Die Bürotürme glänzen im Finanzdistrikt von London, Canary Wharf, am Ufer der Themse. Geschäftig eilen die Banker durch die Flure. Es gehe hier immer nur ums Geld, sagt der Mann, der den Lift bedient. «Wir sind schliesslich in England.» Bald wird jedoch der grösste Finanzplatz Europas, mithin der Welt, nicht mehr zur Europäischen Union gehören. Und das hat gewaltige Folgen, sagt Simon Gleeson, Partner der renommierten Anwaltsfirma Clifford Chance, der die betroffenen Banken berät. Als Erstes müssen sich die Londoner Banken um eine Niederlassung in der EU bemühen, für den Fall, dass es mit der EU zu keinem Abkommen kommt. «Jede grössere Bank hat Pläne ausgearbeitet, wie sie den Brexit meistern kann – auch für den Fall, dass es zu keiner Vereinbarung mit Brüssel kommt», sagte er diese Woche im Rahmen eines Austauschs, der vom Europainstitut der Universität Zürich in London organisiert wurde. Tatsächlich melden Quellen, dass derzeit im grossen Stil Büroräumlichkeiten in Frankfurt oder Paris angemietet werden.

In den Diskussionen über den Austritt Grossbritanniens aus der EU ist der Finanzplatz London sicher das heisseste Dossier. Wie die geschwächte britische Regierung derzeit in den Verhandlungen mit Brüssel von einer Peinlichkeit in die nächste rutscht, macht den Bankern zu schaffen. Auch die Wirtschaftsaussichten für das kommende Jahr wurden diese Woche gesenkt. Der Entscheid, die europäische Bankenaufsicht von London nach Paris zu zügeln, hat gezeigt, dass es ernst gilt. Im April 2019 wird der Brexit Realität.

Zieht CS nach Dublin?

Die Unsicherheit wird durch die verschiedenen Umfragen untermauert, die die Folgen des Austrittes auf die lukrative Branche, in der rund 1,1 Millionen Menschen ihr Auskommen fristen und die 12 Prozent zur Wirtschaftsleistung Grossbritanniens beiträgt, aufzuzeigen versuchten. Gemäss dem Nachrichtendienst Reuters etwa werden in einer ersten Phase 10'000 Stellen abwandern. Am stärksten betroffen sehen sich Investmentbanken aus den USA, die von London aus den europäischen Markt bedienen, aber auch britische Banken. Die Bank of England, die britische Notenbank, rechnet bei einem harten Brexit mit einem Verlust von 75'000 Stellen.

Abbaupläne wälzen derzeit auch die beiden Schweizer Grossbanken, die Tausende Mitarbeiter in London beschäftigen. Beobachter rechnen damit, dass noch in diesem Quartal beide bekannt geben, ob und wo sie künftig die Zelte aufschlagen werden und wie viele Leute betroffen sind. Gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg haben sich Morgan Stanley, Citigroup, Standard Chartered und Nomura Holdings sowie Goldman Sachs für Frankfurt entschieden. Gleiches soll auch die UBS planen. HSBC soll sich für Paris entschieden haben, Barclays für Dublin. Auch bei der CS tippt man auf Dublin. Nächste Woche soll CS-Chef Tidjane Thiam die Pläne vorstellen. Beide Banken geben keine Kommentare zu den Plänen bekannt. Sicher ist, dass ein solcher Umzug grosse Kosten verursacht.

Beziehungen zur Schweiz

London, so der Tenor der Banker, die jedoch anonym bleiben wollen, wird trotz dem Abbau der wichtigste Finanzplatz bleiben. Einige hegen sogar die Hoffnung, dass der Brexit zu einer Chance werden kann für ganz neue Angebote. Wichtig ist aber zunächst die Frage, wie der Zugang zu Europa aussehen wird. Die Londoner hoffen, dass man etwa so etwas wie eine gegenseitige Anerkennung der Regeln aushandeln kann. Hier kommt die Schweiz ins Spiel. Denn auch der Schweizer Finanzplatz kämpft seit Jahren um einen besseren Zugang in den EU-Markt.

Bei ihren Bemühungen haben die Briten nun die Schweiz als Partner entdeckt. Diese Woche traf sich ein neugegründetes hochkarätiges beratendes Gremium – eine sogenannte Market Advisory Group – der britischen Bankiervereinigung TheCityUK mit Wirtschaftsvertretern aus der Schweiz, um gemeinsame Positionen auszuleuchten. Begleitet wurde das Treffen von der Schweizer Botschaft in London. In dieses Bild passt, dass die britische Botschaft in Bern auch die Zahl der Angestellten aufgestockt hat.