Online-Handel

Darum kosten Fernseher je nach Onlineshop fast doppelt so viel

Beim Onlne-Kauf von Heimelektronik lohnt sich das Vergleichen verschiedener Angebote fast immer.

Beim Onlne-Kauf von Heimelektronik lohnt sich das Vergleichen verschiedener Angebote fast immer.

Der Onlinehandel mit Elektronik boomt, in Zeiten von Corona umso mehr. Doch wer die Preise nicht vergleicht, zahlt bis zum Doppelten des Preises für ein Produkt. Wird ein künstlicher Wettbewerb suggeriert?

Einen Fernseher im Internet zu kaufen ist vergleichbar mit dem Buchen von Flugtickets: Möglicherweise sitzt man im Flugzeug neben jemandem, der die gleiche Sitzkategorie gebucht, aber den doppelten Preis bezahlt hat. Das zeigt eine Recherche dieser Zeitung. Dafür wurden die Preise von drei Fernsehern, drei Laptops und drei Kopfhörern in den grössten Online-Shops des Landes verglichen. Die Abfrage geschah jeweils zum gleichen Zeitpunkt. Es wurde auf eine grosse Auswahl unterschiedlicher Marken und Preiskategorien geachtet. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ für das ganze Sortiment, erlaubt aber Einblicke in das Geschäft mit der Heimelektronik.

Die Unterschiede sind gross. So kostet ein identisches Fernsehmodell je nach Anbieter fast das Doppelte des Preises - etwa bei einem 55-Zoll-Fernseher des Marktführers Samsung (siehe Tabelle). Ebenfalls auffällig: Den einen Shop, der immer die tiefsten Preise hat, gibt es nicht.

© CH Media

Microspot am häufigsten mit tiefstem Preis

Den Onlinemarkt mit Heimelektronik teilen sich viele verschiedene Shops auf. Markleaderin ist das zur Migros gehörende Onlinewarenhaus Digitec-Galaxus, das letztes Jahr 1,1 Milliarden Franken umsetzte. Ebenfalls eine Grösse im Geschäft ist die Competec-Gruppe mit ihrem Onlineshop Brack.ch. Diese Gruppe erzielte letztes Jahr 811 Millionen Franken Umsatz. Die zu Coop gehörende Online-Händlerin microspot.ch verzeichnete wiederum einen Nettoerlös von 242 Millionen Franken. Hinzu kommen die Online-Shops von Händlern, die vor allem im stationären Handel tätig sind. Hier mischt Coop mit Fust und Interdiscount mit, die Migros mit melectronics und die deutsche Ceconomy-Gruppe mit Mediamarkt.

Ein Blick auf die Ergebnisse des Preisvergleich zeigt: Die reinen Onlinehändler Microspot und Digitec bieten am häufigsten die tiefsten Preise, die Coop-Tochter Fust hingegen ist am häufigsten der Anbieter mit dem höchsten Preis.

«Digitec muss nicht am günstigsten sein»

Für den E-Commerce-Experten Thomas Lang von der Beratungsfirma Carpathia ist das keine Überraschung. Reine Onlinehändler seien aufgrund ihrer Kostenstruktur in der Regel im Vorteil, sagt er. «Filialen sind sehr personal- und kostenintensiv, was man in den Preis einkalkulieren muss. Onlinehändler können mit besseren Kostenstrukturen und Skaleneffekten arbeiten.»

Dass Microspot den Preisbrecher gebe, passe zur Strategie. «Microspot positioniert sich nach wie vor als Preisführer und versucht, bei allen Leaderprodukten den günstigsten Preis anzubieten.» Digitec sei zwar ebenfalls bestrebt, tiefe Preise anzubieten. «Aufgrund seiner Reputation muss Digitec aber nicht der Günstigste um jeden Preis sein.»

Preise von Fernsehern schwanken stark

Auffällig ist, dass die Preise vor allem bei Fernsehgeräten stark schwanken. «Hier gibt es einen grossen Konkurrenzkampf, der vor allem auch durch sehr hohe Volumen beeinflusst wird», sagt Lang. «Wer grosse Bestellmengen abnehmen kann, kann sich einen Preisvorteil verschaffen.»

Im Bereich der Heimelektronik drängt sich allerdings noch eine andere Frage auf: Wie echt ist der Wettbewerb tatsächlich? Schliesslich sind die Preise selbst innerhalb der verschiedenen Formate von Coop oder Migros stark unterschiedlich. So ist beispielsweise ein identisches Macbook bei Melectronics 50 Franken billiger als bei Digitec, andere Produkte sind umgekehrt teurer. Bei Coop mit Formaten wie Microspot oder Fust sind die Preisunterschiede in diesem Test teils noch deutlicher.

Gibt es einen künstlichen Wettbewerb?

Thomas Lang sagt, das hänge einerseits mit der unterschiedlichen Positionierung und Serviceleistung der verschiedenen Formate zusammen. Die Strategie von Coop könne beispielsweise auch sein, online einen “künstlichen Wettbewerb” zu generieren mit dem Ziel, dass der Umsatz schlussendlich in irgendeinem der verschiedenen Formate von Coop gemacht werde. Die wahre Strategie hinter den verschiedenen Online-Preisen würden aber nur die Händler selbst kennen.

Bei der Testsiegerin Microspot betont eine Sprecherin die Unabhängigkeit von der Mutter Coop. «Die Fachformate der Coop-Gruppe agieren unabhängig voneinander und von Coop», sagt sie. Der Einkauf werde nicht zusammen gemacht. «Grundsätzlich sind die Preise durch verschiedene Zeitpunkte der Beschaffung und eine hohe Aktionstätigkeit geprägt.» Microspot positioniere sich als der Onlinehändler mit den attraktivsten Preisen.

Expertin rät: Immer Angebote vergleichen

Bei der Coop-Tochter Fust, die im Test am häufigsten die höchsten Preise hatte, heisst es hingegen, man präsentiere den Kunden immer wieder sehr attraktive Preise, vor allem auch durch viele Aktionen. Mit 159 Verkaufsstellen biete Fust zudem einen sehr guten Service und habe in einem schwierigen Umfeld in den letzten Jahren kontinuierlich wachsen können.

Sara Stalder, die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, sagt, grosse Preisunterschiede von identischen Produkten seien der Beweis dafür, dass es keine Absprachen gebe. «Dass Preise unterschiedlich sein können und müssen, ist dem freien Markt geschuldet», sagt sie.

Sie störe sich an etwas anderem: «Sehr verwirrend sind in der Schweiz die unsäglichen Aktionen, Rabatte und limitierten Sonderpreise.» Diese seien schon fast Dauerzustand - statt einer nachhaltigen Senkung des Grundpreises. «Das macht vollkommen intransparent, was ein richtiger Grundpreis sein könnte und stachelt natürlich zu Käufen von vermeintlichen Schnäppchen.» Käufern von Heimelektronik rät Stalder, möglichst viel zu vergleichen - auch mit Angeboten im stationären Handel. Heimelektronik sei in der Schweiz durchschnittlich gleich teuer oder sogar leicht günstiger als im angrenzenden Ausland.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1