Informatik ist mehr als eine Technik, mehr als reine Fertigkeit. War das Programmieren von Computern bis vor kurzer Zeit noch einer Handvoll Spezialisten vorbehalten, ist die Informatik nun aus diesem Nischendasein herausgewachsen. Mit der voranschreitenden Digitalisierung wechselt die Ebene, auf der wir die Bedeutung der Informatik für unser Leben bewerten müssen.

Im 21. Jahrhundert entscheide Technologie über Abhängigkeit und Unabhängigkeit, schrieb der Philosoph Ludwig Hasler am Montag in dieser Zeitung. Das habe Folgen für unsere Selbstbestimmung: «Die Macht rutscht in die Algorithmen bzw. zu denen, die sie schreiben.» Die Konsequenz: «Falls wir mit der Freiheit wieder auf den Boden wollen, müssen wir uns mit Informatik beschäftigen», mahnt Hasler.

In der Wirtschaft gefragt

Das gilt für die Gesellschaft, aber auch für ihre einzelnen Teilbereiche. Besonders deutlich wird dies in der Wirtschaft. Zwar spielen hier weniger die Kategorien Freiheit und Selbstbestimmung, sondern eher die Wettbewerbsfähigkeit eine Rolle. Doch die Bedrohung ist noch wesentlich sichtbarer: Diejenigen, die sich mit Algorithmen auskennen, die Googles und Apples dieser Welt, überrollen den Rest. Und sie tun dies nicht nur in den Bereichen, in denen sie eigentlich zu Hause sind. Heute – und noch viel stärker in der Zukunft – dringen die IT-Firmen aus dem kalifornischen Silicon Valley in alle möglichen Wirtschaftsbereiche vor.

Umso wichtiger also, sich gegen den Einfall dieser Firmen zu wehren. Dafür gibt es nur einen Weg: Indem man ihre Sprache sprechen lernt. Auf die Digitalisierung müssen sich Betriebe aller Branchen einstellen – besonders in der Schweiz, wo sich viele Unternehmen durch ihre technologische Überlegenheit von der internationalen Konkurrenz absetzen. Noch klappt das recht gut. Doch in Zeiten der Digitalisierung gilt es mehr als je zuvor, neue Trends nicht zu verpassen.

Grundstein an der Hochschule

Für den Erhalt der Freiheit der Gesellschaft in einer digitalisierten Welt fordert Ludwig Hasler, dass Informatik bereits an den Grundschulen zum Thema werden soll. Der Wirtschaftsstandort Schweiz steht und fällt dagegen mit der Ausbildung an den Hochschulen. Und hier gibt es eine gute Nachricht: Informatikstudiengänge in der Schweiz sind bei Studenten extrem beliebt,
die Studierendenzahlen in IT-lastigen Fächern steigen kontinuierlich – auch in diesem Jahr. Das ergibt eine Umfrage der «Nordwestschweiz» unter hiesigen Hochschulen.

Die Fachhochschule Nordwestschweizbeispielsweise erklärt: «Im Herbstsemester 2015/16 sind in der Informatik an der Hochschule für Technik FHNW so viele Anmeldungen wie noch nie zu verzeichnen.» Zweites Beispiel: An der HTW Chur sind heute für den IT-lastigen Studiengang Systemtechnik NTB viermal mehr Studenten eingeschrieben als noch 2009.

Kontinuierliche Steigerung

Starke Zuwächse verzeichnet auch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW): «2011 waren im Bachelorstudiengang Informatik der ZHAW School of Engineering 224 Studierende eingeschrieben, im Herbstsemester 2014/15 waren es 478.» Die Zahl hat sich damit in fünf Jahren verdoppelt. Noch deutlicher ist der Zuwachs an der Schnittstelle von Informatik und Wirtschaft: Im Studiengang Wirtschaftsinformatik der ZHAW School of Management and Law seien die Zahlen «in den vergangenen Jahren markant gestiegen und haben sich nun auf hohem Niveau stabilisiert». Konkret: 2011 startete die ZHAW mit 102 Studierenden, im Herbstsemester 2014/15 waren es 406. Die Zahl hat sich vervierfacht.

Die Uni Zürich erklärt zu ihrem Informatik-Angebot: «Die Studierendenzahlen sind über die letzten Jahre kontinuierlich gestiegen.» Und bei der Hochschule Luzern heisst es: «Das Informatik-Angebot der Hochschule Luzern erfreut sich weiterhin einer grossen Nachfrage und zieht immer mehr Studierende von ausserhalb des Konkordatsgebietes an.»

Fächer neben dem Kernbereich

Ein Blick in die offizielle Statistik des BFS bestätigt den Eindruck. Zwar sind die Zahlen im «Kernfach» Informatik an den Fachhochschulen leicht tiefer als 2005 (an den Universitäten haben sie sich im selben Zeitraum fast verdoppelt und auch an den FH steigen sie nach einem Taucher im Jahr 2008 wieder an). Dafür entsteht daneben eine Vielzahl von spezialisierten Studiengängen mit Informatik-Bezug. Dazu zählen Fächer wie «Engineering, Technik und IT», Informationstechnologie oder auch Medizininformatik, die in den wenigen Jahren ihrer Existenz bereits Hunderte von Studenten angezogen haben. Zum Vergleich: Während die Zahl der klassischen Betriebsökonomie-Studenten an den Schweizer Fachhochschulen in den letzten fünf Jahren um 13 Prozent zunahm, stieg die Anzahl der Studenten im Fach Wirtschaftsinformatik um 60 Prozent.

Mit diesen Spezialisierungen reagieren die Hochschulen auf die Anforderungen der Digitalisierung und deren Tendenz, in alle Bereiche des Lebens wie auch der Wirtschaft vorzudringen. Ökonomen, Mediziner und Ingenieure lernen vermehrt, mit den Maschinen zu kommunizieren. Je weiter dieser Trend voranschreitet, desto realer wird die Vorstellung einer neuen, umfassenden Form der Kommunikation – vielleicht gar einer fünften Landessprache (mitsamt einiger Dialekte), die Maschinen und Menschen noch enger vernetzt als dies bisher der Fall ist.