Coronavirus
Das Geschäft mit dem Tod – Bestatter während der Coronakrise: «Die Angst vor einer Ansteckung ist immer da»

Im Bestattungswesen ist der Tod allgegenwärtig – momentan stärker als je zuvor und auch im alltäglichen Leben. Mit vielen Toten, der Angst vor Ansteckungen und mehr Aufwand birgt die Pandemie neue Herausforderungen für den Beruf.

Sarah Kunz
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Die Pandemie beschert dem Bestattungswesen wegen der Ansteckungsgefahr zusätzlichen Aufwand im Umgang mit Coronatoten.

Die Pandemie beschert dem Bestattungswesen wegen der Ansteckungsgefahr zusätzlichen Aufwand im Umgang mit Coronatoten.

Symbolbild/Keystone

Unsicherheit, Angst, Frust. In der Coronakrise sind sie omnipräsent. Gleich wie der Tod. Jeden Tag sterben in der Schweiz Menschen an den Folgen des Virus, seit Beginn der Krise über 5000. Sie sterben still, die täglichen Todeszahlen schockieren längst nicht mehr wie zu Beginn der Pandemie.

Doch die Angehörigen trauern noch immer, setzen die Verstorbenen bei, besuchen ihre Gräber. Bei diesem Weg immer dabei: Der Bestatter. Er ist die erste Anlaufstelle für Hinterbliebene, unterstützt die Angehörigen, erfüllt ihnen ihre Wünsche bei der Beisetzung, hilft ihnen damit in ihrer Trauer. Und er begleitet den Verstorbenen auf seiner letzten Reise.

Viele haben Angst vor dem Tod. Nicht so Philipp Messer, als Präsident des Schweizer Verbands für Bestattungsdienste oberster Bestatter des Landes. «Ich fürchte mich nur vor dem Sterben», sagt Messer. Vor dem Leiden, den Schmerzen. «Im Tod ist das alles weg.» Für ihn ist der Tod friedlich, Teil des Lebens. Er gehört dazu, selbst wenn er ungerecht erscheint, lehre Demut.

Wenn man jeden Tag mit etwas so Endgültigem konfrontiert ist, lernt man, das Leben mehr zu schätzen.

Die Coronakrise hat nun dazu geführt, dass jeder den Tod stets vor Augen hat – sei es in den täglichen Fallzahlen, aus Furcht oder weil geliebte Menschen am Virus sterben. Er schwebt über der Pandemie wie ein schwarzer Schatten. Und rückt damit das Bestattungswesen stärker ins Licht.

Bestatter in der Romandie mussten Überstunden leisten

In der Schweiz sterben jedes Jahr rund 65'000 Menschen. An Krankheiten, Unfällen, Alter. Durch die Pandemie könnte diese Zahl für das laufende Jahr in die Höhe schnellen. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Denn wie hoch die Übersterblichkeit ausfällt, lässt sich noch nicht feststellen.

Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigt, dass die Sterblichkeitsrate für über 65-jährige in einigen Regionen in der ersten und nun auch in der zweiten Welle tatsächlich weitaus höher ist als in normalen Jahren. Das wirkt sich auf das Bestattungswesen aus. «In Genf, in Fribourg und allgemein in der Romandie waren einige von uns eine lange Zeit stark gefordert», sagt Messer. «Jetzt verschiebt es sich zunehmend in die Deutschschweiz.»

Ihm ist wichtig, das Virus ins Verhältnis zu setzen. Die Menschen werden immer älter, im Alter zerbrechlicher und eingeschränkter, das Immunsystem schwächer. «Bei manchen ist der Tod eine Erlösung», sagt Messer. Den älteren Menschen raube das Coronavirus Monate oder Jahre. «Trotzdem trauern die Angehörigen. Es schmerzt, einen geliebten Menschen zu verlieren», sagt Messer. Das sei aber etwas anderes, als wenn er ein Kind beisetzen müsse. «Das ist einfach unnatürlich. Dafür gibt es keine Worte.»

Trotz hoher Todeszahlen gibt es nicht mehr Arbeit

Auch wenn die Todeszahlen in einigen Regionen höher sind als sonst, solch erschreckende Bilder wie man sie aus Bergamo kennt – Massengräber, die Armee, die Tote abtransportieren muss – müsse man in der Schweiz nicht befürchten. «Wir haben gleich am Anfang der Krise gemeinsam mit dem Bund ein Notfallkonzept erarbeitet», sagt Messer.

