Ganze 43 Milliarden Franken. Für diese Summe hat die Schweizer Pharmaindustrie in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres Arzneien ins Ausland exportiert. Das sind ganze 27 Prozent aller Ausfuhren des Landes. Beachtung findet der wichtigste Exportzweig des Landes trotz seiner Bedeutung vergleichsweise wenig. Anders verhält sich dies, wenn in grösserem Massstab Stellen abgebaut werden.

  

So griffen im letzten Jahr gleich beide grossen Pharmakonzerne des Landes in der Produktion zum Rotstift. Im Mai strich Novartis in der Region Basel 160 Stellen. Betroffen ist die Herstellung chemischer Substanzen, die für diverse Medikamente von Novartis verwendet werden.

Die Anlagen waren schon länger nicht mehr ausgelastet. Im November folgte Roche. Das Unternehmen verkleinert den Bereich Verpackung in Kaiseraugst von derzeit 320 auf 85 Stellen. In Zukunft sollen die Wirkstoffe vermehrt dort verpackt werden, wo sie hergestellt werden, und nicht im Fricktal.

Der Verlust der knapp 400 Arbeitsplätze führte gerade der Region Basel vor Augen, dass auch die erfolgsverwöhnte Pharmaindustrie zuweilen Stellen abbaut. Der harte Schnitt hat vor allem mit dem Wandel der Produktepalette in der Branche zu tun. Bis heute spricht man landauf, landab noch immer oft von der «Chemischen», wenn die pharmazeutische Industrie in der Region Basel gemeint ist.

Produktion wird komplexer

Dies rührt daher, dass vor allem die Vorgängerfirmen von Novartis ihren Ursprung in der Chemieindustrie haben. Zudem waren bis weit in die Nullerjahre die Mehrheit der Medikamente kleinmolekulare Arzneimittel, die in grossen Mengen chemisch hergestellt wurden. Heute werden diese zunehmend durch hochwirksame Wirkstoffe abgelöst, die gezielter wirken und daher weit kleinere Mengen bedingen. Oft werden sie biotechnologisch hergestellt.

Dieser Prozess ist zwar aufwendiger, jedoch benötigen die Firmen dank der zunehmenden Automatisierung der Produktionsabläufe weniger Mitarbeiter. Im Zusammenhang mit dem Stellenabbau bei Novartis und Roche machte deshalb vermehrt das Wort «High-Tech-Produktion» die Runde.

Ganz falsch ist der Begriff nicht. Besucht man heute einen modernen Produktionsbau wie Novartis’ weltweit grösstes Werk in Stein, laufen nicht selten Mitarbeiter in «Mondanzügen» herum, um so Medikamente unter sterilen Bedingungen zu fertigen.

Im Fricktal stellt Novartis zahlreiche seiner umsatzträchtigsten Medikamente her. Das Unternehmen alleine vereinigt in der Schweiz rund 13,6 Prozent aller Exporte auf sich. Da an anderen Produktionsstandorten in Basel und Schweizerhalle BL vor allem Zwischenprodukte und Wirkstoffe hergestellt werden, dürften wertmässig rund 10 Prozent aller Schweizer Ausfuhren allein in Stein generiert werden.

Neben Novartis ist auch Roche ein bedeutender Exporteur von Medikamenten. Mit 1600 Mitarbeitern produziert der Pharmakonzern am Hauptsitz in Basel und in Kaiseraugst biotechnologisch hergestellte Krebsmittel. Dazu gehört mit Tecentriq auch ein Umsatzhoffnungsträger der neusten Generation. Daneben werden auch ältere, chemisch hergestellte Medikamente gefertigt.

Die von der «Nordwestschweiz» befragten Pharmaunternehmen beschäftigen in der Schweiz über 10 700 Mitarbeiter in der Produktion. Im Vergleich zur Maschinen-, Elektro- und MetallIndustrie (MEM) etwa ist das sehr wenig. Auch wenn nicht klar ist, wie viele der 320 000 Angestellten in der MEM-Branche in der Produktion tätig sind, so ist der Anteil hier weit höher als in der Pharmabranche.

Dies zeigt, welche hohe Wertschöpfung sich mit der Herstellung von Medikamenten erzielen lässt. Die Pharmaindustrie weist im Vergleich zu allen anderen Branchen die höchste Wertschöpfung aus, auch wenn man die Kennzahl pro Arbeitskraft betrachtet.

Biogen ist nicht allein

Neben den Rahmenbedingungen sind die hohe Wertschöpfung und die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Mitarbeiter wichtige Gründe dafür, weshalb auch Firmen Teile ihrer Produktion hier ansiedeln, die bisher noch nicht in der Schweiz herstellend tätig waren. Offensichtlich fallen diese Pluspunkte stärker ins Gewicht als das hohe Kostenniveau. Prominentestes

Beispiel ist die Firma Biogen. Sie baut im solothurnischen Luterbach eine neue Anlage, um biotechnologisch hergestellte Medikamente zu produzieren. Der US-Konzern wird rund 600 Mitarbeiter beschäftigen. Im nächsten Jahr soll der Bau abgeschlossen sein. Doch Biogen ist längst nicht der erste ausländische Konzern, der sich in der jüngeren Vergangenheit hier angesiedelt hat.

In Schaffhausen befindet sich ein anderes grosses Werk eines US-Konzerns. Die Firma Johnson & Johnson beschäftigt dort über seine Tochter Cilag 1300 Mitarbeiter und ist damit der wichtigste Arbeitgeber in der Region. Hergestellt werden hier grosse Kassenschlager wie Remicade oder Stelara gegen Entzündungskrankheiten für den weltweiten Vertrieb. Daneben werden auch Produkte hergestellt, die in Krankenhäusern und Labors verwendet werden, um medizinische oder chirurgische Geräte zu sterilisieren.

Neben der Nordwestschweiz ballen sich in der Region zwischen dem Genfer- und dem Neuenburgersee mehrere Pharma-Produktionsbetriebe, die zum Teil erst in den vergangenen Jahren auf- und ausgebaut worden sind. Trotz des Abbaus bei Novartis und Roche dürfte schweizweit die Stellenzahl damit leicht steigend sein.