Interview

Clariant-Konzernchef Kottmann: «Klappern gehört da einfach zum Handwerk»

Clariant-CEO Hariolf Kottmann: Geht es nach ihm, bleibt er auch nach dem Scheitern der Transaktion mit Huntsman als Chef im Sattel.Ennio Leanza/Keystone

Clariant-CEO Hariolf Kottmann: Geht es nach ihm, bleibt er auch nach dem Scheitern der Transaktion mit Huntsman als Chef im Sattel.Ennio Leanza/Keystone

Der 62-jährige CEO des Baselbieter Chemiekonzerns Clariant, Hariolf Kottmann, spricht über die Situation nach den abgebrochenen Fusionsverhandlungen mit dem US-Konzern Huntsman und über die Forderungen der Investorengruppe White Tale.

Herr Kottmann, wie nehmen Sie die Stimmung im Kader und im breiteren Mitarbeiterkreis wahr?

Hariolf Kottmann: Eine generelle Aussage ist schwierig. Aber von den Mitarbeitern, die mit mir sprechen, weiss ich, dass sie etwas verunsichert sind. Es versteht sich von selbst, dass die Situation ungewohnt ist. Wir tun, was wahrscheinlich jedes Management in einer vergleichbaren Lage tun müsste: Wir versuchen den Mitarbeitern über Interviews im Intranet und über den Monatsbrief, den ich schreibe, Stabilität, Zuversicht und ein positives Denken zu vermitteln.

Besteht die Gefahr einer Destabilisierung im Personal?

Ich verstehe Ihre Frage nicht ganz.

Wenn Sie die Notwendigkeit sehen, den Leuten Stabilität zu vermitteln, dann gehen Sie doch davon aus, dass die Verunsicherung unter den Angestellten gross ist?

Es ist doch klar, dass sich die Mitarbeiter Sorgen machen, das ist aber noch keine Destabilisierung. Sie fragen sich, was mit der Firma passieren wird. Was hat der Grossaktionär vor? Droht uns eine Zerschlagung oder werden wir von jemand anderem übernommen? Es ist nur verständlich, dass sich das Personal solche Fragen stellt. White Tale ist ein Thema, das offensichtlich einer besonderen Kommunikation bedarf. Und das nehmen wir im Management sehr ernst. Wir wenden uns in dieser Sache intensiver als üblich an die Mitarbeiter.

Werden sich Clariant-Angestellte aufgrund der unsicheren Situation vermehrt nach neuen Stellen umsehen?

Der eine oder andere Mitarbeiter wird sich schon überlegen, was das alles für seine persönliche Situation bedeuten könnte. Ich glaube schon, dass uns manche Leute verlassen werden, wenn sie die Chance zum Wechsel in eine vergleichbare Position in einem anderen Unternehmen erhalten sollten.

Wie bewerten Sie die Forderungen, mit denen White Tale am Montag an Clariant herangetreten ist?

Die Forderungen sind ja nicht neu. Sie wurden am Montag lediglich mit dem Ziel öffentlich gemacht, ihnen mehr Nachdruck zu verleihen.

Ist der Inhalt der Forderungen nicht neu für Sie?

Nicht wirklich. Es war ja zu erwarten, dass die beiden White-Tale-Partner Corvex und 40 North keine stillen Aktionäre von Clariant werden würden. Man kennt die beiden Fonds als aktivistische Investoren, die den Anspruch haben, aktiv in die Unternehmen einzugreifen. Von Anfang an lag die Forderung auf dem Tisch, dass wir die strategischen Optionen, die wir als Firma grundsätzlich haben, von einer Investment Bank analysieren und bewerten lassen sollten. Uns war auch klar, dass die neuen Investoren die Strategie von Clariant massgeblich mitbestimmen wollen.

Und das muss über den Verwaltungsrat passieren?

Genau. Schliesslich können wir die Investoren von White Tale nicht anders behandeln als zum Beispiel unsere bayrischen Familienaktionäre, selbst wenn der Anteil von White Tale mit 20 Prozent inzwischen grösser ist. Im Verwaltungsrat können Grossaktionäre ihren Einfluss geltend machen. Daher kommt die Forderung von White Tale nach drei Sitzen in unserem Verwaltungsrat.

Wird White Tale also in den Verwaltungsrat von Clariant einziehen?

Ich kann den Beschluss unseres Verwaltungsrates nicht vorgreifen. Wir werden das zu gegebener Zeit im Verwaltungsrat besprechen und White Tale über das Ergebnis informieren. Wir werden dann sehen, ob die Herren mit der Antwort des Verwaltungsrats zufrieden sein werden.

