Preiszerfall

Das schwarze Gold ist so billig, dass die Scheichs sparen müssen

Doch die Scheichs haben noch grössere Probleme.

Turmbau zu Babel? Der geplante «Kingdom Tower» (Visualisierung) droht dem tiefen Ölpreis zum Opfer zu fallen.

Doch die Scheichs haben noch grössere Probleme.

Saudi-Arabien steht unter (Öl-)Druck. Das Erdöl ist so billig, dass die Scheichs sparen müssen. Die Angst vor sozialen Unruhen wächst. Denn die Spekulation allein, dass der Wideranstieg des Ölpreises hilft - reicht nicht mehr aus.

In Riad entsteht derzeit das höchste Hochhaus der Welt. 1007 Meter soll der Kingdom Tower in Dschidda in die Höhe ragen, ein Leuchtturm des Fortschritts, der den Glanz der saudischen Herrscherfamilie in den ganzen Orient ausstrahlen soll.

Doch das megalomane Projekt mutet schon vor seiner geplanten Fertigstellung in 2019 wie ein Turmbau zu Babel an. Den Auftraggebern droht schon bald das Geld auszugehen. Der Grund: der rapide Ölpreisverfall. Die Folge: ein riesiges Loch im saudischen Haushalt.

Fast alle Einnahmen aus Öl-Export

Bis Jahresende beläuft sich das Defizit nach einer Projektion des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aus dem Export von Rohöl speist sich fast die Gesamtheit der Einnahmen (2014: 279 Milliarden Dollar).

Zwar verfügt der weltgrösste Rohölexporteur über genügend Reichtümer und Währungsreserven (rund 600 Milliarden US-Dollar). Doch das Geld läuft wie aus einem Ofenrohr. Der IWF schlägt Alarm. Jetzt könnte sich rächen, dass die Wirtschaft Saudi-Arabiens nicht ausreichend diversifiziert ist.

Die Scheichs haben diese Entwicklung zum Teil selbst befeuert. Anstatt wie bislang in konjunkturellen Krisen die Fördermenge zu drosseln, hat das Land zuletzt den Ölhahn kräftig aufgedreht.

Einerseits, um der Fracking-Industrie in den USA, die hohe Weltmarktpreise zur Profitabilität benötigt, das Wasser abzugraben. Andererseits, um die Geldsorgen des Iran, des ärgsten regionalen Rivalen, zu verschärfen.

Die Scheichs schneiden sich ins eigene Fleisch: Um einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, benötigen sie nach Schätzung von Analysten einen Rohölpreis von 100 Dollar pro Barrel. Derzeit bringt das Barrel gerade mal 42 Dollar. Kommt hinzu, dass Iran – nach der Aufhebung der Sanktionen – die Fördermenge erhöhen wird.

Das Problem ist, dass das Regime in Riad kaum finanziellen Spielraum hat. Die grosse Mehrheit der saudischen Beschäftigten arbeitet im öffentlichen Dienst oder in einem der grossen staatlichen Betriebe wie dem Ölkonzern Aramco.

Im privaten Sektor sind hauptsächlich gering qualifizierte Gastarbeiter aus Bangladesch beschäftigt. Ein Beamter verdient laut einem Bericht des «Wall Street Journal» im Durchschnitt umgerechnet 2000 US-Dollar im Monat, gut das Doppelte wie in der Privatwirtschaft. Und die Staatsdiener wollen freilich weiter alimentiert werden.

Pascal Devaux, Analyst bei der Bank BNP Paribas, sagt im Gespräch: «Die Verteilung der Erdölrenten in Form von Subventionen, Stellen im öffentlichen Dienst und kostenlosem Zugang zur Daseinsvorsorge ist Teil des Sozialvertrags in Saudi-Arabien.

Steuern zu erhöhen oder Transferleistungen zu senken, würde heissen, dieses Modell aufzukündigen. Und das könnte negative soziale Konsequenzen haben.»

Seit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings 2011 geschah genau das Gegenteil, die Ausgaben sind stark angestiegen. So hat Saudi-Arabiens neuer König Salman zu seinem Amtsantritt rund 28 Milliarden Euro Prämien und Bonuszahlungen an Beamte ausgeschüttet.

Die Subventionen wurden massiv ausgebaut. Strom, Wasser und Benzin werden in Saudi-Arabien grosszügig subventioniert. Ein Liter bleifreies Benzin kostet rund
15 US-Cent. So erkauft sich der Staat die Loyalität seiner Untergebenen.

Sozialer Sprengstoff

Ein brüchiger Pakt. Denn unter der Oberfläche brodelt es: Im Osten des Landes begehrt die schiitische Minderheit auf, die sich diskriminiert fühlt. Strammrechte Salafisten, denen die ultrakonservative Staatsreligion des Wahhabismus nicht weit genug geht, beobachten jede noch so kleine Liberalisierung wie die Reisefreiheit für Frauen mit Argwohn.

Das Regime ist in seiner Staatsdoktrin gefangen – und regiert mit brutaler Härte. 2015 wurden 151 Menschen hingerichtet, so viele wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr.

Der soziale Druck ist umso grösser, als jedes Jahr 400 000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Doch der vermag lediglich 90 000 Menschen pro Jahr aufzunehmen. Schon jetzt liegt die Jugendarbeitslosigkeit der 25-Jährigen bei 30 Prozent. Das ist sozialer Sprengstoff.

Nahostexperte Francis Perrin, Chef des Think-Tanks «Stratégies et Politiques Energétiques» in Paris, erachtet das Regime derzeit zwar als stabil. Doch: «Wenn der Ölpreis länger auf niedrigem Niveau bleibt, wäre das eine reelle Gefahr für die Herrscher.»

Allein auf ein Wiederansteigen des Ölpreises können die Herrscher in Saudi-Arabien nicht spekulieren. Sie müssen ihre Wirtschaft weiter diversifizieren – sonst droht der auf Sand gebaute Subventionsstaat zu zerfallen.

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