Bücher und Unterlagen stapeln sich, und die Köpfe rauchen – kaum sind die Abschlussprüfungen vorbei, stehen schon wieder Zwischenprüfungen oder Aufnahmeprüfungen bevor. Kein Wunder, sind Tipps für «Brainfood» mediale Dauerbrenner und werden gierig aufgesaugt.

Was aber steckt dahinter: Ist Gehirnfutter das grosse Zaubermittel für alle Prüflinge oder einfach ein vollmundiges Versprechen? Für Steffi Schlüchter ist klar: «Brainfood bezieht sich auf die ausgewogene Mischkost gemäss Schweizer Lebensmittelpyramide.» (www.sge-ssn.ch) Schlüchter ist diplomierte Ernährungsberaterin HF bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE und versichert: «Durch diese Ernährungsweise sind alle notwendigen Nährstoffe abgedeckt, die Leistungsfähigkeit ist gewährleistet und der Mensch fühlt sich fit und wohl.»

Patentrezepte möchte sie jedoch keine abgeben, weder absolut Richtiges noch strikt Verbotenes nennen, sondern eher allgemeine Empfehlungen. Immerhin so viel sagt sie: «Regelmässige Mahlzeiten und eine ausreichende Füssigkeitszufuhr sind unerlässlich.» Ausserdem seien für das Gehirn besonders die Arachidonsäure (eine Omega-6-Fettsäure) und die Linolensäure (eine Omega-3-Fettsäure) wichtig: «Eine ausreichende Versorgung mit Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren ist für die Entwicklung und Funktion des Gehirns sowie des Nervensystems unentbehrlich, besonders in der embryonalen und kindlichen Entwicklung.» In besonders gutem Verhältnis seien diese Fettsäuren in Rapsöl vorhanden.

Omega-3-Fettsäuren: Nur etwas aus der Trickkiste

Und hier scheiden sich die Ansichten bereits: Der streitbare deutsche Lebensmittelchemiker Udo Pollmer bezeichnete auf www.foodaktuell.ch das Lob auf die Omega-Fettsäuren schlicht als «Marketing-Muster der Hersteller-Firmen» und «Gesundheitseffekte aus der Trickkiste». Auf die Frage nach seiner Meinung zu Brainfood antwortete er per Mail: «Wer glaubt, er bräuchte erst mal eine Extraportion Brainfood, kann es ja mal mit Hirnwurst probieren. Dreimal täglich zwei Scheiben. Vielleicht hilft das ja.» Er lässt selten eine Gelegenheit aus, zu polarisieren. Damit begeistert er die einen und entsetzt die anderen, sorgt aber insgesamt für einige Verwirrung, was denn nun gesund und förderlich sei.

Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des von ihm gegründeten Europäischen Instituts für Lebensmittel und Ernährungswissenschaften, macht in Interviews, beispielsweise gegenüber der «Weltwoche», so provokante Aussagen wie: Wir Menschen seien angepasst an Rösti, Knödel und Wurst, aber durchaus nicht an grosse Salatteller. Und was uns Ernährungswissenschafter empfehlen, sei für unseren Organismus gänzlich ungeeignet. Immerhin: «Etwas Rohkost» vielleicht – für allzu viel sei aber unser Darmtrakt partout nicht geschaffen. Vollkorn sei nicht die natürliche Kost eines Menschen, sondern eine Marotte aus dem letzten Jahrhundert.

Nicht getreide-adaptiert

Damit steht er übrigens nicht allein: «Nicht alle Menschen sind an Getreide genügend adaptiert», sagt auch Nicolai Worm, Ernährungswissenschafter und Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken. Worm vertritt ebenfalls die Meinung, die offiziellen, pauschalen Aussagen der Ernährungsgesellschaften müssten unbedingt hinterfragt werden: «Sonst geraten wir rasch in den Bereich ‹Hoffen und Glauben›.»

