Wirtschaft

Das Endspiel um den Schweizer Solarpionier Meyer Burger

Er will Meyer Burger "in eine erfolgreiche Zukunft führen": Präsident Remo Lütolf. Zuerst muss er sich jedoch mit dem grössten Aktionär auseinandersetzen.

Er will Meyer Burger "in eine erfolgreiche Zukunft führen": Präsident Remo Lütolf. Zuerst muss er sich jedoch mit dem grössten Aktionär auseinandersetzen.

Das Unternehmen Meyer Burger steckt in einer Schlammschlacht mit seinem grössten Aktionär. Übernächste Woche kommt es zum entscheidenden Votum.

Über Meyer Burger darf man sich schon wundern: Sollte eine Firma, die auf technisch allerhöchstem Niveau Anlagen zur Produktion von Solarzellen herstellt, in Zeiten der omnipräsenten «Klimakrise» nicht rasant an Wert zulegen? Stattdessen aber kämpft das Unternehmen seit Jahren ums Überleben. Einst an der Börse regelrecht in den Himmel gelobt, folgte ein nicht enden wollender Fall. Von den 10 Franken 40, die eine Aktie im Frühjahr 2011 Wert war, sind heute gerade noch die 40 Rappen übrig geblieben.

Unzufrieden zeigt sich besonders der grösste Aktionär der Solarfirma. Forderte er nun gar den Rücktritt des Firmenchefs? Remo Lütolf, Präsident von Meyer Burger, sagt im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende»: So war es. Sentis Capital – so heisst der Investor, hinter dem ein russischer Milliardär steckt – habe diese Forderung Anfang August aufgestellt. «Sentis forderte zwei Sitze im Verwaltungsrat», sagt Lütolf. «Am 2. August gab es eine Telefonkonferenz. An dieser hat Sentis gesagt, dass sie auf die zwei Sitze verzichten würden, wenn wir seitens des Verwaltungsrates einen ihrer Vertreter zur Wahl vorschlagen würden – unter der Bedingung, dass unser CEO Hans Brändle ersetzt wird.» Auf die Erwiderung, dass Sentis das bestreitet, sagt Lütolf: «Das waren die Forderungen.»

Auf diesen Vorwurf angesprochen, sagt Anton Karl, Co-Geschäftsführer des Investors: «Sentis Capital hat nie den Rücktritt von Hans Brändle gefordert, aber seine Leistung in nahezu drei Jahren als hoch bezahlter CEO von Meyer Burger kritisch hinterfragt.» Schliesslich stehe das Unternehmen heute schlechter da als zum Zeitpunkt der Rettung vor dem Konkurs. Die Forderung nach einem Sitz im Verwaltungsrat habe im Übrigen nichts zu tun mit der CEO-Frage, so Karl weiter. Sentis hält im Verbund mit Partnern rund elf Prozent an Meyer Burger. «Es braucht Mark Kerekes im Verwaltungsrat, um die Aktionärsinteressen zu vertreten.»

Dem Österreicher Kerekes, der andere Co-Chef von Sentis, spricht Remo Lütolf dagegen die notwendige Kompetenz ab: «Er erfüllt grundsätzliche Voraussetzungen, die wir an einen Verwaltungsrat unserer Firma stellen, nicht.» Er habe keinerlei Erfahrung in einer Exekutivfunktion in einem Industrieunternehmen – «in einer Boardfunktion schon gar nicht».

Am 30. Oktober stimmen die Aktionäre über die Personalie ab. Knapp zwei Wochen vor der wegweisenden Generalversammlung ist beim Solarkonzern nun so richtig Dampf im Kessel.

Strategische Kehrtwende

Lütolf ist seit dem Frühjahr im Amt. Der 63-Jährige war Chef von ABB Schweiz und präsidiert neben dem Verwaltungsrat der Solarfirma aus Gwatt bei Thun auch noch den der Ruag. Für die Solarenergie sieht Lütolf «eine goldene Zukunft», Meyer Burger wähnt er in «einem attraktiven Markt». Angesichts der Geschäftsentwicklung fragt man sich einen Moment lang schon, ob er das ernst meint. Je länger Lütolf spricht, desto klarer wird: Ja, das tut er. Dies, weil die Firma gerade einen umfassenden Strategiewechsel hinlegt.

Meyer Burger baut hochwertige Anlagen für die Produktion von Solarzellen. Letztere habe sich weltweit «in den letzten fünf bis zehn Jahren durch einen aggressiven Wettbewerb zu rund 80 Prozent in China konzentriert», erklärt Lütolf. Dort wird nicht nur subventioniert, sondern auch kopiert, was das Zeug hält. Meyer Burger verkauft eine Anlage nach China und muss dann zuschauen, wie später Kopien davon zu wesentlich günstigeren Preisen angeboten werden.

Um mit ihrer neuesten Entwicklung nicht in die selbe Falle zu treten, einigte sich Meyer Burger mit der Firma REC, ein Solaranlagenhersteller aus Norwegen, der in Singapur produziert, auf eine besondere Art der Zusammenarbeit: REC erhält die Meyer-Burger-Technologie – mit einigen Einschränkungen – exklusiv, dafür werden die Schweizer am Gewinn beteiligt. Aus der Partnerschaft soll ein weltweites Netzwerk entstehen, das der chinesischen Übermacht Paroli bietet.

Bevor es so weit ist, steht Meyer Burger jedoch die ausserordentliche Generalversammlung ins Haus. Vorab legt Lütolf nochmals nach: «Wir haben Sentis nie als konstruktiven Partner mit eigenen strategischen Ideen erlebt. Das Einzige, was wir von ihnen wahrgenommen haben, ist rückwärtsgewandte Kritik. Wir hätten jemanden am Tisch, der uns in der sehr kritischen Situation, in der wir uns befinden, nicht hilft.» An Firmenchef Brändle will Lütolf in jedem Fall festhalten: «Hans Brändle ist fundamental in unserer strategischen Neuorientierung.»

Hinter Sentis steckt der russische Milliardär Piotr Kondrashev. Ist er in Wahrheit das Problem? Nein, sagt Lütolf. Dennoch müsse man seinen Hintergrund ansehen: Kondrashev stehe auf der sogenannten «Putin-Liste» der US-Behörden, die nach der Krim-Annexion erstellt wurde. Einige Personen von dieser Liste, darunter der bekannte Investor Viktor Vekselberg, seien mit Sanktionen belegt worden. Kondrashev selbst gehört zwar nicht dazu, räumt Lütolf ein. Aber: «Es ist ein Risiko, das schafft Unsicherheit.»

Für den Fall, dass der Sentis-Mann gewählt wird, hat Firmenchef Brändle seinerseits den Rücktritt angekündigt. «Hans Brändle hat dem Verwaltungsrat gesagt, dass er unter einem solchen Verhältnis seine Aufgabe nicht mehr erfüllen könne. Letztlich muss der CEO entscheiden, unter welchen Umständen er unsere Firma führen will», sagt Lütolf. Und wenn Herr Kerekes gewählt wird, tritt dann auch der Präsident ab? Dazu Lütolf: «Ich bin am 2. Mai für ein Jahr gewählt worden. Diese Aufgabe werde ich weiterführen. Danach muss man eine neue Beurteilung machen. Ich stehe zu hundert Prozent hinter dieser Firma und möchte sie auch in eine erfolgreiche Zukunft führen. Wir müssen allerdings schauen, dass das auch möglich ist.»

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Autor

Fabian Hock

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