Nach einem Firmenlogo sucht man vergebens. Das Haus, in dem sich die amerikanische Niederlassung von «Ava» befindet, liegt in einem etwas heruntergekommenen Viertel von San Francisco und ist von aussen völlig unscheinbar. Erst im Innern merkt man, dass die sieben Stöcke des Gebäudes alle mit innovativen Start-ups gefüllt sind, welche mit ihren Produkten die Welt verändern wollen.

Die Schweizerin Lea von Bidder lebt seit über zwei Jahren in San Francisco und kümmert sich bei Ava um das Marketing. Wie so häufig hat die Jungunternehmerin ihren Morgen am Telefon mit den Kollegen in der Schweiz verbracht, wo das Start-up mittlerweile rund 30 Personen beschäftigt. Nach dem Interview eilt von Bidder zur praktischen Autofahrprüfung.

Frau von Bidder, die amerikanische Start-up-Szene ist dafür bekannt, dass Fehler nicht nur toleriert, sondern häufig sogar zelebriert werden. Was haben Sie in den vergangenen Tagen falsch gemacht?

Lea von Bidder: Einiges vermutlich, aber leider fällt mir spontan gerade wenig ein. Das ist das Schöne daran – hier denkt man nicht lange über vergangene Fehler nach.

Neben einigen falschen Entscheidungen haben Sie in den vergangenen Jahren auch ganz viele richtige getroffen. Sie gewinnen regelmässig Preise, wurden jüngst gar auf die «30-under-30»-Liste des amerikanischen «Forbes»-Magazins gewählt. Wie viel ist diese Auszeichnung wert?

Ich persönlich habe mich sehr darüber gefreut – viele meiner Vorbilder waren in der Vergangenheit auf dieser Liste. Ansonsten ist das Ganze aber vermutlich nicht weltbewegend.

In der Schweiz erhielten Sie des-halb viel Medienpräsenz. Im Silicon Valley wird die «Forbes»-Liste hingegen von vielen nicht mehr ernst genommen. Mittlerweile werden ja pro Jahr nicht mehr nur 30, sondern mehrere hundert Personen ausgezeichnet.

Es gibt unterdessen tatsächlich sehr viele Leute, die den Titel mit sich rumtragen. Trotzdem hilft uns die Auszeichnung im Silicon Valley: Wir haben keine berühmten Investoren und auch kein grosses Team in Amerika. Diese Anerkennung ist deshalb ein wichtiges Qualitätsmerkmal unserer Firma.

Die Frau der Szene Lea von Bidder – inmitten von Männern.

Die Frau der Szene Lea von Bidder – inmitten von Männern.

Ava gilt als Vorzeigemodell in der Schweizer Gründerszene. Was genau macht ihr?

Wir entwickeln Technologien, welche Frauen helfen, ihren Körper und ihre Gesundheit besser zu verstehen. In einem ersten Schritt haben wir dafür ein Armband auf den Markt gebracht, mit dem man den eigenen Zyklus einfacher und präziser beobachten kann, als es bis jetzt möglich war. Kundinnen tragen das Gerät während des Schlafens. Mithilfe diverser Sensoren bestimmt das Armband die fruchtbaren Tage der Frau. Damit erzielen wir gute Resultate – und uns werden immer häufiger Babyfotos zugeschickt.

Wenn man auf Google nach Fruchtbarkeits-Trackern sucht, dann taucht Ava erst ganz, ganz weit hinten auf. Wieso?

Weil die anderen Methoden gratis sind. Ava hat eine komplett neue Technologie, anders als alle Apps oder Produkte, die derzeit auf dem Markt sind. Aber Ava hat halt auch einen gewissen Preis.

Das Armband kostet 250 Franken. Ist es wirklich besser als eine Gratis-App?

(zögert) Ich würde sagen, dass es besser ist. Bis anhin haben wir aber keine klinische Studie durchgeführt, welche das bestätigen würde. Mit solchen Aussagen müssen wir deshalb sehr vorsichtig sein – gerade weil wir in der Gesundheitsbranche tätig sind.

Genau das ist doch das Hauptversprechen Ihrer Firma – wieso haben Sie dazu nie eine Untersuchung gemacht?

Klinische Studien sind extrem teuer. Deshalb führen wir nur jene Untersuchungen durch, welche unsere Technologie auch wirklich weiterbringen. Rein logisch ist unsere Technologie besser als eine Gratis-App, welche den Zyklus nur anhand der Zykluslänge ermittelt. Deshalb wäre wohl auch niemand überrascht, wenn wir das für viel Geld mit klinischen Tests nachweisen würden. Irgendwann machen wir das vielleicht auch, aber momentan fokussieren wir uns auf andere Bereiche.

