Für viele war das Weihnachtsfest oft ein Grund, um sich Zeit zu nehmen, eine Grusskarte handschriftlich zu verfassen. War sie auch noch selbst gebastelt, galt das als besonderes Geschenk. Die heutige Gesellschaft tickt anders: Hybride Apps für Postkarten boomen.

Hybrid heisst, dass der Benutzer eine Karte am Smartphone oder Computer selber entwirft. Anschliessend wird sie vom Anbieter physisch gedruckt und direkt an den Empfänger verschickt. So können Touristen heute aus allen Ecken der Welt persönliche Grusskarten verschicken – ohne diese jemals in der Hand zu halten.

Individualität ist das Schlagwort. Der Eiffelturm im Abendrot ist langweilig. Das Pariser Stahlgerüst mit dem eigenen Antlitz zu schmücken, ist hingegen trendy: ein Selfie als Postkarte.

Vorreiter der digitalen Postkarte in der Schweiz war die Thurgauer Druckerei Flyerline mit der App «app2print», welche im Jahr 2012 lanciert wurde. Alle 24 Stunden konnte eine individuell gestaltete Postkarte gratis verschickt werden – Druck und Porto für B-Post inklusive. Mitte 2013 wurde der Dienst kostenpflichtig. Eine Karte kostet seither inklusive Versand zwei Franken. Dafür können mehrere Karten weltweit und an zahlreiche Empfänger gleichzeitig verschickt werden.

Post kopiert Werbeaktion

Seit März 2014 mischt auch die Schweizerische Post im hybriden Postkartenmarkt mit. Und kopiert das damalige Angebot von Flyerline: Sie druckt und verschickt Postkarten gratis. Und das, obwohl die Post im Privatkundensegment des Briefgeschäfts sonst schon nicht rentabel ist.

Wie rechtfertigt der gelbe Riese eine solche Gratis-Aktion? Die Antwort des Post-Mediensprechers Bernhard Bürki: «Die App ist für die Post ein Werbeinstrument zur Bekanntmachung der Online-Plattform PostCard-Creator. Die Kosten, die mit der Gratis-App entstehen, werden von diesem Produkt getragen.» Auf der Karte sei Werbung zu sehen und zudem könne man nur alle 24 Stunden eine Karte verschicken.

Via App ist das gratis. Auf der gleichnamig beworbenen Website «PostCard-Creator» der Post zahlt der Kunde für die gleiche Postkarte jedoch Fr. 2.55. Rechnet man diesen Preis auf die bisher verschickte Menge an Gratispostkarten hoch – es sind über 500 000 – verschickten die Schweizer bereits Karten im Wert von über 1,3 Millionen Franken. Die Post führt die Werbeaktion unbefristet fort. Bisher wurde die App rund 100 000-mal heruntergeladen. Im Apple Store gehört sie zu den 40 beliebtesten Apps.

ifolor greift die Post an

Auch der Fotodienst ifolor hat Mitte Jahr eine App mit demselben Zweck auf den Markt gebracht. Sie wurde bisher einige zehntausend Mal heruntergeladen. Allerdings ist das Angebot kostenpflichtig. Marketing-Leiter Karsten Peters würde die zusätzliche Konkurrenz der Post eigentlich nicht stören. Doch die Kombination des Gratisversands mit dem Produkt, das ebenfalls gratis ist, gibt ihm zu denken: «Die Post versucht mit der Gratispostkarte, ihr unter Druck stehendes Kerngeschäft zu forcieren», schreibt er auf Anfrage.

Andere Anbieter hätten solche Möglichkeiten nicht und könnten ihr Produkt nicht einfach gratis abgeben. Ausserdem seien normale Postkarten-Anbieter aufgrund des Briefpost-Monopols gesetzlich verpflichtet, Postkarten durch die Schweizerische Post transportieren zu lassen. «So finanzieren wir der Post das Gratisangebot mit, das direkt gegen unser eigenes Produkt gerichtet ist», so Peters weiter, «ob wir wollen oder nicht.»

Der Papeteriehändler Elco, der ebenfalls eine kostenpflichtige App anbietet, wollte sich zur grossen Gratis-Konkurrenz des Bundesbetriebs nicht äussern. Auch Postkartenpionier Flyerline war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Dass die Postkarte vom Tabakladen neben dem Strandhotel nun bald ausstirbt, ist aber trotz der Hybrid-Postkarte nicht anzunehmen. Seit einigen Jahren erholt sich der seit der Internetrevolution eingebrochene Postkartenmarkt wieder etwas, berichtete die «Zentralschweiz am Sonntag» vor einigen Wochen. Und laut dem Ferienreport 2014 von Kuoni schreiben 39 Prozent der Befragten noch immer klassische Postkarten.