Energiewende

Das meiste Geld bleibt in der Schweiz

Die Ausgaben für erneuerbare Energie bleiben grösstenteils in der Schweiz: Handwerker installieren auf dem Dach der neuen Turnhalle in Sevelen SG eine Solaranlage. Key

Die Ausgaben für erneuerbare Energie bleiben grösstenteils in der Schweiz: Handwerker installieren auf dem Dach der neuen Turnhalle in Sevelen SG eine Solaranlage. Key

Heute beginnt im Nationalrat die Mammutdebatte über die Energiestrategie 2050. Viel wurde im Vorfeld über die horrenden Kosten der Energiewende gesprochen. Dabei zahlen die Schweizer weniger, als sie glauben.

Wer in den letzten Tagen von den angeblichen Kosten der Energiewende las, dem könnte Angst und Bange werden. Von 28 Milliarden Franken ist die Rede. Die Zahl stammt von Economiesuisse und fand in den Medien viel Beachtung. Auf 100 Milliarden kommt gar der Basler Ökonom Silvio Borner in einer aktuellen Studie.

Die Rechnungen verschweigen jedoch einige wichtige Punkte – denn Kosten sind nicht gleich Kosten, schon gar nicht, wenn es um die Infrastruktur geht. Zwei entscheidende Dinge bleiben in der Diskussion häufig unerwähnt. Erstens: Ein Grossteil des Geldes bleibt in der Schweiz. Und zweitens: Wir bekommen etwas für unser Investment.

Bei der Energiewende geht es hauptsächlich darum, was auf lange Sicht eingespart werden kann. Zu vergleichen ist das mit dem Kauf eines neuen Kühlschranks. Ein Gerät der höchsten Effizienzklasse kostet am Anfang viel, spart auf lange Sicht durch den niedrigen Stromverbrauch aber bares Geld. Rechnet man also die Energiekosten zum Kaufpreis hinzu, kommt irgendwann der Punkt, an dem sich das Modell mit dem höheren Kaufpreis lohnt.

Wenn der Ölpreis auf dem heutigen Niveau bleibt, kommt die Energiewende im Jahr 2040 an diesen Punkt, heisst es in einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Wenn der Ölpreis steigt, rentiere sich die Energiewende schon wesentlich früher.

Abhängig vom Import

Der Grund dafür ist, dass die Schweiz momentan im Energiebereich enorm von Importen abhängig ist. Der Import von Uran, Erdöl und Erdgas verursacht fast 40 Prozent der Kosten für die Energieversorgung. «Für 13 Milliarden Franken kauft die Schweiz in diesem Jahr Energieträger wie Uran oder Erdöl im Ausland ein», sagt Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Die Stiftung befürwortet die Energiewende und hat die Studie der Zürcher Hochschule in Auftrag gegeben.

Bei einer konsequenten Umsetzung der Energiewende könnten die Importe von Uran, Gas und Öl enorm reduziert werden – zum einen, weil erneuerbare Energien keine Energieträger aus dem Ausland benötigen, zum anderen, weil der Energieverbrauch insgesamt gesenkt wird. 280 Milliarden könnten so bis zum Jahr 2050 eingespart werden, sagt Nipkow. «Die Energiewende wird weniger Mittel benötigen, daher lohnt sie sich volkswirtschaftlich.»

Schweizer Wertschöpfung

Die Ausgaben für die Energiewende bleiben zum grössten Teil in der Schweiz. Beispiel Solarenergie: «Zwar werden die meisten Module aus dem Ausland importiert. Für Planung, Installation und Wartung sind jedoch häufig Schweizer Firmen verantwortlich», sagt David Stickelberger, Geschäftsleiter des Schweizerischen Solarverbands Swissolar. Laut Stickelberger profitieren besonders kleine und mittlere Handwerksbetriebe vom Solarausbau. Noch deutlicher wird das bei der Wasserkraft. «Die Schweizer Wasserkraft generiert fast 100 Prozent der Wertschöpfung im Inland», sagt Felix Nipkow. Ähnlich sei das bei den übrigen erneuerbaren Energien.

Die stolze Schweizer Wasserkraft freut sich grundsätzlich nicht über staatliche Fördergelder im Energiesektor. Schliesslich hat sie über Jahrzehnte auch ohne Subventionen profitabel gewirtschaftet. Jetzt ist die Situation aber eine andere: Der Strompreis ist im Keller, Wasserwerke büssen an Wirtschaftlichkeit ein, ohne wirklich etwas dafür zu können.

Deshalb sieht der Geschäftsführer des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbands (SWV), Roger Pfammatter, in der Energiestrategie 2050 zumindest eine gute Übergangslösung: «Die geplanten Förderungen von 600 Millionen Franken sind ein wichtiges Signal, dass man die Wasserkraft nicht vergessen hat.» Mit dem Geld könnten Kraftwerke ausgebaut und modernisiert werden — auch das sind Investitionen in die Zukunft der Schweizer Energieversorgung.

Marktverzerrung vs. Jobmotor

Silvio Borner warnt in seiner Studie vor Gefahren der Energiewende für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Kritisch schaut auch der Schweizerische Gewerbeverband auf die in Bern diskutierte Energiestrategie: «Die Wirtschaft entwickelt sich in Funktion von Innovation und Wettbewerb und nicht nach Plan», sagt Verbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler gegenüber der «Nordwestschweiz». Wettbewerbsverzerrungen etwa durch Subventionen würden langfristig eher Produktivitäts- und Stellenverluste bewirken.

Die Schweizerische Energie-Stiftung glaubt an einen gegenteiligen Effekt: Mit 85 000 neuen Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2035 rechnet Felix Nipkow. Nicht eingerechnet sind die wegfallenden Jobs in den Schweizer Kernkraftwerken. Der Rückbau der Atommeiler schaffe jedoch seinerseits wieder neue Arbeitsplätze. Laut Nipkow entstehen die meisten Jobs im Bereich der Energieeffizienz, denn bei Massnahmen wie Gebäudesanierungen sei Manpower gefragt. Zum Zug kämen dabei häufig Firmen aus der Region.

«Von den Investitionen in Energieeffizienz profitieren in erster Linie Firmen aus der Baubranche – von Architekten über Handwerker bis hin zu den Herstellern der verwendeten Produkte», sagt Kurt Frei, Geschäftsführer der Firma Flumroc aus Flums. Frei verkauft Dämmstoffe für Häuser. Durch die Energiewende erwartet er zusätzliche Aufträge – nicht nur für sein Unternehmen, sondern für die Dämmstoffindustrie insgesamt.

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