Wir treffen Coop-Chef Joos Sutter im Aufenthaltsraum der Baustelle in Pratteln bei Basel. Ein Treffpunkt, der für Sutter wichtig ist. Der Detailhandel steht seit diesem Januar mit der Aufhebung des Mindestkurses unter starkem Druck. Immer mehr Schweizer Konsumenten kaufen ennet der Grenze ein. Sutter reagiert nicht nur mit Preissenkungen, sondern auch mit Investitionen in neue Logistikzentren und mit der Konzentration von Produktions-Standorten.

Herr Sutter, Sie führen in Ihren Regalen seit einem Jahr Skyr, ein isländisches Milchprodukt.

Joos Sutter: Ja, das ist eine Joghurt-Spezialität, die sehr beliebt ist, weil sie fettfrei und doch sättigend ist und dabei noch gut schmeckt. Wieso fragen Sie?

In die Schweiz werden immer mehr ausländischer Käse und Milchprodukte importiert. Die Bauern verdienen aber immer weniger.

75 Prozent unserer Nahrungsmittel beziehen wir in der Schweiz. Wir wollen unseren Kunden ein attraktives Gesamtangebot anbieten. Wir bieten deshalb in unseren Läden eine kulinarische Vielfalt an. Dazu gehören auch Produkte aus fernen Ländern.

Für viele Bauern lohnt sich die Mühe nicht mehr, Milch zu produzieren. Wie geben Sie hier Gegensteuer?

Wir sind eine der wichtigsten Stützen der Landwirtschaft. Wir waren immer korrekt gegenüber den Bauern. Wir sehen ein, dass die Milchproduktion eine aufwendige Sache ist, und setzen uns deshalb für einen fairen Preis ein. Gleichzeitig sind wir als Händler tagtäglich mit der Konkurrenz im Ausland konfrontiert: wenn die Schweizer Konsumenten etwa Milch aus Deutschland kaufen.

Da ist auch noch der starke Franken. Auch der lässt die Detailhandelsumsätze schrumpfen, sagt die Statistik. Wie sieht es bei Coop aus?

Wir müssen unterscheiden. Im Bereich online wachsen wir weiterhin sehr stark. Wir führen inzwischen 19 Online-Shops und haben hier wohl mit die stärksten Wachstumszahlen im Schweizer Markt.

Bald werden Sie ja auch einen neuen Online-Marktplatz lancieren.

Ja. Schweizweit werden wir 2016 gemeinsam mit der Swisscom, wenn die Wettbewerbskommission zustimmt, einen neuen Online-Marktplatz starten. Dieser wird für alle Marktteilnehmer zugänglich sein.

Den Druck spüren Sie also vor allem im Supermarkt-Bereich?

Wir haben die Preise im Detailhandel in allen Formaten stark gesenkt, nicht nur im Supermarkt. Mengenmässig verkaufen wir oftmals sogar mehr. Die tiefen Preise führen zu Einbussen beim Umsatz und bei der Marge. Das kennen wir schon aus den letzten Jahren. Der Preiszerfall wurde mit dem Entscheid der Nationalbank noch verstärkt.

Wie dramatisch ist die Situation?

Ich kann ihnen keine genaue Prognose für dieses Jahr machen, da das bevorstehende Weihnachtsgeschäft entscheidend ist für das Jahresergebnis. Es wird aber sicher wegen des starken Frankens eine Herausforderung sein, den Umsatz vom letzten Jahr zu halten.

Verlieren Sie Marktanteile?

Nein, wir verlieren nicht. Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung der Supermarkt-Marktanteile in den letzten Monaten. Zudem gewinnen wir beinahe in allen Non-Food-Formaten – vom Baumarkt über Möbel bis zur Unterhaltungselektronik. Sicher ist, dass in vielen Detailhandelsbranchen der Gesamtmarkt schrumpft. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Marktanteile steigern.

Joos Sutter

Wie reagieren Sie als Coop-Gruppe auf den starken Franken?

Wir waren die Ersten, die im Januar die Preise heruntergefahren haben. Gleich am Montag nach dem Entscheid der Nationalbank, den Mindestkurs aufzuheben. Wir haben in diesem Jahr in unseren rund 850 Supermärkten aufs Jahr gerechnet Preisreduktionen im Umfang von 190 Millionen Franken gemacht. Dabei wurden 15 000 Artikel günstiger. Über die letzten zehn Jahre waren es 1,8 Milliarden Franken. Das ist massiv. Ausserdem haben wir in der Logistik früh die Weichen gestellt, um effizienter und günstiger zu werden.

Wie hier in Pratteln.