Es gibt nicht nur Apps, sondern auch Geräte, welche dasselbe Resultat wie Ava versprechen. Was hat es damit auf sich?

Der weibliche Zyklus ist kompliziert und wird häufig nur über die Mens definiert. Das ist schade, denn während des Zyklus passieren auch sonst extrem viele coole Dinge: Die fruchtbaren Tage sind nicht einfach plötzlich da, sondern der Körper bereitet sich darauf vor. Obwohl es diverse Anzeichen gibt, hat man bis anhin aber nur die Mens und die Temperaturveränderungen beachtet – alle anderen Datenpunkte wurden ignoriert.

Und Ava ändert das?

Genau, Ava misst neun verschiedene physiologische Parameter, unter anderem Puls, Atemfrequenz, Durchblutung und Herzrhythmus. Weil sich die Körpertemperatur bei den meisten Frauen erst ein, zwei Tage nach dem Eisprung ändert, erkennen alle anderen Geräte die fruchtbaren Tage erst im Nachhinein. Ava hingegen bestimmt das fruchtbare Fenster in Echtzeit.

Welche Pläne hat Ava in Zukunft?

Rund zehn bis zwanzig Prozent aller Frauen haben ein Hormonungleichgewicht und deshalb auch einen unregelmässigen Zyklus. Sie können unser Produkt momentan noch nicht nutzen. Deshalb erweitern wir gerade unsere klinische Studie in diesem Bereich. Ausserdem können wir uns vorstellen, dass man unsere Geräte zukünftig als Verhütungsmethode nutzt oder um Schwangerschaften früh zu erkennen und zu überwachen. Auch die Menopause ist sehr schlecht verstanden und für uns interessant. Immer wieder erhalten wir Vorschläge von unseren Kundinnen zu möglichen Weiterentwicklungen des Geräts – die Ideen gehen uns also sicher nicht aus.

Die Vision klingt vielversprechend, aber sprechen wir auch über das Geschäft: Ava kam im Sommer 2016 auf den Markt, ist seit Anfang Jahr auch in Europa erhältlich. Wie viele Armbänder haben Sie bis jetzt verkauft?

Es gibt derzeit durchschnittlich 15 neue Ava-Schwangerschaften pro Tag, obwohl die Dunkelziffer vermutlich deutlich höher liegt. Verkaufszahlen geben wir keine bekannt.

Wieso nicht – besonders für ein Start-up wäre diese Transparenz doch wichtig?

Ehrlich gesagt, habe ich mir das kürzlich auch wieder überlegt. Momentan müssen wir halt einfach keine Zahlen publik machen – und es würde alles verkomplizieren. Vor einem halben Jahr haben wir mal aus Versehen kommuniziert, dass die verkauften Armbänder im zweistelligen Tausenderbereich sind. Das ist zwar schon eine Weile her, aber dabei belassen wir es momentan.

Bei Ava stiessen Sie erst im Nachhinein zu einem bereits dreiköpfigen Team. Zuvor führten Sie eine Schokoladenfirma in Indien; ein Feld, das – in den meisten Fällen – ziemlich wenig mit Schwangerschaften zu tun hat. Wie kamen Ihre Mitgründer auf Sie?

Nach meiner Rückkehr aus Indien habe ich mich ganz informell mit verschiedenen Start-ups zum Kaffee getroffen, um herauszufinden, was ich als Nächstes machen will. Es war also überhaupt nicht so, dass man mich direkt angefragt hätte. Die Idee von Ava fand ich aber von Anfang an sehr spannend und wir haben deshalb damit begonnen, in einzelnen Bereichen zusammenzuarbeiten. Das hat sehr gut funktioniert und so wurde ich rasch auch noch ins Gründerteam aufgenommen.

Sie werden immer wieder ausgezeichnet, erhalten viel Medienpräsenz, wurden jüngst von der «Handelszeitung» gar als Unternehmerin des Jahres vorgeschlagen. Ist es richtig, dass Sie als Marketing-Verantwortliche nominiert sind und nicht beispielsweise der CEO von Ava?

Nein, es könnte geradeso gut ein anderer Gründer sein. Uns ist allen bewusst, dass dies eine Auszeichnung für das Management ist und nicht für mich persönlich. Ich stehe auch sehr offen dazu, dass die genialen Ideen und Technologien nicht von mir, sondern von meinen Mitgründern stammen.