Was halten Sie von der Forderung nach einer unabhängigen Überprüfung Ihrer Strategie?

Unser Verwaltungsrat geht jedes Jahr im August oder September drei Tage in die Klausur. Dabei erörtert er unter anderem die Strategie des Konzerns und der einzelnen Geschäftseinheiten. Besprochen werden auch der Mittelbedarf für die Umsetzung dieser Strategien und die Ziele.

Wie läuft dies konkret ab?

Dahinter steht ein standardisierter und strukturierter Prozess, der seit sechs Jahren durch die ganze Firma läuft und stets durch externe Berater begleitet wurde. Wir haben also externe Meinungen zu unseren Szenarien eingeholt und dem Verwaltungsrat präsentiert. Wir haben getan, was ein Management ohnehin tun sollte, wenn es vom Verwaltungsrat Entscheidungen über die Positionierung des Unternehmens verlangt.

Wollen Sie damit sagen, dass White Tale etwas fordert, was sie Sie schon lange gemacht haben?

White Tale hätte sich mindestens die Zeit nehmen sollen, um mit uns während ein oder zwei Tagen an einen Tisch zu sitzen und sich anzuhören, was in dieser Firma schon alles passiert ist. Die White-Tale-Vertreter sagen ja selber, sie könnten das nicht beurteilen, weil sie Aussenstehende seien. Von daher wäre es effizient, sich zuerst das bestehende Wissen anzueignen. Wenn sich dieses dann als lücken- oder fehlerhaft erweisen sollte, dann sollten wir schon darüber reden, ob es sinnvoll ist, einen neuen Prozess anzustossen.

White Tale hat sich die Zeit also nicht genommen?

Wir hatten die Vertreter vor drei oder vier Wochen vergeblich nach Basel eingeladen, um sie über unsere Prozesse zu informieren. Dazu hätten sie allerdings eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben müssen, da wir aufgrund des Börsenrechts alle Aktionäre gleich behandeln müssen.

Werden Sie nach dem Platzen der Fusion erneut eine Einladung aussprechen?

Ja. Wenn sich ein Investor wie im Fall von White Thale auf die Fahne schreibt, einen Beirag zur positiven Entwicklung eines Unternehmens leisten zu wollen, dann sollte er auch wissen, weshalb die Firmen diesen und keinen anderen Weg gegangen ist.

Ist eine unabhängige Strategieanalyse überhaupt realistisch?

Ich möchte jetzt keine Aussage darüber wagen, ob eine Investment Bank unabhängig ist. Fakt ist, dass die Investment Bank bezahlt werden will; in unserem Fall von Clariant. Natürlich wird sie sich bemühen, ein objektives Urteil zu fällen.

Von aussen wirkt die Auseinandersetzung zwischen Ihnen und White Tale doch recht emotionsgeladen. Sind Sie, Herr Kottmann, noch der Richtige um Clariant in die Zukunft zu führen?

Es gab bislang keinerlei emotionale Auseinandersetzungen zwischen White Tale und mir. Und dazu werden wir uns auch nicht hinreissen lassen. Der Umstand, dass White Tale seine Forderungen mit gewissen Drohungen Nachdruck verliehen hat, halten wir für eine ganz normale Verlautbarung eines aktivistischen Investors. Klappern gehört da einfach zum Handwerk.

Als Sie am Freitag die geplatzte Fusion mit Huntsman kommunizieren mussten, war Ihrerseits doch einiges an Emotionen hörbar. Es gibt Beobachter, die aus gewissen Aussagen von Ihnen sogar verletzte Eitelkeit herausgehört haben wollen.

Wenn ich gewissen Leuten offenbar als eitel erscheine, dann muss ich das hinnehmen und damit leben. Ich behaupte von mir selber, dass ich nicht eitel bin. Ich bin auch kein egogetriebener Alleinherrscher. Aber das sind halt Vorwürfe, mit denen White Tale gezielt spielt. Das ist nun halt so und damit kann ich leben.

Sie glauben also, Sie können Ihre Emotionen zur Seite schieben und völlig nüchtern im Interesse der Firma ans Werk gehen?

Das versuche ich jeden Tag. Ob es mir immer gelingt, weiss ich nicht. Es war für mich nicht ganz einfach, am Freitag den Abbruch der Fusion zu verkünden und damit eine Niederlage einzugestehen. Wenn ich da etwas emotional rüber gekommen bin, liegt das in der Natur meines Charakters. Aber nun fokussieren wir uns im Management-Team wieder auf die Sacharbeit.

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