Ein 13-jähriges Mädchen aus Spreitenbach AG nimmt sich Ende August das Leben, nachdem sie mutmasslich in den sozialen Medien gemobbt wurde. Der Vorfall erschüttert die Schweiz und hallt in unzähligen Diskussionen nach.

Die Sorgen um Cybermobbing sind jedoch bei weitem nicht nur auf den tragischen Einzelfall in Spreitenbach gerichtet. Vor Mobbing im Netz schützen sich immer mehr Schweizerinnen und Schweizer. Das zeigt eine Kurzumfrage der «Nordwestschweiz» bei Schweizer Versicherern. Die meisten von ihnen bieten seit Frühling 2017 bestimmte Cyberversicherungen an. Wie fast alle befragten Akteure berichten, sei die Nachfrage nach solchen Versicherungen stark gestiegen. Doch was können diese Versicherungen?

Die meisten umfassen neben anderen Leistungen wie zum Beispiel Missbrauch von Kreditkartendaten oder Logins auch Cybermobbing. In dem Bereich leisten die meisten Versicherer vorwiegend Rechtsschutz. Das heisst, sie helfen Mobbing-Opfern bei der Durchsetzung ihrer Rechte, damit diffamierende Videos, Texte oder Bilder im Netz gelöscht werden. Sie prüfen strafrechtliche Tatbestände und reichen gegebenenfalls Anzeige ein. Dieser Rechtsschutz gilt für Einzelpersonen, die eine Cyberversicherung abschliessen und bei Familien auch für Kinder. Die meisten Versicherer decken Rechtsschutz-Auslagen bis zu 20'000 Franken.

Vom Smartphone in den Tod getrieben

Gerichtspsychiater Josef Sachs schätzt gegenüber "Tele M1" den Spreitenbacher Fall als besonders aggressiv ein.

Baloise zahlt am meisten

Bei den befragten Anbietern Mobiliar, Generali, AXA Winterthur, Allianz Suisse und Baloise kommen zwei von fünf auch für psychologische Betreuung auf. Bei Mobiliar belaufen sich diese Leistungen auf 1000 Franken. Die Baloise zahlt mit 3000 deutlich mehr. Zudem deckt der Basler Versicherer in der gleichen Grössenordnung die Umzugskosten, sollte dies notwendig sein.

Die Cyberversicherung kostet bei allen Anbietern zwischen 50 bis 160 Franken im Jahr, je nach Leistungskatalog und Einzel- oder Familienversicherungen. Die meisten Versicherer bieten Paketlösungen, die Mobbing im Netz beinhalten. Bei AXA kann man in Kombination mit einer allgemeinen Rechtsschutzversicherung diese Leistung aufs Internet erweitern. Die Mobiliar knüpft ihren Cyberschutz an die Hausratsversicherung. Versicherte müssen beides bei dem Anbieter abschliessen.

Hätte eine solche Versicherung auch im Fall der 13-jährigen Sabrina aus Spreitenbach gegriffen, die sich das Leben nahm? Allgemein lasse sich festhalten, dass der Todesfall kein explizit versichertes Ereignis sei, die vorausgegangene Persönlichkeitsverletzung durch das Mobbing jedoch schon, sagt ein Baloise-Sprecher. Die Versicherten – in Situationen wie bei Sabrina sind das oft die Eltern – hätten damit Anrecht auf die versicherte Leistung. Ähnlich klingt es bei Allianz Suisse: Sofern eine entsprechende Versicherung vorhanden gewesen wäre und sich die 13-Jährige gemeldet hätte, wären die Ansprüche zum Tragen gekommen, so eine Sprecherin. Dazu zählen Unterlassungsklagen, Beseitigung persönlichkeitsverletzender Inhalte, Prüfung auf Schadenersatz und Genugtuung. Ob in einem solchen Fall auch die Eltern diese Ansprüche geltend machen können, werde bei Allianz im Einzelfall geprüft.

Betroffenheit wächst

Der Bedarf nach mehr Sicherheit für den Fall einer Mobbing-Attacke im Netz steigt. Das zeigen auch die vermehrten Anrufe bei der Notrufnummer für Beratung und Hilfe 147. Dort laufen
die Drähte heiss. «Immer häufiger suchen vorwiegend Jugendliche Rat wegen Mobbing-Attacken in sozialen Medien», sagt Beatrix Wagner, Beraterin bei der Pro-Juventute-Notrufnummer 147. Hauptsächlich seien es Oberstufenschüler zwischen 13 und 16 Jahren, die zum ersten Mal freien Internetzugang übers Handy hätten. «Damit hört das Mobbing unter Mitschülern nach der Schule nicht auf – sondern geht rund um die Uhr weiter.» In erster Linie sei es wichtig, den Jugendlichen einen Ausweg aufzuzeigen und die geschlossenen sozialen Gruppen, wie etwa der Whatsapp-Chat einer Klasse, aufzubrechen – damit eine breitere Öffentlichkeit davon erfahre, so Wagner. Rechtliche Hilfe über Cyberversicherungen erachtet die Beraterin erst im Erwachsenenalter als sinnvolle Ergänzung.