Matthias Scharrer

Der Baulärm am Eingang zur Prime-Tower-Baustelle ist ohrenbetäubend. Gesamtprojektleiter Alain Capt hält seinen Badge an die Sicherheitsschleuse. Die Baustelle ist hermetisch abgeriegelt. Nicht zuletzt, damit das Partyvolk, das am Wochenende jeweils in die Gegend um den Bahnhof Zürich-Hardbrücke einfällt, sich nicht auf die Baustelle des höchsten Hauses der Schweiz verirrt. Oder Schwarzarbeiter. «Einen Badge erhält nur, wer eine gültige Arbeitsbewilligung hat», erklärt Capt, bevor wir in den Lift einsteigen, der uns bis in den 18. Stock befördert. Von dort gehts zu Fuss weiter bis aufs Dach, das momentan auf dem 26. Stock liegt.

Die Aussicht ist atemberaubend, die Luft eisig kalt an diesem Freitagmorgen. Ganz Zürich liegt uns zu Füssen. «Die Arbeit am Prime Tower ist faszinierend», sagt Capt. «Man findet hier alle Arbeitsgattungen, die es auf dem Bau gibt: Rohbau, Fassadenbau und Innenausbau. Und zwar gleichzeitig», erklärt er das Faszinosum. Rund 250 Bauarbeiter sind derzeit am Prime Tower tätig.

Ganz oben entsteht zuerst der Stahlbeton-Kern des 126-Meter-Hochhauses. Der Beton wird unten auf der Baustelle hergestellt und dann heraufgepumpt, 100 bis 150Kubikmeter täglich. Zwei Baukräne sind am Hochhaus befestigt. Sie müssen mit ihm in die Höhe wachsen. Ansonsten könnten sie vom Wind umgeblasen werden, wie Capt ausführt.

Weiter unten ist eine polnische Equipe damit beschäftigt, die insgesamt 4400 Glasfassaden-Teile zu montieren. «Entsprechende Equipen gibt es in der Schweiz nicht. Man hat hier noch nie so hoch gebaut», sagt Capt.

Die Polen sind mit Klettergurten an Seilen fixiert und hantieren mit den Glasplatten am 70-Meter-Abgrund, als ob sie auf ebener Erde ständen. «Ich könnte so nicht arbeiten», sagt Capt und wendet den Blick ab. Er sei nicht ganz schwindelfrei.

Der 50-jährige Bauingenieur arbeitet seit 25 Jahren auf dem Bau. Nun steht er einem 20-köpfigen Team vor, das die Prime-Tower-Baustelle leitet.

Eine komplexe Aufgabe: Stauraum ist kaum vorhanden, abgesehen von der Brache des Hardturm-Stadions, wo Lastwagen parkieren dürfen. Was geliefert wird, wird umgehend verbaut. «Just in time». Die Lieferanten melden sich via Internet an.

Die für ein derartiges Grossprojekt nötigen Management-Kenntnisse eignete sich Capt vor allem in den fünf Jahren an, als er das technische Büro der Totalunternehmung Losinger für die ganze Schweiz führte. Losinger habe den Prime-Tower-Auftrag auch deshalb erhalten, weil die Firma eine Tochter der französischen Bouygues-Gruppe ist, die in Frankreich und Asien Hochhäuser baut. Zusammen mit der Karl Steiner AG bildet Losinger nun die Abeitsgemeinschaft Prime Tower.

Kernthema beim Hochhausbau sei die Sicherheit. «Mir graut vor einem Unfall», sagt Capt. «Hier geht es um Menschenleben.» Bisher sei zum Glück nichts Ernsthaftes passiert.

Weniger grosse Sorgen macht er sich um Materialfehler. Die könne man notfalls beheben. Zudem werde die Qualität der Materialien regelmässig überprüft.

Eiligen Schrittes gehts weiter in die unteren Stockwerke des Prime Towers. Capt nimmt sich eineinhalb Stunden Zeit für unseren Rundgang und beantwortet geduldig jede Frage. Doch er macht auch klar: Das Zeitbudget für den Turmbau ist knapp. Jede Woche ein Stockwerk, lautet der Plan. Der harte Winter brachte das Projekt leicht in Verzug. «Ab minus 5 Grad kann man nicht betonieren», erklärt Capt. Um den Zeitverlust zu kompensieren, werde auch samstags gearbeitet. Im April 2011 soll der Büroturm fertig sein, sodass im Mai die ersten Mieter einziehen können.

In den unteren, bereits verglasten Stockwerken läuft der Innenausbau. Dazu gehören auch der Evakuations-Notruf, für den Lautsprecher in die Decken eingebaut werden - und die Sprinkler zur Brandbekämpfung. «Das ist obligatorisch bei Hochhäusern», so Capt.

Das höchste Haus der Schweiz zu bauen, erfülle ihn und die Bauequipe mit Stolz. «Das ist eine besondere Motivation, das spürt man», sagt Capt. Unten angekommen, stehen wir in der Eingangshalle. Sie ist elf Meter hoch und wirkt bereits im Rohbau imposant.

Der Rundgang endet im Untergeschoss des Prime Towers. Die Bodenplatte ist zwei Meter dick und trägt eine Last von 80000Tonnen. Darunter sind 79 ein Meter dicke Pfähle, die bis zu 35Meter in den Boden reichen. Sie verankern das neue Wahrzeichen von Zürich-West.

Der Turm lastet schwer auf dem Boden. «Es wird zwei bis drei Jahre dauern, bis er sich vollständig gesetzt hat», sagt Capt. Ein Graben rund um den Turm, die so genannte Setzungsgasse, soll verhindern, dass Setzung Schäden am Tragwerk während der Bauzeit anrichtet. 60 bis 70 Prozent der Setzung hat laut Capt schon stattgefunden.