkaufen würde. Zu turbulent waren die Verhandlungen mit den Amerikanern zuvor verlaufen. Es war fraglich, ob die beiden Parteien noch einmal gemeinsam an den Verhandlungstisch finden würden und Actelion, – bis dahin Pionier und grösstes Biotech-Unternehmen in Europa, tatsächlich in US-Hände übergehen würde.

Menschen 2017

Kaum hatte das Jahr 2017 begonnen, überraschte Biotech-Pionier Jean-Paul Clozel als Mann der Taten. Er verkaufte Actelion, sein Lebenswerk. Wir haben Persönlichkeiten, die 2017 geprägt haben, vor dem Jahreswechsel noch einmal zu einem Gespräch getroffen. Wie blicken sie mit etwas Abstand zurück auf die letzten Monate? Was hätten sie anders gemacht? Heute schauen wir mit Jean-Paul Clozel auf den grössten Wirtschaftsdeal 2017 zurück.

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Doch sie taten es. Jean-Paul Clozel hatte hoch gepokert. Und schliesslich gewonnen. Am Wintermorgen des 26. Januars 2017 in Allschwil stand ihm die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben, als er zusammen mit dem J&J-Management die Öffentlichkeit über den Deal informierte: Er verkauft Actelion, sein Baby, die Schweizer Biotech-Firma der ersten Stunde, für 30 Milliarden Dollar an den amerikanischen Gesundheitskonzern J&J.

Clozels Pokerspiel

Den bereits befürchteten Kahlschlag in der Forschungsabteilung der Allschwiler Biotechfirma kann der 62-Jährige abwehren. Bis auf zwei Wirkstoffe sind die Arzneien, die sich noch in der Medikamentenentwicklung befinden, vom Deal ausgeschlossen. Mit diesen Pipeline-Kandi- daten und etwa 630 der bisherigen Actelion-Mitarbeiter gründen Jean-Paul Clozel und seine Frau Martine die neue Firma Idorsia. Etwa zwei Drittel der neuen Crew sind Forscher. Das Ehepaar hält seit Mitte Juli 26 Prozent, J&J 32 Prozent am neuen Unternehmen (siehe Box).

Der Weg dahin war jedoch alles andere als einfach: «Ich machte mir Sorgen um die Arbeitsplätze. Bei solch grossen Transaktionen fallen häufig die Forscher den Kostensynergien zum Opfer», sagt Clozel knapp ein Jahr nach der Übernahme zur «Nordwestschweiz». Für ihn war stets klar, dass er nach einer Lösung suchen musste, um die Forschung weiterführen zu können. Das ist ihm gelungen. Mit seiner neuen Firma Idorsia sitzt Clozel ebenfalls auf dem Firmen-Campus von Actelion. «Manchmal packt mich die Wehmut», sagt Clozel. Dann, wenn er aus dem Fenster seines Büros auf die Nachbargebäude schaut, die nun J&J gehören.

Grafik: NCH/MTA

Die neue Forschungseinheit war dann auch ein wesentlicher Grund, weshalb die Verhandlungen mit J&J andauerten. «Keiner würde bis zu 30 Milliarden Dollar für Actelion bezahlen, wenn er nicht die ganze Firma übernehmen möchte», hiess es damals aus Fusionskreisen und bei institutionellen Anlegern. Als die ersten Verhandlungen mit J&J im Dezember 2016 platzten, wurden die Grossanleger unruhig. Noch vor den ersten Gerüchten um eine Übernahme notierte die Aktie bis im September bei etwa 150 Franken. Zum Jahresende hin kletterte der Aktienkurs zeitweise auf knapp 220 Franken. Ein rasanter Anstieg. Kein Wunder, wollten die Investoren den Ausstieg – und damit Kasse machen.

Idorsia: Clozels neues Baby macht erste Schritte

Die meisten Wirkstoffkandidaten in der Medikamentenforschung der alten Actelion konnte Gründer Jean-Paul Clozel beim Verkauf an Johnson & Johnson (J&J) ausklammern. An ihnen arbeitet er zusammen mit einem Viertel der einstigen Actelion-Belegschaft; von den aktuell etwa 650 Mitarbeitende sind gut 550 Forscher. Jean-Paul Clozel und seine Frau Martine halten 26 Prozent an Idorsia, J&J 32 Prozent.

Der Schweizer Medtech-Pionier Rudolf Maag ist mit gut sieben Prozent investiert, eingestiegen sind auch namhafte US-Hedgefonds-Manager wie Matthew Sirovich, Jeremy Mindich oder John Paulson. Wie Firmenchef Clozel sagt, will Idorsia 2018 bei mehreren Produkten die zulassungsrelevante Endphase der Forschung starten. Dazu zählen Aprocitentan gegen Bluthochdruck in der Lungenarterie und das Schlafmittel Dora. Bei Ersterem wird Idorsia für die kostenintensive Endphase der Forschung mit J&J zusammenarbeiten. Kommt die Arznei auf den Markt, besitzt J&J weltweit das exklusive Vermarktungsrecht, für Idorsia fallen umsatzbasierte Lizenzzahlungen ab. (wal)

Clozel wurde für sie dabei zunehmend zum Risiko. Sie hatten Angst, der als stur und kapriziös geltenden Unternehmer könnte ihnen einen Strich durch die Rechnung machen und den Deal platzen lassen. Investierte Hedgefonds hatten im Markt mächtig Stimmung gegen Clozel gemacht. Sie wollten ihre Anteile im Zweifel einem interessierten Käufer andienen, um so eine Zweidrittelmehrheit zu bilden. Mit dieser wäre Actelion gezwungen gewesen, die Übernahme zu prüfen. Bereiteten sie Clozel schlaflose Nächte? Dazu sagt der 62-Jährige rückblickend nichts.

