Es sind Szenen, wie es sie in der Schweiz vorher und nachher kaum je gegeben hat: Als im Juni 1962 in Zürich die Trauerfeier für Gottlieb Duttweiler stattfindet, weint die ganze Stadt – ja, die ganze Nation. Der Andrang ist so gross, dass die Zeremonie vom Fraumünster auch in das Grossmünster, in den St. Peter und in die Wasserkirche übertragen wird. Keine Frage: Der Mann, der am 15. August 1888 das Licht der Welt erblickte, hat die Schweiz geprägt wie kaum ein anderer im 20. Jahrhundert. Mittlerweile ist «Dutti», wie ihn das Volk nannte, längst zur Legende geworden. Er ist in Erinnerung geblieben als Unternehmer mit Herz, der mit seiner Migros für die Sache des kleinen Mannes – oder vielmehr für dessen Frau – kämpfte.

Was in der Retrospektive aber oft zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass Duttweiler zu seinen Lebzeiten für viele so etwas wie ein Staatsfeind war. Die Detailhändler, die Markenartikelindustrie, die etablierten Parteien sowie die bürgerliche Presse hielten ihn für einen Querulanten, einen Störer des öffentlichen Friedens und einen unmöglichen Selbstdarsteller. «Es gab viele, die ihm blindlings vertrauten. Und es gab viele, die ihn aus ganzer Seele hassten», schreibt der Schriftsteller Curt Riess in seiner 1959 zum ersten Mal erschienenen Biografie.

Es leuchtet ein, dass das politische und wirtschaftliche Etablissement keine Freude an Duttweiler hatte. Mit seinen unzähligen visionären Vorstössen und Ideen wollte er geltende Normen regelmässig komplett über den Haufen werfen. Bemerkenswert ist aber, dass Duttweiler auch bei seinen engsten Mitstreitern keineswegs unumstritten war. Er behandelte sie nicht immer gut. Wenn er sie brauchte, dann war er reizend, liebenswürdig, charmant. Ein halbes Jahr später konnte er dem gleichen Mann aber die schärfste Abfuhr erteilen. Für Duttweiler zählte nur die Sache. Auf einzelne Befindlichkeiten nahm er kaum Rücksicht.

Sein autoritärer Führungsstil wurde ihm sowohl in der Politik als auch innerhalb der Migros beinahe zum Verhängnis. 1943 verlangten seine Nationalratskollegen vom Landesring der Unabhängigen (LdU) – der Partei, die 1935 von ihm ins Leben gerufen worden war – seinen Rücktritt. Der offizielle Grund war eine Affäre rund um eine umstrittene Geldzahlung an einen kommunistischen Geschäftsmann. In Wahrheit waren die parteiinternen Aufrührer aber wohl vor allem pikiert, weil sie spürten, dass sie bei den Entscheidungen Duttweilers keine Rolle spielten. Er tat immer genau das, was er für richtig hielt, und liess sich von niemandem beeinflussen.

14 Jahre spätermusste sich Duttweiler auch von seinen Migros-Kollegen heftige Kritik anhören. An einer Delegiertenversammlung klagten sie, er sei zu selbstherrlich. Zudem schere er sich nicht darum, wie weit seine Befugnisse reichen und ob er in die Rechte und Kompetenzen seiner Ressortchefs und Direktoren eingreife. In dieser höchst emotionalen Situation war sogar Duttweilers Absetzung an der Spitze der Migros nicht ausgeschlossen. Man muss sich das einmal vor Augen halten: Gottlieb Duttweiler wurde von jenen Leuten infrage gestellt, denen er mitten im 2. Weltkrieg sein Lebenswerk verschenkt hatte, indem er die Migros von einer Aktiengesellschaft in eine Genossenschaft umwandeln liess. Diese Angriffe aus den eigenen Reihen gingen auch am sonst so dickhäutigen Duttweiler nicht spurlos vorbei. Doch genau in diesem schwierigen Moment stärkte ihm eine Person den Rücken, die sonst meist im Hintergrund geblieben war: seine Frau Adele.