Als der «Tages-Anzeiger» im November ein Porträt über Sie veröffentlichte, schrieb ein Leser dazu einen kritischen, aber populären Online-Kommentar. Möchten Sie ihn hören?

Als ich das letzte Mal Leserkommentare las, hat mir das mein Wochen- ende verdorben. Aber nur zu, ich bin auf alles gefasst (lacht).

Im Kommentar hiess es, dass es «der Emanzipation und der Frauenbewegung wohl besser täte, wenn man die klugen Köpfe porträtieren würde und nicht die hübschen, die sich gut auf Postern machten.» Was meinen Sie dazu?

(zögert) Ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll. Wir leben im 21. Jahrhundert und ich wünschte mir, dass solche Dinge nicht mehr passieren würden.

Der Kommentar geht also auf Ihr Geschlecht zurück?

Hundertprozentig. Einen solchen Kommentar würde man nie unter einen Artikel schreiben, in dem über einen Mann berichtet wird. Die Assoziation, dass Frauen nur porträtiert werden, weil sie auf Plakaten schön aussehen, müssen wir komplett zerstören. Und das geht nicht, solange es nicht mehr Frauen in Führungspositionen gibt. Nur so können wir die unbewussten Vorurteile loswerden, welche wir alle haben.

Sie setzen sich sehr aktiv für mehr Diversität in der Schweizer Start-up-Szene ein. Was kann man gegen die Männerdominanz tun?

Es ist ein grosses und strukturelles Problem, das sich nicht mit ein paar einfachen Schritten lösen lässt. Aber ich bin überzeugt, dass ein Bewusstsein für das Ganze enorm wichtig ist: Momentan gibt es vor allem Männer in Führungspositionen. Wir haben deshalb ganz ungewollt ein Bild in unserem Kopf, wie Erfolg typischerweise aussieht. Wenn eine Person dann nicht diesem Bild entspricht, traut man ihr automatisch weniger zu. Dessen muss man sich klar werden – sei es im Bewerbungsgespräch oder beim Arbeiten im Team. Wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber ich bin froh, dass die Diskussion stattfindet.

Kann sich die Schweiz in diesem Bereich ein Beispiel am Silicon Valley nehmen?

Hier gibt es viele Initiativen zu diesem Thema, aber ob die Situation dadurch auch wirklich besser wird, das ist sehr schwer abschätzbar. In San Francisco ist man vermutlich schon weiter als an vielen anderen Orten. Aber was auf nationaler Ebene passiert, relativiert das Ganze wieder: Vor einem Jahr wurde hier ein Mann zum Präsidenten gewählt, der komplett frauenfeindlich ist – in einer solchen Situation zu sagen, wir würden Fortschritte machen, das fällt mir schwer.

Ist Ava noch eine Schweizer Firma?

Ja, absolut. Unser Kernteam mit etwa 30 Leuten ist in der Schweiz, dazu haben wir eine Software-Abteilung mit zehn Personen in Serbien und hier in San Francisco sind wir ein Sechserteam, das sich um Marketing und Verkauf kümmert. Der amerikanische Markt ist für uns extrem wichtig, und deshalb müssen wir hier präsent sein.

In einem anderen Interview haben Sie Schweizer Firmen empfohlen, möglichst früh ein Büro in Amerika zu eröffnen. Wieso das?

Es kommt natürlich stark darauf an, was für eine Firma man hat – für einige macht ein Büro in Amerika gar keinen Sinn. Für uns aber war es matchentscheidend, dass wir in die USA gekommen sind. Der amerikanische Markt ist sehr gross und eignet sich ausgezeichnet, um ein neues Produkt zu lancieren. In Europa ist alles langsamer und komplexer. Die Schweiz hat aber ebenfalls Qualitäten – zum Beispiel viele talentierte Leute – und als Firma sollte man auch darauf nicht verzichten.

Sind Sie denn in den USA nicht viel zu weit weg, um wirklich Einfluss auf das Kernteam in der Schweiz zu haben?

Das würde ich nicht sagen, nein. Es ist eine Herausforderung, aber unterdessen haben wir es ziemlich gut im Griff. Für mich ist das nicht immer lustig, weil ich nach dem Aufstehen häufig drei Stunden am Telefon hänge und deshalb auch meine Fitness-Routine oftmals zu kurz kommt (lacht). Dafür bin ich aber jedes Quartal zwischen zwei und vier Wochen in der Schweiz.

Auch über Weihnachten?

Nein, die Festtage werde ich dieses Jahr in Mexiko verbringen. Wenn schon ohne Schnee, dann immerhin so richtig warm!