Ja. Wir investieren in Infrastrukturprojekte wie in ein neues Logistikzentrum in Schafisheim, dass in Zukunft die ganze Region Nordwestschweiz, Zentralschweiz und Zürich beliefert. Tiefkühlprodukte werden von Schafisheim aus sogar in die ganze Schweiz verteilt und wir bauen die grösste Bäckerei der Schweiz. Hier in Pratteln konzentrieren wir die Produktion von Schoggi und Nahrungsmittel wie Nussmischungen sowie die grösste Weinabfüllung der Schweiz. Durch diese Schritte werden wir künftig über 60 Millionen Franken an Effizienzgewinne pro Jahr erwirtschaften. Diese können wir später weitergeben an die Kunden, in Form von weiteren Preisreduktionen. Ausserdem werden wir 10 000 Tonnen CO2 einsparen und einen Schritt in die Richtung unserer Vision kommen, bis 2023 CO2-neutral zu sein. Weitere grosse Investitionen in Logistik und Produktion tätigen wir bei Swissmill in Zürich und Interdiscount bei Bern.

Doch auch der Druck auf das Personal steigt. In einzelnen Standorten an der Grenze haben Mitarbeiter Angst um ihre Jobs.

Wir haben noch keine Filiale geschlossen und haben das auch nicht vor. Was möglich ist: dass wir über die natürliche Fluktuation in einzelnen Läden weniger Mitarbeiter beschäftigen.

Wird es für die Mitarbeiter mehr Lohn geben im kommenden Jahr?

Das ist Gegenstand von Verhandlungen mit den Sozialpartnern. In der Vergangenheit hatten wir immer sehr gute Lohnrunden.

Kommt es zu einem Stellenabbau?

Nein, wir planen keine Entlassungen und rechnen gar mit einem gleichbleibenden Stand per Ende Jahr. Sie dürfen nicht vergessen: Wir sind eine Genossenschaft und nicht gewinnmaximierend. Wir gehen auch davon aus, dass wir im Markt weiterhin Erfolg haben und haben deshalb keine Abbaupläne.

Brauchen Sie wegen den neuen Kassensystemen, dem Self-Check-Out, nicht weniger Mitarbeiter?

Es hat nicht weniger Mitarbeiter in den Läden, in denen wir Self-Checkout eingeführt haben. Self-Check-Out entspricht einem Bedürfnis der Kunden. Schon heute werden in diesen Filialen rund 30 Prozent der Einkäufe so getätigt. Der Detailhandel ist in der Schweiz der grösste private Arbeitgeber. Das darf man nicht vergessen. Coop allein beschäftigt hierzulande 53 000 Mitarbeiter.

Coop-Chef Joos Sutter im Interview

Coop-Chef Joos Sutter im Interview

Sie fühlen sich zu wenig getragen, etwa von der Politik?

Nein, aber man muss aufhören, nur über die Preise zu diskutieren. Man muss auch einmal über die Arbeitsplätze und die volkswirtschaftliche Bedeutung des Detailhandels sprechen.

Dann sehen Sie das Einkaufen über der Grenze als unpatriotischer Akt?

Nein, ich schreibe niemanden vor, wo er einkaufen geht. Man sollte jedoch auch an die Konsequenzen denken.

Ich vermisse den Kampfeswillen.

Wir sind in erster Linie Händler, wir machen nicht Politik. Wir arrangieren uns mit der Situation und schauen, dass wir für die Kunden das Beste herausholen können und immer besser und effizienter werden. Nennen Sie mir eine Branche, die die Preise so stark gesenkt hat, wie wir. Der Kampfeswille ist da!

Aber das ist immer noch kein Plädoyer für offene Märkte.

Die Situation in der Schweiz ist doch gar nicht so schlecht, wie Sie das darstellen: Wir haben einen hohen Wohlstand und eine tiefe Arbeitslosigkeit. Gelernte Mitarbeiter erhalten einen Mindestlohn von 4000 Franken im Monat. Und wir geben in der Schweiz in Relation zum Einkommen am wenigsten für Lebensmittel aus. Wo haben Sie diese Situation in Europa? Wenn ich daran denke, dass man in Deutschland über die Erhöhung des Mindestlohns auf 8,50 Euro in der Stunde diskutierte, dann ist mir klar, dass ich eine solche Situation in der Schweiz nicht will. Als Unternehmen haben wir auch sonst schon einiges bewirkt: Wir waren beispielsweise auch die Ersten, die Produkte ausgelistet haben.

Die Milchschnitte?

Nicht nur die Milchschnitte, viele andere Produkte auch. Wir gingen da klar voraus. Ausserdem haben wir kürzlich erreicht, dass die deutschen Heftli am Kiosk für alle günstiger wurden.

Aber eine Coca-Cola ist in der Schweiz, im Coop, immer noch teurer als etwa bei Edeka in Deutschland.

Das ist leider so, aber wir bewegen uns bei den Getränken in die richtige Richtung. Ein Beispiel ist Red Bull. Hier hat sich die Preisdifferenz zum Ausland stark verringert und liegt nur noch bei 15 bis 20 Prozent. An diesem Beispiel sehen wir, dass sich die intensiven Verhandlungen gelohnt haben. Es gibt sicher auch Beispiele, wo das noch nicht der Fall ist.

Welche? Etwa bei Duschmitteln?

Bei einigen Marken im Bereich Körperpflege sind die Preisdifferenzen zum Ausland immer noch zu gross.

Offenbar gibt es genug Schweizer, die lieber nach Deutschland oder Italien fahren, um einzukaufen. Leute, die auf jeden Rappen schauen müssen. Also sind Sie immer noch zu teuer.

