David gegen Monsanto

Der Chemiekonzern ist in den USA kürzlich wegen dem Wirkstoff Glyphosat verurteilt worden. Nun steht in Europa ein Präzedenzfall an – dank der Hartnäckigkeit eines französischen Getreidebauern.

Stefan Brändle, Bernac
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Paul François auf seinem Gut im westfranzösischen Bernac. (Bild: Phyto-Victimes)

Paul François auf seinem Gut im westfranzösischen Bernac. (Bild: Phyto-Victimes)

Die Ackerfurchen sind tief, die Schollen trocken und hart, doch Paul François stolpert über etwas anderes – ein Wort. Diesmal will ihm das Substantiv «Anbau» nicht einfallen, als er erzählt, er habe mittlerweile vollständig auf biologischen Anbau umgesattelt. «Ab und zu habe ich ganz kurze Aussetzer, wie Gedächtnislücken», meint der Landwirt, der sonst ebenso rasch wie präzis spricht. «Es ist, wie wenn der Motor für eine Sekunde stockt. Dann springt mein Gehirn wieder an.»

Schuld ist sein Unfall. Dieses Wort muss der 53-jährige Getreidebauer nicht suchen. Auch das Datum nicht: «Es war am 27. April 2004, einem Tag mit blauem Himmel.» François öffnete einen Tank mit dem Pflanzenvernichtungsmittel Lasso, um nachzuschauen, ob es leer war. War es nicht. In der Sonnenhitze hatte es starke Dämpfe entwickelt – die François nun inhalierte, als er den Deckel öffnete. Bald darauf wurde ihm schlecht und schwindlig. Ins Haus zurückgekehrt, verlor er das Bewusstsein. Seine Frau, eine ausgebildete Krankenschwester, rief sofort die Ambulanz und forderte die Notfallstation auf, das Beatmungsgerät zu aktivieren. Das rettete möglicherweise sein Leben.

Der Fall kann ein Präjudiz schaffen

Seither kämpft François gegen schwere Symptome, darunter Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, Immunschwäche. Und er kämpft gegen den US-Konzern Monsanto, den Hersteller von Lasso. Der Franzose fand schnell heraus, dass das Herbizid in Ländern wie Kanada und England wegen seiner Gefährlichkeit verboten war. Auf der französischen Etikette stand hingegen zu lesen: «Erfordert keine spezielle Ausrüstung.» Also auch keine Atemschutzmaske. Der Landwirt verlangte vergeblich eine Entschädigung und ging 2007 vor Gericht. Wenige Monate danach untersagte auch Frankreich den Einsatz von Lasso. Bleibt der Rechtsstreit.

Es ist ein Präzedenzfall: Wenn der Landwirt aus der Charente-Gegend vor Gericht recht erhält, dürften andere Lasso-Opfer folgen, und auch Kunden des noch heute verwendeten Herbizides Glyphosat. Und in Frankreich, dem grössten Agrarland der EU, könnten die Geschädigten in die Dutzende, ja Hunderte gehen, schätzt der Verein «Phyto-Victimes», der sich für Chemieopfer wie François einsetzt. François hat bereits 50000 Euro in den Rechtsstreit investiert, wovon nur ein kleiner Teil durch Spenden des Vereins gedeckt ist. «Ich habe vor Gericht noch nie einen Vertreter der Firma zu Gesicht bekommen. Nur die Anwälte lassen sich blicken, um eiskalt zu erklären, ich hätte nach dem Einatmen der Lasso-Dämpfe zuerst einen Gerichtsvollzieher holen sollen, um alles aufzuzeichnen.» Die Notfallambulanz hätte warten sollen. Der Prozess dauert bereits zehn Jahre. Auf dem Instanzenweg erhielt François zweimal recht mit dem Argument, das Lasso-Etikett habe ungenügend auf die Gefährlichkeit des Produktes hingewiesen. Der Kassationshof befand hingegen Ende 2017, die Kernfrage – die Gefährlichkeit des Unkrautmittels – sei nicht genügend abgeklärt worden, und ordnete einen neuen Prozess an.

Monsanto kommuniziert zu dem laufenden Verfahren nicht, hat aber seinen Standpunkt in einem Pressecommuniqué zusammengefasst: «Die fundierte Analyse des Falles hat ergeben, dass es für den Zusammenhang zwischen dem Herbizid Lasso und den Symptomen von Herrn François keinen Beleg gibt.» François verweist dagegen auf mehrere Studien, die bestätigen, dass der Lasso-Wirkstoff Monochlorbenzol das Immun- und Nervensystem angreift. «Mein Abwehrsystem ist so geschwächt, dass jede Infektion tödlich ausgehen kann», erklärt der Landwirt weiter.

«Das habe Bayer bei der Übernahme unterschätzt»

Dennoch muss François nun mitten am Nachmittag eine Pause einlegen: Der energische Gutsbesitzer wird plötzlich sehr müde. Auf dem Rückweg in sein Büro sinniert er, ob die Übernahme des US-Multis durch den deutschen Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer vielleicht etwas an dem – wohl erst 2020 entschiedenen – Gerichtsfall ändern könnte. «Zu hoffen wäre es», sagt der heutige Biolandwirt. «Das politische Umfeld ist in Deutschland und Frankreich anders.» In Paris sei eben der grüne Umweltminister Nicolas Hulot zurückgetreten, unter anderem, weil sich Präsident Emmanuel Macron weigerte, Glyphosat zu verbieten.

«Seither gilt Hulot als mutig, Macron als lobbyabhängig», erzählt François. «Dieser Kritik durch die öffentliche Meinung können sich die Politiker, aber auch die Grossfirmen nicht verschliessen.» Ein Vertreter von Bayer-France habe ihm unter vier Augen gesagt, man könne nur den Kopf darüber schütteln, wie sich Monsanto mit seinen Kunden auf der halben Welt anlege. Das habe Bayer bei der Übernahme zweifellos unterschätzt. Jetzt bricht der Landwirt das Gespräch ab. Zu den guten Wünschen für seine Gesundheit meint er beim Abschied: «Wünschen Sie das den Bauern in China und Afrika. Dort scheint dieses Herbizid noch zugelassen zu sein.»

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