Die Zahlen sind eindrücklich. Die Anklageschrift umfasst 592 Seiten. Allein die Liste der Privatkläger nimmt 24 Seiten in Anspruch. Betroffen sind 2500 Geschädigte, die Deliktsumme beläuft sich auf 170 Millionen Franken.

Die Rede ist von der Anlagefirma ASE des Devisenhändlers Martin Schlegel und Simon M., seinem Partner. Es handelt sich dabei um einen der grössten Betrugsfälle der Schweiz. Das lange Sündenregister reicht von gewerbsmässigem Betrug und mehrfacher Urkundenfälschung über qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung bis zu Misswirtschaft und qualifizierter Geldwäscherei.

Schlegel und M. sitzen ab Montag auf der Anklagebank des Bezirksgerichts Laufenburg. Aus Platzgründen findet die Verhandlung im Zivilschutz-Ausbildungszentrum Eiken statt. Verantworten muss sich auch Manfred G. Er betreute die ASE-Kunden bei der Basler Kantonalbank (BKB). Das Geldinstitut war die Depotbank der ASE. Rund 600 Geschädigte hatten ein Konto bei der BKB.

«Grosses Lügengebäude»

Die Staatsanwaltschaft zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild der Angeklagten. Schlegel habe diverse Massnahmen ergriffen, «die derart raffiniert aufeinander abgestimmt gewesen sind», dass es den Kunden nicht möglich gewesen sei, eine Täuschung zu erkennen. Die Anklage spricht von einem «grossen Lügengebäude», welches die Geschädigten nicht durchschauen konnten.

Die ASE – das Kürzel steht für Anlage, Sicherheit, Ertrag – lockte die Kunden mit hohen Renditeversprechen. Die Angeklagten versprachen mit dem Handel von Fremdwährungen Erträge von 12 und 18 Prozent pro Jahr. Das Ganze lief dabei immer nach dem gleichen Muster ab. Die ASE eröffnete für ihre Kunden neben einem Franken-Konto jeweils verschiedene Fremdwährungskonten bei der BKB. Zeitlich verzögert eröffneten die ASE-Verantwortlichen für jeden Kunden ein zusätzliches Konto in kanadischen Dollar (CAD). Den Betroffenen wurde dies jedoch verheimlicht. Anschliessend wurde von diesem Konto Geld auf ein ebenfalls bei der BKB geführtes Konto abgezweigt. Dies tat Schlegel mit eigenhändig gefälschten Zahlungsaufträgen, insgesamt 1421 an der Zahl. Da die Kunden ihren Anlagebetrag auf das Franken-Konto einzahlten, stand diesem Guthaben eine Minus-Position auf dem CAD-Konto gegenüber.

Ein grosses Schneeballsystem

Die Kunden merkten von all dem nichts. Schlegel und M. veranlassten, dass sämtliche Bankauszüge und Belege nie direkt von der BKB an die Kunden versandt wurden, sondern an die ASE. Die beiden leiteten die Bankunterlagen nur selektiv an die Kunden weiter, womit diese nie über eine Gesamtsicht ihrer Anlagen verfügten.

Um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, präsentierte sich Schlegel als Devisenhändler mit mehr als 20 Jahren internationaler Berufserfahrung. Laut Anklageschrift gab er sich gegenüber Anlegern und Vermittlern als «pingeliger und überkorrekter Geschäftsmann» aus. So versprach er den Kunden jeweils persönlich, alle Risiken ab einem gewissen Prozentsatz abzusichern.

In Wahrheit handelte Schlegel bereits ab 2008 nicht mehr mit Devisen. Vielmehr sucht er sein Glück in hochriskanten Anlagen, die alle im Totalverlust endeten. Bereits damals wäre er gar nicht mehr in der Lage gewesen, seine Kunden auszubezahlen. Schlegel habe deshalb die ASE «nur noch wie ein klassisches Schneeballsystem» betrieben», hält die Staatsanwaltschaft fest.

Dennoch konnte er das System aufrechterhalten. Denn jene Kunden, die ihre vermeintlichen Gewinne realisieren wollten, zahlte er aus. Rund 116,5 Millionen Franken flossen so zurück. Neuen Kunden wurde so das Bild vermittelt, dass ASE Gewinne jederzeit problemlos ausbezahlt. Doch in Wahrheit war dies nur auf Kosten der bestehenden Anleger möglich. Gemäss der Anklage stopfte Schlegel die entstandenen Löcher mit neuen Kundengeldern und betrieb so ein einzig grosses Schneeballsystem.

Schlegel zeigt sich reuig

Neben den BKB-Kunden gab es eine zweite Gruppe von Geschädigten. Es handelt sich dabei um Kleinanleger, die weniger als 100 000 Franken bei der ASE investieren wollten. Die Gelder dieser knapp 1200 Betroffenen flossen zunächst auf ein Sammelkonto. Da 2007 dieses sogenannte «Pooling» von Geldern verboten wurde, richteten die ASE-Verantwortlichen einen Fonds mit Sitz auf den Cayman Islands ein. Bis 2012 flossen über 76 Millionen Franken in diesen Fonds namens Quanto Strategic Currency Fund. Auch hier zweigte Schlegel die Gelder ab und leitete sie auf Konten der BKB und der Luzerner Kantonalbank um.

Derweil hat sich Schlegel entschuldigt. «Ich habe schlimme Fehler gemacht und ein riesengrosses Chaos angerichtet», sagte er kürzlich dem «Tages-Anzeiger». Schlegel ist geständig und arbeitete beim Entwirren der Geldflüsse mit den Ermittlern zusammen. Wie sich das auf seine Strafe auswirkt, wird sich nächste Wochen zeigen. Die Staatsanwaltschaft will sich erst dann zum geforderten Strafmass äussern.