Jean-Paul Clozels Sturheit zahlte sich aus. Am Tag der Ankündigung im Januar, als die Tinte auf den Verträgen mit J&J kaum getrocknet war, sagte er zur «Schweiz am Sonntag»: «Mir war klar, wenn ich einer Übernahme zustimme, dann kann ich einen zweiten Fall Serono nicht verhindern.» Dort sei nach der Übernahme durch den Pharmariesen Merck nichts mehr von der alten Firma übrig geblieben.

J&J kriegt Konkurrenz

Die Frage war jedoch, wie das inhaltlich und verhandlungstechnisch mit J&J auszugestalten war – und wie Clozel die Amerikaner dafür gewinnen konnte. Denn die wollten für den stolzen Preis erst die ganze Actelion. Statt mit einer Unterschrift kam Clozel deshalb vor Weihnachten 2016 mit einem geplatzten Deal nach Hause. Der französische Pharmariese Sanofi nutzte die Gunst der Stunde. Beinahe, so heisst es aus gut unterrichteten Kreisen, wären die Franzosen zum Zug gekommen, hätten diese nicht noch in letzter Minute zusätzliche Forderungen gestellt. «Sans moi!», lautete Clozels Antwort.

Nach dem Verhandlungsaus in Paris wurde New York wieder zur Option. Clozel und J&J fanden zurück an den Verhandlungstisch. Die Amerikaner hatten begriffen, dass ihnen andere Bieter bei Actelion zuvorkommen könnten. New York und Allschwil verhandelten fortan exklusiv. Damit es keine bösen Überraschungen von dritter Seite mehr geben konnte. Der Deal musste klappen. Doch was war die richtige Struktur?

Die Idee kam Jean-Paul Clozel zusammen mit seiner Frau, als sie in der Bretagne am Strand spazierten. An einem Wochenende kurz vor dem Jahreswechsel hatten sie das Problem auf dem Weg der Küste entlang diskutiert. «Wir mussten eine Lösung finden, mit der alle glücklich sind. Wir wussten: Wenn wir ganz übernommen werden, dann funktioniert das nicht», sagte Clozel im Januar. Noch am Vortag verhandelte er bis zur letzten Minute in New York, unweit des J&J-Hauptsitzes, bevor er mit dem Flieger zurück in die Schweiz flog und an jenem Morgen des 26. Januars 2017 vor die Presse trat. Aus nächster Nähe verrieten seine Augen, dass er ziemlich müde war. Aber er war zufrieden.

Grosse Forschungspläne für 2018

Zufrieden ist Clozel heute auch mit den Fortschritten seiner neuen Firma Idorsia. Erst kürzlich erhielt das Biotech-Unternehmen von J&J eine erste Meilensteinzahlung über 230 Millionen Dollar für Aprocitentan, eine Arznei für Patienten mit Bluthochdruck in der Lungenarterie (PHA), bei denen bisherige Therapien nicht wirken. Der US-Konzern erwarb bei der Übernahme im Januar die Option, für diesen Wirkstoff eine Kooperation mit Idorsia einzugehen. «Ich denke, wir werden noch vor den nächsten Sommerferien mit der zulassungsrelevanten Phase der Forschung loslegen können», sagt Clozel. Auch weitere Wirkstoffe sollen 2018 in die finale Forschungsphase vorrücken, darunter ein Schlafmittel.

Zudem steigt das Ärztepaar Clozel in ein neues Therapiefeld ein. Letzte Woche verkündeten sie eine Forschungskooperation mit Roche. Zusammen wollen sie «eine neue Wirkstoffklasse in der Krebsimmuntherapie voranbringen». Diese steht noch am Anfang der Forschung.

Nicht weit entfernt von Allschwil, in den Basler Forschungslabors des Pharmakonzerns Roche, begann auch die Geschichte von Actelion. Jean-Paul und Martine Clozel waren 1997 mit weiteren Forschern aufgebrochen, um einen Wirkstoff auf eigene Faust gross rauszubringen. Einer, dem Roche keinen Erfolg bescheinigte und ihn aus der Pipeline warf. Actelion machte daraus Tracleer, eine Arznei gegen PHA. Sie wurde als Milliardenprodukt zum Hauptumsatzträger von Actelion. Das kommerzielle Geschäft im PHA-Bereich gehört nun J&J. Ob Clozel in der Forschung den Erfolg von Tracleer wiederholen kann, wird er zeigen müssen.

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