Eine Kugel traf sie zwischen den Augen, die andere steckte in der Brust. Anfang Dezember 2009 fanden Passanten die 74-jährige Rosalina da Silva Cardoso Ribeiro im Dreck am Strassenrand von Maricá, einem Dorf in Brasilien, 50 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt.

Rosalina wurde mit einer Pistole Kaliber 38 professionell hingerichtet. Uhr und Schmuck interessierten den Killer nicht. Geschäftsdokumente und die Brieftasche aber nahm er mit.

Während 30 Jahren die Geliebte

Rosalina war während über 30 Jahren die Geliebte und persönliche Sekretärin des steinreichen über 30 Jahre älteren portugiesischen Unternehmers Lúcio Thomé Feteira. Feteira starb 98-jährig im Jahr 2000 und hinterliess ein Millionenerbe.

Einen Grossteil seines Vermögens vermachte er seiner richtigen Frau. Die Geliebte und seine uneheliche Tochter mussten sich mit dem Rest begnügen.

Doch Rosalina wollte mehr und die Tochter versuchte daraufhin, Rosalinas Erbansprüche null und nichtig zu machen. Fast zehn Jahre dauerten die Auseinandersetzungen vor Gericht an.

Rätselhafter Besuch in Rio

Rosalinas Anwalt ist Domingos Duarte Lima (54) und eine der letzten Personen, die sie vor ihrem Tod gesehen haben. Die zwei trafen sich am Montag, dem 7. Dezember 2009 in Rio de Janeiro. Der Rechtsanwalt flog dafür extra zwei Tage früher von Lissabon nach Belo Horizonte und brachte anschliessend die 450 Kilometer bis Rio de Janeiro im Auto hinter sich.

Die Angelegenheit war offenbar zu delikat und wichtig, um darüber erst am 12. Dezember in Portugal zu reden, den Tag, an dem Rosalina nach Europa geflogen wäre.

Mit den Dokumenten in der Hand, die ihr später beim Mord gestohlen wurden, begab sie sich ins Zentrum von Rio de Janeiro und sprach spätabends für nur dreissig Minuten in einem Café mit ihrem Anwalt Duarte Lima. Zwei Stunden später und 65 Kilometer entfernt wurde sie in Maricá ermordet.

Die Dokumente waren zum Teil gefälscht und hätten ihr erlaubt, Vermögen ihres verstorbenen Geliebten illegal zu verkaufen. Der Diebstahl war vergebens: Die beim Mord entwendeten Papiere tauchten später als Kopien wieder auf.

Vom Vertrauensanwalt zum Verdächtigen

Im Laufe der Untersuchungen schöpfte die brasilianische Mordkommission wegen des seltsamen Verhaltens des Anwalts immer grösseren Verdacht. Weder gab Duarte Lima eine Erklärung ab, warum er zwei Tage vor dem Treffen nach Belo Horizone reiste anstatt direkt nach Rio.

Noch wollte er sagen, warum er am 7. Dezember nach Brasilien gerufen wurde für ein Treffen von lediglich einer halben Stunde, obwohl seine Klientin am 12. Dezember in Lissabon gewesen wäre.

Weiter gab er an, dass er zur Mordzeit alleine in einem Mietwagen unterwegs war. Wo er das Auto mietete, daran kann er sich nicht mehr erinnern.

Weiter erzählte er der Polizei, er habe Rosalina zuletzt mit einer blonden Frau namens Gisele gesehen, doch diese Giesele ist bis heute unbekannt. Dann entdeckte die Polizei, dass im Jahr 2001 Rosalina mehr als 5 Millionen Euro auf ein Konto von Duarte Lima in der Schweiz transferierte. Warum, weiss niemand.

Bis heute weigert sich Duarte Lima, auf Fragen der brasilianischen Ermittler zu antworten und lässt verlauten, er habe kein Vertrauen in die brasilianische Polizei.

Schweizer Banker «Schlüsselzeuge»

Die aber blieb nicht untätig und befragte kürzlich einen Schweizer Banker, für sie ist er ein «Schlüsselzeuge».

In Begleitung von gleich drei Anwälten erschien der Vermögensverwalter vor der Mordkommission. Die brasilianische Polizei verfolgte die Telefonspuren des Mordopfers Rosalina Ribeiro. Unter den vielen Anrufen machte die Beamten vor allem eine Nummer stutzig: Es war jene des Schweizers Thomas Roiz.

Die Untersuchungsbeamten statteten ihm in seinem Luxusappartement in Ipanema einen Überraschungsbesuch ab und wollten Klarheit zu diversen Fragen. Eine Woche vor dem Tod Rosalinas rief Thomas Roiz Rosalina an.

Der Vermögensverwalter für den Lateinamerikanischen Markt der Bank «Royal Bank of Canada» RBC Suisse in Genf gab zu, nicht nur Rosalina seit Jahren zu kennen, sondern auch Duarte Lima.

Gegenüber der Zeitung «Expresso» behauptete Thomas Roiz noch das Gegenteil, er kenne Rosalina und den Anwalt nicht: «Ich weiss von dem Fall durch die Presse», zitierte ihn die portugiesische Zeitung.

Gegenüber der Polizei beteuerte er, nie über Bankkonten mit Rosalina und dem Rechtsanwalt gesprochen zu haben. Doch die Beamten vermuten, dass er ihnen nicht die ganze Wahrheit sagte.

So glauben die Beamten, dass es «starke Indizien dafür gebe, dass Duarte Lima Gelder in der Höhe von 6 Millionen Euro wusch, die das Mordopfer von Konten abzweigte, die ihrem verstorbenen Geliebten Tomé Féteira gehörten.»

Schillernder Politiker mit Talent zum Überleben

Der Fall Rosalina schlägt in Portugal hohe Wellen. Denn Anwalt Domingos Duarte Lima ist eine schillernde Persönlichkeit mit besten politischen Beziehungen. Bis letztes Jahr war er Abgeordneter für die populistisch angehauchte konservative Partei PSD (Partido Social Democrata) im Parlament Portugals. Er war jahrelang PSD-Fraktionschef und überlebte schon einmal eine Affäre in den 90er-Jahren.

Damals wurde aufgrund eines Zeitungsartikels eine Untersuchung wegen vermuteter Steuerhinterziehung und illegaler Bereicherung gegen Duarte Lima eröffnet.

Die Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, dass diverse Geschäfte Duarte Limas illegal waren, doch es kam zu keiner Verurteilung. Denn zu jener Zeit waren die Delikte - u.a. Geldwäscherei - nicht strafbar. Während der Untersuchung wurde klar, dass Lima während Jahren Millionen von einflussreichen Firmen kassierte, aber die meisten Gelder vor den Steuerbehörden verheimlichte.

Schon damals wurde bekannt, dass Duarte Lima in der Schweiz Konten unterhielt. Die portugiesischen Beamten wollten sein Vermögen in der Schweiz beziffern.

Doch damals hätten die Schweizer Behörden einem entsprechenden Rechtshilfegesuch aus Portugal nicht stattgegeben, berichtete «Expresso».