An einer Sitzung im Kreise der engsten Mitarbeiter ergreift sie zwei Tage nach der Delegiertenversammlung das Wort. Sie beschönigt nichts. Sie kennt ihren Mann und weiss, dass oft sein Temperament mit ihm durchgeht. Trotzdem weist sie die Männer gemäss Curt Riess mit folgenden Worten in die Schranken: «Ihr habt meinen Mann gekannt, als ihr zur Migros kamt. Ihr habt gewusst, dass er nicht einfach ist.» Doch was bedeute das alles, verglichen mit dem, was er geleistet und geopfert habe, fragt sie. Und dann sagt sie etwas Entscheidendes: «Wenn er nicht so gewesen wäre, hätte er die Migros nie geschaffen.»

Bei Gottlieb Duttweiler war es nicht anders als bei anderen grossen Persönlichkeiten, die sich einer Sache vollkommen verschrieben: das Menschliche, das Private litt – nur schon zeitbedingt. Die Liste von Dingen, die Duttweiler aufgleiste, ist lang – eigentlich zu lang für ein einziges Menschenleben: Als gescheiterter Importgrosshändler stellt er fest, dass die Lebensmittelpreise in der Schweiz viel zu hoch sind – er gründet die Migros. Die Markenartikelhersteller boykottieren ihn – er baut eigene Fabriken auf. Die bürgerliche Presse schneidet ihn – er wird selbst zum Verleger. Die Politik beschliesst ein Filialverbot – er sucht sich andere Geschäftsfelder. Das Filialverbot von 1933 behinderte die Expansion der Migros zwölf Jahre lang und führte dazu, dass Duttweiler in die Politik ging. Duttweilers Erfolge im Parlament blieben aber rar. Zwar mangelte es ihm auch in Bundesbern nicht an Ideen und Engagement. Meist konnte er sich aber nicht durchsetzen.

Die grossen Veränderungen erreichte Duttweiler nie mithilfe der Politik. Das schaffte er jeweils nur durch private Initiativen. Er bewies ein unglaubliches Gespür, wenn es darum ging, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen: Mit dem Hotelplan, Ex Libris, der Migros Klubschule und dem Kulturprozent machte er Reisen, Musik, Bildung und Kultur auch den unteren Schichten zugänglich.

Die Frage drängt sich auf: Was ist von Duttweiler heute übrig geblieben? 2012 erzielte die Migros-Gruppe einen Umsatz von 25 Milliarden Franken und beschäftigte über 87 000 Mitarbeiter – vom kleinen, aufmüpfigen Aussenseiter anno 1925 könnte das Unternehmen kaum weiter entfernt sein. Die Migros ist die Nummer eins im Schweizer Detailhandel. Durch die Grösse ging ein Teil der Dynamik zwangsweise verloren. Die Migros bringt zwar immer wieder Innovationen hervor, so bahnbrechend wie zu Duttweilers Tagen sind diese aber nicht mehr. Auch bei der Preisführerschaft büsste man Plätze ein: Wer heute einzig und allein auf den Preis schaut, kauft eher bei den deutschen Discountern ein. Der von Duttweiler beschlossene Verzicht auf Alkohol- und Tabakverkauf wird zudem via Denner mehr oder weniger elegant umgangen.

In vielem ist sich die Migros aber treu geblieben. 90 Prozent der Produkte werden nach wie vor selbst hergestellt. Das Unternehmen steht für eine vorbildliche Sozialpartnerschaft. Und auch das grosse Engagement für mehr Nachhaltigkeit wäre sicherlich im Sinne des Gründervaters. Dieser soll nämlich bereits 1937 die Idee eines Umwelt- und Soziallabels gehabt haben, wie Weggefährten versichern. «Dutti» war seiner Zeit eben immer ein paar Jahre voraus.

Curt Riess, Gottlieb Duttweiler: Eine Biografie. Wegner Hamburg + Verlag, Die Arche Zürich, 1959. Neuauflage Europa Verlag, Zürich 2011. 408 Seiten, Fr. 38.–.