Bei ihm und seinen Kollegen führt die Pandemie nun aber paradoxerweise dazu, dass sie zwar viel zu tun haben, aber doch weniger organisieren müssen. Denn zu ihren Aufgaben gehört mehr, als nur die Verstorbenen beizusetzen. «Wir bringen sie in eine Aufbahrungshalle, kremieren sie, bringen die Urne zur Kirche, stellen den Blumenschmuck, begleiten die Familie während der Beisetzung», sagt Messer. Ein Bestatter unterstütze die Angehörigen auch bei der Organisation der Trauerfeier, bei der Abschiedszeremonie, erledige alle amtlichen Formalitäten.

Unser Beruf ist vielseitiger als man denkt.

Wegen der strengen Massnahmen sind nun viele Aufgaben weggefallen. Die Angehörigen wünschen sich eher eine Beisetzung im kleinen Kreis oder gehen gar nicht mehr in die Kirche. Ein gemeinsames Apéro oder Essen in einem Restaurant ist nur erschwert möglich. Von Einbalsamierung oder einer Abschiednahme von Coronatoten am offenen Sarg rät Messer ab.

Ist dies trotzdem der Wunsch der Hinterbliebenen, sei beispielsweise eine Glaswand zum Schutz der Betroffenen nötig. Oft werden die Verstorbenen auch direkt kremiert und beigesetzt. Dadurch verkürzt sich die Zeit, die für die einzelnen Todesfälle aufgewendet wird. Deshalb hätten Bestatter in weniger betroffenen Regionen zum Teil weniger Arbeit.

Er bemerke aber schon, dass das Coronavirus seinen Beruf verändert hat. So wurden Urnenbeisetzungen schon auf unbestimmte Zeit verschoben. Weil etwa ein Angehöriger erkrankt ist oder die Familie auf bessere Zeiten wartet. Messer bewahrt die Urne dann in seinem Bestattungsdienst in Biel auf, in einem Urnenschrank. Seit dem Ausbruch der Krise musste er sich einen zweiten anschaffen.

Messer hofft auf baldige Impfung

Allgemein seien die Herausforderungen für die Beisetzung der einzelnen Verstorbenen grösser geworden. «Wir wissen nicht, wie ansteckend die Toten noch sind», sagt Messer. Grundsätzlich kann ein Leichnam immer Träger von Krankheitserregern und damit potenziell ansteckend sein. Wird ein Toter gewaschen und bewegt, könnte Luft aus der Lunge entweichen. Wenn also eine Person beigesetzt wird, die an Corona verstorben ist, müssen die Bestatter Schutzmassnahmen vornehmen. Handschuhe, Mundschutz, Schürze, Brille. Das erschwere die Arbeit.

Bestatter Philipp Messer.

Bestatter Philipp Messer.

Zur Verfügung gestellt

«Wenn ich eine verstorbene Person aus ihrer Isolation abhole, treffe ich auch ihre Angehörigen», sagt Messer. «Es kam auch schon vor, dass eine dieser Personen, mit denen ich ja Kontakt hatte, wenige Tage später positiv auf das Coronavirus getestet wurde.» Trotz nötigem Abstand, trotz Hygienemassnahmen, man weiss nie. «Die Angst vor einer Ansteckung ist immer da», sagt Messer. «Das belastet mich sehr.»

Messer hofft deshalb, dass das Bestattungswesen dem Pflegepersonal gleichgesetzt wird und zu den ersten gehört, die den Impfstoff erhalten. «Ich hoffe, dass wir bald geimpft werden können», sagt er. «Dann kann ich meiner Arbeit wieder beruhigt nachgehen.» Denn für ihn ist Bestatter der schönste Beruf der Welt. Trotz allem. Weil er helfen kann, letzte Wünsche erfüllen kann, den Hinterbliebenen etwas von ihrer Trauer nehmen kann. «Und was gibt es letztlich Schöneres, als den Menschen zu helfen?»

«Ein guter Bestatter braucht viel Mitgefühl»

Das Geschäft mit dem Tod

Kaum ein anderer Beruf verlangt so viel Fingerspitzengefühl wie der Umgang mit Tod und Trauer. Respekt und Achtung sind Voraussetzung für einen würdevollen Abschied. «Ein guter Bestatter braucht viel Mitgefühl», sagt Philipp Messer, Präsident des Schweizer Verbands für Bestattungsdienste. Im Verband sind rund 160 Bestattungsinstitute von geschätzten 500 Bestattungsinstituten in der Schweiz vertreten.

Die Branche ist föderalistisch geregelt, je nach Kanton teilen sich Gemeinde und Bestattungsinstitute die Arbeit oder die Bestattungsdienste sind vollständig privatwirtschaftlich. Gemäss Schätzungen macht die Branche jährlich einen Umsatz im hohen dreistelligen Millionenbereich. Letztlich ist das Geschäft mit dem Tod ein gewinnorientiertes Gewerbe wie jedes andere – auch wenn es im sensibelsten Bereich unseres Daseins tätig ist.

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