Berufsbildung

Corona-Schock für Jugendliche: Bis zu 20'000 Lehrstellen fehlen – wann kommen die Jobs zurück?

Sie haben eine Lehrstelle: Coiffeuse-Lernende schneiden und frisieren Haare unter Aufsicht einer Betreuungsperson.

Sie haben eine Lehrstelle: Coiffeuse-Lernende schneiden und frisieren Haare unter Aufsicht einer Betreuungsperson.

Eben noch konnten Firmen nicht alle Lehrstellen besetzen. Die Coronakrise führt nun zu einer drastischen Trendwende. Besonders beunruhigend: Der Lehrstellenmangel wird erstaunlich lange anhalten, wie eine neue Studie vorhersagt.

Die Schweiz sorgt sich um ihre Berufsbildung. Dessen sonstige Stärke – die Nähe zu den Unternehmen – könnte in der Coronakrise zur Schwäche werden. Gebeutelte Unternehmen dürften weniger Lehrstellen anbieten, Tausende von Jugendlich ohne Ausbildungsplatz da stehen.

Die Berufsbildung hat zwar schon andere Krisen überstanden. Doch die anstehende Rezession könnte die schwerste werden seit der grossen Depression in den 1930er-Jahren. Ein Härtetest steht bevor. Bundesrat Guy Parmelin hat bereits eine Taskforce einberufen.

Die Folgen werden fünf Jahre lang zu spüren sein

Erst im Jahr 2025 wird die Coronakrise ausgestanden sein in der Berufsbildung. Das ist eine Erkenntnis aus einer neuen Studie der Universitäten von Bern und Zürich. Eine andere Erkenntnis lautet: Im Vergleich zu einer Welt ohne Coronavirus werden in den nächsten fünf Jahren total 5000 bis 20000 weniger Lehrverträge abgeschlossen.

Bildungsökonom Stefan Wolter

Bildungsökonom Stefan Wolter

Bis zu 20000 Jugendliche würden also ohne eine Lehrstelle dastehen. In der Wirtschaft wird kein Platz für sie vorhanden sein. Die Kantone geraten unter Zugzwang. Sie müssen den Jugendlichen eine andere Ausbildung anbieten. Stefan Wolter, Mitautor der Studie und Professor der Universität Bern, sagt:

Zum Problem wird vor allem der Faktor Zeit. Viele Jugendliche könnten diese Krise nicht mehr aussitzen wie es noch in der Finanzkrise möglich war: ein einziges Brückenjahr würde nicht mehr reichen. Wolter:«Schulisch schwache Schüler riskieren, mehrere Jahre in Zwischenlösungen stecken zu bleiben.»

Lösung in der Not? Auf Traumlehrstelle verzichten

Könnte am Ende doch alles besser ausgehen als befürchtet? In der Studie wurde die Vergangenheit angeschaut. Was passierte mit der Zahl der Lehrverträge, wenn die Wirtschaft gut oder schlecht lief? Was, wenn die Arbeitslosigkeit sank oder stieg? Aus der Vergangenheit wurde eine Vorhersage für die nächsten Jahre abgeleitet: Wenn die offiziellen Prognosen für Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit zutreffen, gibt es bis zu 20000 Lehrverträge weniger.

Doch was in der Vergangenheit galt, muss nicht unbedingt für die Zukunft verhalten. So könnten beispielsweise die Kantone mehr tun als in der Vergangenheit. Sie könnten sich noch stärker darum bemühen, dass erfolgreiche Betriebe mehr Lehrstellen schaffen.

Oder die Lehrlinge könnten weniger wählerisch sein. In der Vergangenheit war es oft so, dass es nicht an Lehrstellen an sich mangelte. Es gab sogar ein Überangebot. Sondern es fehlte an jenen Lehrstellen, die die Jugendlichen auch haben wollten: an den «Traumlehrstellen».

Dennoch, die Coronakrise erfasst die Ausbildung an allen Ecken und Enden. Auch der Sprung von der Lehre in den Beruf wird schwieriger. Wo genau die Tücken lauern, wie gross die Probleme sind – das will die Forschung nun laufend mitverfolgen. Von der ETH Zürich wurde ein neues Projekt lanciert, genannt Lehrstellenpuls. Mittels Umfragen in den Lehrbetrieben sollen die Folgen der Coronakrise frühzeitig erkannt werden.

Viele konnten nicht richtig auf die Abschlussprüfung lernen

Eine erste Umfrage zeigt: Für ein Viertel der Lehrlinge ist unsicher, ob sie nach der Ausbildung im Betrieb bleiben können. 4 Prozent der Betriebe sagen, sie wollen weniger Lernende behalten als im Vorjahr. 21 Prozent sagen, sie wüssten es noch nicht. ETH-Professorin Ursula Renold, die das Projekt leitet, sagt dazu: «Um die Jugendlichen in diesen Betrieben mache ich mir Sorgen.»

Und es gibt noch ein Problem. «Die Abschlussprüfungen könnten für den aktuellen Jahrgang zu einem weiteren Nachteil im Wettbewerb um eine Stelle werden», sagt Renold. Die Corona­krise brach inmitten der Vorbereitungszeit aus. Zwei Monate lang konnten die Jugendlichen nicht wie üblich für die Prüfung lernen. Laut Umfragen erhielten 20 Prozent nur Hausaufgaben, sie konnten nicht unter Aufsicht einen Berufsbildners üben. Und 9 Prozent bekamen gar keine Hilfe und waren daheim auf sich allein gestellt.

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