Konjunktur

Dem Wellental ausgeliefert

Grafik Konjunktur

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Auf die fetten folgen für die Solothurner Wirtschaft die mageren Jahre. Die hohe Präsenz der exportorientierten Industrie beschleunigt die Talfahrt. Dagegen profitiert der Kanton Bern vom öffentlichen Sektor. Dieser stabilisiert die wirtschaftliche Entwicklung.

Franz Schaible

Die Zahlen sind eindrücklich: Die Solothurner Wirtschaftsleistung ist 2006 um 4,1 Prozent, 2007 um 3,1 Prozent und im vergangenen Jahr um 2,7 Prozent gewachsen. Die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel Economics publizierte dieser Tage erstmals den «Wirtschaftsatlas für Kantone». Demnach liegt Solothurn, gemessen am Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP), in der nationalen Spitzengruppe. Zusammen mit Jura, Neuenburg, Aargau und Waadt sind die Jurabogen-Kantone am stärksten gewachsen. Auch über einen längeren Zeitraum schlug sich Solothurn wacker. Das durchschnittliche BIP-Wachstum pro Jahr lag im Zeitraum 2000-2008 bei 1,8 Prozent.

Der Hauptgrund für das starke Wachstum liegt auf der Hand: «In einer Aufschwungphase profitiert die Solothurner Wirtschaft von ihrer Branchenstruktur mit ihrem überdurchschnittlichen Anteil in der Investitionsgüter- und Uhrenindustrie», sagt Karin Heimann, Leiterin der Solothurner Wirtschaftsförderung. Von der «dynamischen Entwikklung der Technologiebranchen» spricht Thomas Schoder, Mitglied der BAK-Geschäftsleitung.

Bern gebremst im Wachstum

Da kann der Kanton Bern nicht mithalten. Die Wirtschaft ist mit je 2,4 Prozent (2006 und 2007) sowie 2,3 Prozent im vergangenen Jahr deutlich schwächer gewachsen. Auch Adrian Studer, Leiter des kantonalen Amtes Berner Wirtschaft (Beco), begründet die - in diesem Fall mittelmässige - Entwicklung mit der Branchenstruktur. Das Wachstum der letzten Jahre habe auf der sehr stark expandierenden Exportindustrie basiert. Der Einfluss dieser Branche sei aber im Bernischen weit geringer als etwa in Neuenburg, Jura oder in Solothurn. «Der Kanton Bern ist zwar absolut gesehen der viertgrösste Exportkanton, doch im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft ist der Anteil eher gering», erläutert Studer. Ebenso anteilsmässig untervertreten sei in Bern der noch bis Sommer 2008 bomende Finanzsektor. Dagegen seien Branchen mit eher konstanter Entwicklung, vor allem der öffentliche Sektor und darauf bezogene Branchen wie Telekommunikation und Gesundheitswesen, stark vertreten. BAK Experte Schoder bringt es auf den Punkt: «Der Kanton Bern wurde in der Wachstumsphase durch den stark präsenten öffentlichen Sektor gebremst.»

Weg-Pendler drücken BIP pro Kopf

Eine ganz andere Rangliste ergibt sich beim Vergleich des Bruttoinlandprodukts pro Kopf der jeweiligen Bevölkerung. Dort liegt Solothurn mit 53721 Franken unter dem Schweizer Durchschnitt und hinter den angrenzenden Kantonen. Dies hänge mit dem Branchenmix mit relativ tiefer Produktivität und einem negativen Pendlersaldo zusammen, erläutert Schoder. Die Solothurner Wirtschaftsförderin Karin Heimann nennt die Zahlen dazu. Der Wegpendlerüberschuss mit knapp 13000 Personen sei «beachtlich». «Wir haben also 13000 Weg-Pendler, die ausserhalb des Kantons eine Wertschöpfung generieren.» Grund dafür sei die geografische Lage des Kantons, die enge Verflechtung mit den Nachbarkantonen und die Nähe zu den Wirtschaftszentren Zürich, Basel und Bern.

Bern profitiert, Solothurn leidet

Da steht der Kanton Bern mit einem höheren BIP pro Kopf (64323 Franken) besser da. «Wir haben im Gegensatz zu Solothurn einen positiven Pendlersaldo», sagt Beco-Chef Adrian Studer. Dieser betrage «nur» drei Prozent und sei deshalb nicht so bedeutend für die obenerwähnte Kennzahl. Das BAK weist ergänzend auf die im Bernischen ansässigen Branchen mit hoher Produktivität hin. Gemeint sind die Dienstleistungen und auch die öffentliche Verwaltung. Einsame Spitze ist aber der Kanton Basel-Stadt mit einem doppelt so hohen BIP pro Kopf wie der Schweizer Durchschnitt. Grund sind die hochproduktive Pharma- und Biotechindustrie sowie der höchste positive Pendlersaldo aller Kantone.

Was den Kanton Bern in der Boomphase am Wachstum bremste, entpuppt sich nun in der Rezessionsphase als positiv: «Die Berner profitieren in der momentanen Krise vom hohen Anteil des öffentlichen Sektors, welcher die Entwicklung der Wirtschaft stabilisiert», erklärt BAK-Experte Schoder. Allerdings leide das Berner Oberland unter dem deutlichen Abschwung im Tourismus, und der nördliche Kantonsteil mit der hohen Präsenz der Industrie spüre die eingbrochene Exportnachfrage. Beco-Chef Adrian Studer erwartet deshalb im laufenden Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung, «aber eine immer noch klar bessere Situation als in der gesamten Schweiz».

Ausgeglichenerer Branchenmix

Angesichts der stark vertretenen Exportindustrie erwartet das BAK für den Kanton Solothurn eine «deutlich stärkere Rezession als im Kanton Bern». «Ein ausgeglichenerer Branchenmix würde dazu beitragen, dass die Solothurner weniger stark den konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt sind», meint Schoder. Das wäre natürlich zu begrüssen, nimmt Wirtschaftsförderin Karin Heimann den Ball auf: «Der Branchenmix muss aber aus dem Standort wachsen, der Staat kann nicht die wachstums- und wertschöpfungsintensiven Branchen definieren und dann von oben eine Clusterpolitik dirigieren.» Die Struktur habe sich bereits diversifiziert und aus den Standortstärken wuchsen auch neue Branchen. Ein gutes Beispiel dafür sei die Medizinaltechnik. Das Know-how aus der Uhrenindustrie und Metallverarbeitung habe sich auf diese Branche übertragen.

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