Mit Pollmer ist er zwar längst nicht immer einig. Dennoch habe er nach seinem Studium festgestellt, dass Aussagen wie «Margarine statt Butter schützt vor Herzinfarkt» auf Annahmen oder gar auf PR-Aktionen der Margarine-Industrie beruhten. Und mit der Zeit habe er dann erstaunt gelernt: «Das bezieht sich auf fast alle Themen der Ernährungsmedizin – die Lehre hat sich seit Jahrzehnten nicht ausreichend bewegt und steht häufig völlig konträr zu den Fakten.»Da die Mehrheit der Bevölkerung übergewichtig, bewegungsarm und deshalb oft insulinresistent sei, verwendet er eine therapeutisch orientierte Ernährungspyramide, die ziemlich anders aussieht als jene der Schweizer Gesellschaft für Ernährung: Für Worm ist eine Betonung auf mehr hochwertiges Eiweiss aus Fisch und Milchprodukten, mehr ungesättigte Fette und mehr stärkearme Nahrungsmittel wie Gemüse, Salate, Beeren, Pilze und Früchte beim heutigen Lebensstil sinnvoller als die Empfehlung, viele Vollkornprodukte und Kartoffeln zu essen.

Was unbestritten bleibt, sind einzig die Omega-3-Fettsäuren. Auch Gerhard Rechkemmer, Präsident des deutschen Max-Rubner-Instituts für Ernährung und Lebensmittel, betont, dass «langkettige Omega-3-Fettsäuren für die Entwicklung des kindlichen Gehirns absolut notwendig» sind.

Viel Trinken ist «Dummes Zeug»

Während Wissenschafter Rechkemmer und die Schweizer Ernährungsberaterinnen übereinstimmend betonen, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sei für den Hirnbetrieb unerlässlich, meinte Pollmer im «Weltwoche»-Interview: «Der Wassergehalt von festen Nahrungsmitteln liegt in der gleichen Grössenordnung wie der von flüssigen. Linsen haben 77 Prozent Wassergehalt, selbst Bratwurst hat noch 60 Prozent. Jede Ernährungsberaterin weiss, dass die Empfehlung, viel zu trinken, dummes Zeug ist.»

DerartigeInformationskollisionen sind einigermassen verwirrend. Gesunder Menschenverstand ist angesagt – und die Wahl, wem man Glauben schenken will: Offiziellen Schweizerischen und Deutschen Institutionen, dem engagierten Verfechter von stärke- und zuckerarmer Ernährung Nicolai Worm oder dem eloquenten Herausforderer Udo Pollmer. Gut, dass sich zumindest einige Fragen mit gesundem Menschenverstand von alleine erklären, beispielsweise jene nach wenig förderlichen Nahrungsmitteln vor Prüfungen.

Dazu liefert Ernährungsberaterin Steffi Schlüchter wiederum kein Patentrezept, sondern gibt nur zu bedenken: «Alkoholexzesse am Vorabend sollten vermieden werden.» Auch sage der Volksmund «Ein voller Magen studiert nicht gern», und das heisst: «Zu üppige Mahlzeiten vor und während eines Prüfungstages können das allgemeine Wohlbefinden und damit die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.» Ansonsten gelte wie überall – gesund und ausgewogen.

Brainfood als Streitpunkt

Was das genau heisst, bleibt wohl weiterhin ein Streitpunkt zwischen diversen Akteuren der Ernährungswissenschaft. Ein bisschen Licht ins Dunkel bringt vielleicht die Erklärung von Nicolai Worm: «Die Empfehlungen der Deutschen und der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung dienen zur Primärprävention von schlanken, gesunden Menschen.» Seine sogenannte LOGI-Methode samt spezieller Pyramide sei dagegen als therapeutischer Ansatz gedacht. «Insofern sind die verschiedenen Ernährungsansätze gar nicht vergleichbar.»

Dementsprechend ist auch die Frage nach dem besten «Hirnfutter» nicht eindeutig zu beantworten. Letztlich bleibt Prüflingen wohl nichts anderes übrig, als vor Tests aus den verschiedenen Empfehlungen jene Art von «ausgewogen» herauszupicken, die sie in den fittesten Zustand versetzt. Zugegeben, die Empfehlungen einer SGE und eines Bundesforschungsinstituts wirken seriöser abgestützt, und auch Worm kann sich auf Erkenntnisse der modernen Stoffwechselforschung berufen. Pollmer’sche Aussagen wie «Trinken, bevor man Durst hat, ist so intelligent wie Pinkeln, bevor man muss» mögen dagegen nicht unbedingt wissenschaftlich sein. Dafür sind sie amüsant.

Lebensmittelpyramiden: www.sge-ssn.ch und www.logi-methode.de