Kommentieren wollte Dieter Behring das Urteil gestern nicht selbst. Der grossgewachsene und eigentlich wortgewaltige Financier verliess wortlos an der Seite seiner Frau Ruth das Gerichtsgebäude von Bellinzona. Auf Twitter hatte er zuvor von einer anstehenden «Hinrichtung» gesprochen.

Eine Hinrichtung wurde es natürlich nicht, aber das Bundesstrafgericht fällte doch ein klares Urteil. Behring, wohnhaft im Kanton Aargau, erhielt wegen gewerbsmässigen Betrugs eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren. Zudem wurde eine Ersatzforderung in Höhe von 100 Millionen Franken gegen Behring begründet. Freigesprochen wurde er vom Vorwurf der Geldwäscherei.

Bundesanwaltschaft forderte mehr

Hätte das Gericht nicht die lange Verfahrensdauer, die nahende Verjährung der Taten und den schlechten Gesundheitszustand des 61-jährigen Beschuldigten als strafmildernd anerkannt, wäre die Strafe noch höher ausgefallen. Die Bundesanwaltschaft hatte 6 Jahre und 9 Monate gefordert. Denn in der Sache folgte die Strafkammer unter Leitung von Bundesstrafrichter Daniel Kipfer praktisch in allen Punkten der Anklage. Demnach sah es das Gericht als erwiesen an, dass Dieter Behring «die alles dominierende Hauptperson» eines Schneeballsystems war, bei dem Anleger mit hohen Renditen geködert, dann aber geprellt wurden. Behring habe damit geprahlt, «einer der 10 besten Hedge-Fonds-Manager der Welt» zu sein.

Beim Ausbleiben neuer Kunden im Jahr 2004 brach das System allerdings zusammen. Die Anklage hatte von 2000 Anlegern und einer Schadenssumme von 800 Millionen Franken gesprochen. Diese Zahlen nannte der Gerichtspräsident in seinem mündlichen Urteil nicht. Behring zeigte während der mehr als eine Stunde dauernden Urteilseröffnung keine Gefühlsregung, schrieb aber fleissig mit. Erst am Ende schüttelte er mit dem Kopf.

Laut Strafkammer hat Behring nur einen minimen Teil der ihm anvertrauten Gelder wirklich investiert, die Renditen der Anlagen dann durch neue Geldzuflüsse finanziert. Das «Umlagesystem» sei ein klarer Fall von Täuschung. Er habe «egoistisch und rücksichtslos sowie arglistig» gehandelt. «Es gibt keinen Hinweis, dass das Ganze etwas anderes war als ein grosser Bluff», so Kipfer.

Bellinzona - 30.09.16 - Dieter Behring verlässt das Gericht

Bellinzona - 30.09.16 - Dieter Behring verlässt das Gericht

Das Gericht wies die These der Verteidigung zurück, wonach die Fokussierungsstrategie der Bundesanwaltschaft (BA) auf Behring einen Verstoss gegen das Fairness-Gebot darstelle. Tatsächlich hatte die BA die Ermittlung gegen neun Mitbeschuldigte und Geschäftspartner eingestellt, denen Behring vorgeworfen hatte, für den Kollaps des Systems verantwortlich gewesen zu sein. Die Verfahrenseinstellung sei einzig in Bezug auf den Straftatbestand des Betrugs erfolgt, so Kipfer.

Die Verteidiger Behrings zeigten sich nach der Urteilseröffnung schockiert. «Das ist ein Debakel für den Rechtsstaat», ereiferte sich Daniel Walder, denn das Gericht habe das juristische Grundprinzip «Im Zweifel für den Angeklagten» in sein Gegenteil verkehrt, nämlich «Gegen den Angeklagten.» Insbesondere sei nicht nachgewiesen worden, dass Behring den Geldfluss damals wirklich kontrolliert habe. Das Gericht habe sich nun zum willigen Vollstrecker der BA gemacht. «Wenn es dem Staat nicht gelingt, innert nützlicher Frist einen solchen Fall zu beenden, ist es eine Bankrotterklärung», hielt Pflichtverteidiger Roger Lerf mit Hinblick auf die 12-jährige Verfahrensdauer fest. Der Berner Anwalt wird im Übrigen von der Eidgenossenschaft für seine Dienste als Pflichtverteidiger mit 750 000 Franken entschädigt. Behring muss dafür Ersatz leisten, sobald er dazu in der Lage ist.

Dieter Behring erscheint vor Gericht

Dieter Behring erscheint vor Gericht

Bellinzona - 30.09.16 - Dieter Behring ist am Freitagmorgen vom Bundesstrafgericht zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren und 6 Monaten verurteilt worden. Die Aufnahmen zeigen Behring und seine Frau Ruth, wie sie am Gericht ankommen.

Annahme mit «Genugtuung»

Anders tönte es auf der Gegenseite. «Die BA nimmt das Urteil mit Genugtuung zur Kenntnis und wartet nun gespannt auf die schriftliche Begründung», sagte BA-Sprecherin Walburga Bur. Der federführende Bundesstaatsanwalt Tobias Kauer nahm nicht selbst Stellung. Das Urteil ist indes noch nicht rechtskräftig. Es kann an das Bundesgericht weitergezogen werden. Aufgrund der ersten Reaktion von Behrings Anwälten ist damit zu rechnen, dass dieser Fall eintreten wird.

Und die Anleger? Ein älterer Herr, der im System Behring einiges Geld verloren hatte und gestern von der Deutschschweiz extra zur Urteilseröffnung nach Bellinzona gereist war, zeigte sich erleichtert: «Ich bin jetzt glücklich und dankbar, auch als Staatsbürger – Betrüger haben in der Schweiz kein langes Leben.»