Die Schlangen sind unendlich lang, die Busse übervoll, die Hotelpreise gigantisch hoch. In Barcelona herrscht Ausnahmezustand: Rund 100'000 Personen pilgern diese Woche in die spanische Grossstadt, um hier am Mobile World Congress (MWC) die nächsten Smartphone-Trends zu entdecken. Anlässlich der Konferenz stellte Samsung am Sonntagabend schon vor der offiziellen Eröffnung die neuen Handy-Modelle Galaxy S9 und Galaxy S9+ vor.

Mit 21 Prozent Marktanteil dominiert das koreanische Unternehmen derzeit die Smartphone-Welt und entsprechend gross war auch das Interesse an den neuen Geräten: Mehrere tausend Personen kamen zum Event, der mit Lichteffekten, Augmented Reality und viel Bass eher einem Popkonzert glich als einer Pressekonferenz.

Kamera mit variabler Blende

Szenenwechsel. Während in Barcelona die Sonne strahlt, befinden wir uns im kalten und typisch grauen London. Die «Nordwestschweiz» konnte dort vergangene Woche die neuen Samsung-Modelle schon vor der offiziellen Präsentation testen. Die Erwartungen sind hoch, denn der Preis ist es auch: In der Schweiz werden das Galaxy S9 und das Galaxy S9+ am 16. März für 899 Franken respektive 999 Franken auf den Markt kommen. Damit sind die Geräte zwar deutlich teurer als ihre Vorgänger, aber nach wie vor günstiger als das iPhone X von Apple.

Lohnt sich diese Investition? Die neuen Samsung-Handys sind gut – sehr gut sogar –, aber allzu viel Neues bieten sie nicht. Funktional gibt es nur wenige Unterschiede zum aktuellen Gerät, und auch das Design von S9 und S9+ ist sehr ähnlich wie das der Vorgängermodelle. Die wichtigste Neuerung befindet sich auf der Rückseite des Handys: Zum ersten Mal überhaupt hat eine Firma zwei mechanische Blendenstufen in eine Smartphone-Kamera eingebaut.

Dadurch werden Tiefenschärfe und Belichtung der Bilder je nach Situation angepasst – eine Funktion, die man bisher nur von Spiegelreflex-Kameras kannte. Diese Technologie ist zukunftsweisend und könnte Smartphone-Fotos bald noch besser machen. In einem kurzen Vergleich mit dem Google Pixel zeigte sich dann auch deutlich, dass das S9 vor allem bei schwachem Licht hervorragende Bilder schiesst. In Alltagssituationen liessen sich im Schnelltest hingegen keine bedeutenden Unterschiede feststellen.

Beeindruckend sind auch die Super Slow-Motion-Aufnahmen, welche mit dem neuen Samsung-Handy möglich werden. Das Gerät filmt dabei Videos mit unglaublichen 960 Bildern pro Sekunde, was bisher nur das Sony Xperia erlaubte. Zudem liess sich Samsung von Apple inspirieren und bringt eine eigene Version der «Animojis» auf den Markt. Damit kann man seine eigene Mimik und Gesten automatisch auf einen digitalen Avatar übertragen. Momentan funktioniert das zwar noch nicht so gut wie mit dem iPhone X, jedoch bietet das Galaxy S9 zusätz- lich die Möglichkeit, sich selber als Avatar einzuscannen.

Die Konkurrenz schläft nicht

Neben Marktführer Samsung stellten gestern auch andere grosse Hersteller ihre neuen Produkte vor: Nokia präsentierte gleich fünf Smartphones, darunter eine neue Version des gelben «Bananen»-Handys, welches man aus den Matrix-Filmen kennt. Und Huawei sorgte mit einem Laptop für Aufsehen, der fast ohne Bildschirmrand auskommt. Heute und morgen dürften ausserdem die neuen Handy-Modelle von Sony und Asus präsentiert werden.

Einmal mehr abwesend am MWC ist Apple: Die Firma ist mit 14 Prozent Marktanteil nach wie vor der zweitgrösste Player im Smartphone-Markt, verzichtete aber wie jedes Jahr auf eine Präsenz in Barcelona. Und auch andere grosse Marken wie HTC, Motorola oder LG werden dieses Jahr am MWC keine neuen Flaggschiffe präsentieren – vermutlich auch deshalb, weil sie nicht im Schatten der neuen Samsung-Modelle stehen wollen.

Ein wichtiges Thema wird am MWC dieses Jahr die 5G-Technologie sein, welche bald eine rasend schnelle Internetverbindung ermöglichen soll. Vergangene Woche gab die Swisscom in diesem Zusammenhang bekannt, dass es in der Schweiz bis 2020 ein flächendeckendes 5G-Netz geben soll. Aber obwohl das Thema am diesjährigen MWC omnipräsent ist, spürt man an der Konferenz noch nichts davon: Sowohl WLAN- wie auch Mobilnetz sind hier konstant überlastet – und das an der grössten Handy-Messe der Welt.