Die E-Zigaretten sind in der Deutschschweiz definitiv angekommen: «Ich habe sie vor drei Wochen in mein Sortiment aufgenommen», sagt ein Take-away-Besitzer im trendigen Zürich-West-Quartier. Die Mods, wie die batteriebetriebenen und Rauchdampf erzeugenden Metallstäbe genannt werden, beziehe er direkt aus China.

Die Deutschschweizer sind beim neuen Rauchen auf Basis von pflanzlichem Glyzerin und Propylenglycol alles andere als Pioniere. «Je südlicher man in Europa geht, umso verbreiteter sind E-Zigaretten», so der Take-away-Besitzer. In Florenz etwa konnten Touristen schon vor drei Jahren auf E-Zigaretten spezialisierte Ladengeschäfte entdecken und dem Gespräch der kommunikationsfreudigen Einwohner auf der Strasse lauschen, die sich über das neue Raucherphänomen das Maul zerrissen: «Ma non riesco a capire come uno può comprare una cigaretta elettronica.»

Qualitätsware und Nebeneffekte

Opposition und Misstrauen sind in unseren Breitengraden auch drei Jahre später noch zu spüren – nicht zuletzt in etablierten Tabakkreisen. «Nein, E-Zigaretten verkaufen wir nicht. Wir führen Qualitätsware in unserem Geschäft», sagt etwa die Dame im renommierten Tabakladen im schicken Zürcher Storchenquartier. Es sei sowieso nicht zu empfehlen, mit dieser neuen Mode anzufangen. «Man weiss ja noch gar nicht, welche Nebenwirkungen der Dampf beim Menschen hervorrufen kann.» Beim Tabak wisse man wenigstens, worauf man sich einlasse: Rauchen kann die Gesundheit schädigen. «Als Ersatz für ehemalige Raucher würden wir E-Zigaretten jedenfalls nicht empfehlen», heisst es im Qualitätsladen, «da hören Sie lieber gleich auf.»

Die Tabakindustrie habe lang ähnlich argumentiert. «Sie hatte Angst, dass E-Zigaretten ihr den Markt kaputtmachen werden», sagt der Ladenbetreiber in Zürich-West. Erst vor kurzem habe aber eine medizinische Studie gezeigt, dass E-Zigaretten in der Lunge die vom Tabakrauchen her bekannten Schädigungen in deutlich geringerem Masse erzeugen.

Ein Labor-Test des «Kassensturzes» vom vergangenen April hat ergeben, dass zwar auch bei der Erwärmung von Glycerin und Propylenglycol in den E-Zigaretten die Giftstoffe Formaldehyd und Acetaldehyd freigesetzt werden. Doch bei Tabakzigaretten ist die Konzentration von Formaldehyd 60 Mal und beim Acetaldehyd bis zu 1000 Mal höher.

Wie stark der Import von E-Zigaretten in der Schweiz seit 2005 zugenommen hat – als die ersten elektronischen Dampfstängel hierzulande auftauchten –, lässt sich gemäss den Daten der Oberzolldirektion nicht sagen. Denn E-Zigaretten werden bislang in einer Sammelgruppe von elektrothermischen Haushaltsgeräten und elektrischen Maschinen geführt, die keine Rückschlüsse auf die effektiven Einfuhrmengen zulassen.

«Manipulative PR»

Die Zahlen des Schweizer Marktführers für E-Zigaretten, des Aadorfer Unternehmens InSmoke.ch, deuten aber auf rasantes Wachstum hin: «Wir haben die ersten Produkte 2010 verkauft, seither hat sich der Umsatz jedes Jahr verdoppelt», so Geschäftsführer Stefan Meile. Den Gesamtverkaufswert von E-Zigaretten und Liquids in der Schweiz schätzt er für 2014 auf 20 Millionen Franken.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnete 2013 die potenziellen Risiken von E-Zigaretten als «nicht eindeutig»: «Bis ein nationaler Regulator E-Zigaretten als sicher, effektiv und von akzeptabler Qualität erachtet, ist Konsumenten nachdrücklich zu raten, solche Produkte nicht zu nutzen», so das WHO-Verdikt.

Das war ganz im Sinn der Tabakindustrie. «Sie bekämpfte die E-Zigaretten mehrere Jahre, vor allem mit manipulativer PR, die Verunsicherung schaffen wollte», sagt Meile. Mittlerweile hätten die Grosskonzerne wie British American Tobacco (BAT), Japan Tobacco International (JTI) oder Philip Morris zwar auch E-Zigaretten im Angebot. Doch dabei handle es sich mehrheitlich um billige und wenig sinnvolle Einwegprodukte. «Denn die Tabakkonzerne wollen, dass die Konsumenten zurückkommen zu herkömmlichen Zigaretten», so Meile.

Philip Morris weist die Vorwürfe zurück. Und BAT und JTI zeigen sich überrascht. Zur vergangenen Lobbyingstrategie äussert man sich zwar nicht. Aber heute steht man dem neuen Rauchen offen gegenüber: «Der zunehmende Erfolg der E-Zigarette zeigt, dass Raucher vermehrt Alternativen zu traditionellen Tabakprodukten suchen», sagt etwa BAT-Sprecher Christophe Berdat auf Anfrage.

Man vertreibe selber seit September 2013 E-Zigaretten auf dem britischen Markt. «Die letzten Monate haben gezeigt, dass bei den Schweizer Konsumenten grosses Interesse an solchen Produkten besteht», so Berdat weiter. Deshalb begrüsse man, dass der Vorentwurf des neuen Tabakproduktegesetzes vorsieht, den Schweizer Markt für nikotinhaltige E-Zigaretten zu öffnen. Man setze sich für strikte Produktestandards ein, etwa dafür, dass die Trägerstoffe und Aromen sowie die Giftstoffbelastung auf den E-Zigaretten deklariert werde.

Wird die E-Zigarette also die Tabakzigarette verdrängen? Peter Hajek, der führende britische Experte für Tabakabhängigkeit und Entwöhnung von der Queen Mary University in London, hält das für möglich: «E-Zigaretten haben das Zeug, tabakbedingte Krankheiten und Todesfälle zu eliminieren», so Hajek im Interview mit dem «Spiegel». Sobald die Geräte so gut seien, dass sie mit Zigaretten voll mithalten könnten, würden die Raucher zweifellos in Scharen wechseln. «Das wäre ein enormer Gewinn für die Gesundheit der Gesellschaft», so Hajek.

Nikotin-Liquids als Beschleuniger

Das zeigt, dass sich allmählich das Bewusstsein durchsetzt, dass E-Zigaretten viel weniger schädlich sind als herkömmliche Glimmstängel. «Viele Leute haben immer noch das Gefühl, dass vor allem Nikotin schädlich sei, doch krebserregend bei herkömmlichen Zigaretten sind in erster Linie Teer, Arsen und toxische Verbrennungsstoffe», so Meile.

Er ist überzeugt, dass der Siegeszug der E-Zigaretten auch in der Schweiz nicht mehr zu bremsen sein wird, sobald Liquids auch mit Nikotin verkauft werden dürfen, was derzeit noch nicht der Fall ist. «Dann werden die Raucher tatsächlich scharenweise umsteigen, weil bisher alle Untersuchungen gezeigt haben, dass E-Zigaretten viel weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten», so Meile.

Bis es so weit ist, müssen im neuen Bundesgesetz über Tabakprodukte zuerst die rechtlichen Rahmenbedingungen für das nikotinhaltige Dampfrauchen geschaffen werden. Stände- und Nationalrat werden den Vorentwurf ab dem 19. September diskutieren.