Schweizer geben im Schnitt immer weniger für Nahrungsmittel aus. Es sind nur noch 10 Prozent des Einkommens, rechnet man die Ausgaben für Restaurant-Besuche ein. Wir sind nicht die Kostentreiber. Im Gegenteil. Wir senken die Preise. Schauen Sie doch etwa die Ausgaben für staatliche Leistungen an, wie die steigen, oder etwa im Gesundheitsbereich.

Sie haben sich einer der grössten Einkaufsallianzen, der Alliance Internationale de Distributeurs (Alidis), angeschlossen: Was bringt das?

In der Allianz sind wir mit den grössten Detailhändlern zusammen, etwa mit der deutschen Edeka. Mit unserem Beitritt wird Alidis zur wichtigsten internationalen Allianz in Europa. Die Partner erzielen einen Umsatz von 140 Milliarden Euro und betreiben 23 000 Verkaufsstellen.

Auf die Gefahr hin, dass ich Sie nerve: Führt das zu tieferen Preisen? Lassen sich die Markenhersteller so an der Nase herumführen?

Ich gehe davon aus, dass wir durch das gemeinsame Auftreten günstigere Bedingungen erhalten. Man darf nicht vergessen, wir erwirtschaften im Schnitt eine Gewinnmarge von 1,7 Prozent – von 100 Franken Umsatz bleiben uns 1,70. Die grossen Markenhersteller erwirtschaften zweistellige Gewinnmargen. Unser Ziel ist es, einen Teil dieses Kuchens abzuschneiden und den Kunden weiterzugeben.

Stichwort Ausland: Wie stark liebäugeln Sie mit einer Auslandsexpansion?

Wir haben immer klar gesagt: Wir gehen nur ins Ausland, wenn wir zu den Grossen gehören können. Das ist im Bereich Transgourmet der Fall, wo wir im Abhol- und Belieferungsgrosshandel die Nummer 2 in Europa sind. Im Detailhandel lohnt es sich nicht, ein paar Filialen im Ausland aufzumachen.

Schweizer Schoggihersteller, darunter auch die Migros-Tochter Chocolat Frey, spüren den Schweizer Franken, wenn es um den Export geht. Nun bauen Sie in Pratteln eine neue Produktion für Schoggi. Macht das Sinn?

Wir haben unser Portfolio in den letzten Jahren ganz genau angeschaut. Und wir haben gesagt, wir setzen nur auf jene Produktionsbetriebe, die längerfristig Chancen haben. Deshalb sind wir im Bereich Teigwaren ausgestiegen.

Bei der Schokolade sehen Sie also noch Chancen?

Genau. Swissness spielt hier eine grosse Rolle. Wir haben einen starken Heimmarkt, können bei der Effizienz noch zulegen und produzieren Schokolade für den Export.

Wo genau?

Wir sind im Bereich Fairtrade- und Bio-Schokolade europaweit ganz vorne mit dabei. Seit 2011 produzieren wir auch CO2-neutrale Schokolade. Unsere Kooperationen in Frankreich mit der Marke Altereco ist sehr erfolgreich in Frankreich, den USA, Kanada oder Australien. Heute produziert unsere Produktionsfirma Chocolats Halba schon 30 Prozent für den Export. Das Premium-Segment leidet viel weniger unter dem starken Franken als das günstige Segment.

Bleiben wir bei der Biofrage. Coop hat das Segment mit Bioprodukten – Sie nennen es Naturaplan – in den 1990er-Jahren einen neuen Markt eröffnet. Nun wird Kritik laut an der Bio-Produktion : Das sei etwas für die reichen Länder.

Wir sehen hier nach wie vor grosse Wachstumsmöglichkeiten. Wie auch in anderen Mehrwertmärkten. Die Schweizer sind bereit, für nachhaltig produzierte Lebensmittel mehr auszugeben. Auch regionale Spezialitäten werden sehr stark nachgefragt. Allein in diesem Jahr wachsen wir hier um 10 Prozent.

Aus den Bio-Idealen einer schonenden Landwirtschaft ist längst eine globale Massenproduktion geworden.

Nicht bei uns. Wir setzen als einzige in der Schweiz konsequent auf die Knospe. Die Standards von Bio Suisse sind sehr hoch, so produziert immer der ganze Betrieb Bio, nicht nur einzelne Betriebszweige wie bei EU Bio. Auch unterstützen wir die gesamte Bio-Landwirtschaftsproduktion. Damit es Milch gibt, braucht die Kuh jedes Jahr ein Kalb. Wir nehmen auch diese Bio-Kälber ab.

Wie man konsumiert, wird immer mehr zu einer politischen Frage.

Sicher, das sieht man auch im Ausland. Es gibt einen weltweiten Trend zu qualitativ guten Produkten. Auch der Tierschutz ist zentral. Das gilt auch in wirtschaftlich schwierigen Phasen wie jetzt. Ernährung ist zu einem Lifestyle geworden. Wir wollen die ganze Vielfalt anbieten. Wir schreiben niemandem vor, was er essen soll. Diese Entscheidung trifft der Konsument.