Spezialchemie
Clariant ist kein Übernahmekandidat – wird aber wohl weiter umgebaut

Hariolf Kottmann will den Konzern profitabler machen, aber die margenschwächste Division bremst. Evonik, das in immer wieder als Käufer genannt wurde, wird den Basler Spezialchemiekonzern nicht übernehmen, zu breit ist Clariant aufgestellt.

Alexandra Stühff
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Hariolf Kottmann CEO Clariant_ «Clariants Zukunft wird in Asien entschieden.»

Hariolf Kottmann CEO Clariant_ «Clariants Zukunft wird in Asien entschieden.»

Keystone

Hariolf Kottmann will nicht. Und wenn er Nein sagt, dann ist auch Nein. «In unserer Branche kennt und schätzt man sich. Und wenn ein CEO auf den anderen mit Übernahmeabsichten zugeht, der andere aber ablehnt, dann wird das respektiert», sagte der Clariant-Chef einmal gegenüber dem Wirtschaftsmagazin ECO des Schweizer Fernsehens.

Für den Chef eines börsenkotierten Konzerns, der den Aktionären gehört, mag diese Aussage realitätsfremd anmuten. Im Fall von Clariant könnten sich Kottmanns Worte bewahrheiten. Clariant wird nicht übernommen. Auch nicht von Evonik, das in den vergangenen Monaten immer wieder als Käufer genannt wurde. Denn Clariant ist derzeit kein Übernahmekandidat. Dazu ist der Basler Spezialchemiekonzern zu breit aufgestellt (siehe Box).

Der Clariant-Konzern: Vier Divisionen

2014 kam Clariant mit 17 000 Mitarbeitern auf sechs Milliarden Franken Umsatz. «Plastics & Coatings» vertreibt Farbpigmente für die Lack- und Kunststoffindustrie: 2,5 Milliarden Franken Umsatz, 14 Prozent Gewinnmarge. Der zweitgrösste Bereich produziert Chemikalien u.a. für die Kosmetikindustrie. «Care Chemicals» brachte 1,5 Milliarden Franken und 17 Prozent Marge. «Natural Ressources» liefert u.a. Chemikalien, für die Öl- und Gasförderung («Fracking»): 1,3 Milliarden Franken und knapp 15 Prozent Marge. Profitabelster Bereich ist «Catalysis»: rund 700 Millionen Franken, knapp 24 Prozent Gewinnmarge.

«Firmen wie Dow Chemical, DuPont und BASF suchen gezielt Firmen, mit denen sie sich in einzelnen Bereichen besser aufstellen können. Mit Clariant würden sie sich viele Geschäftsfelder kaufen, die sie gar nicht haben wollen. Das macht keinen Sinn», sagt Bernd Pomrehn, Analyst bei MainFirst.

Zu viele Überschneidungen

Das gilt auch für den angeblichen Interessenten aus Essen. Evonik ist mit knapp 13 Milliarden Euro und 33 000 Mitarbeitern mehr als doppelt so gross wie Clariant. Was die Marge angeht, spielt Evonik mit rund 14 Prozent per Ende 2014 allerdings in der gleichen Liga wie Clariant. Und sowohl in der Produktepalette als auch beim geografischen Mix gibt es zwischen beiden Firmen mehr Überschneidungen als einem Käufer genehm sein können. Beide Unternehmen stellen beispielsweise Spezialchemikalien her, die in der Kosmetikbranche zum Einsatz kommen oder bei der Wasseraufbereitung.

Evonik erzielt mehr als 50 Prozent seines Umsatzes in Europa, rund 20 Prozent in Deutschland. Auch für Clariant ist Europa mit rund 40 Prozent Umsatzanteil der grösste Absatzmarkt. Beide Firmen beschäftigen die Mehrheit ihrer Mitarbeiter in Deutschland. Ein Zusammenschluss hätte somit vor allem einen Effekt: Kosteneinsparungen durch massiven Personalabbau in Deutschland. Doch dagegen dürften sich die Ankeraktionäre beider Unternehmen positionieren, die dem Standort Deutschland verbunden sind.

Clariant und Evonik haben immer wieder betont, dass sie ihren Umsatzanteil in Europa zugunsten von Wachstumsmärkten reduzieren wollen. Hariolf Kottmann meint damit die Emerging Markets und hier vor allem Asien. «Dort wird die Zukunft von Clariant entschieden», hat er wiederholt gesagt. In Sachen Spezialitätenchemie zählt Kottmann auch die USA zu den Entwicklungsländern.

Wie recht er mit dieser Aussage hat, zeigt die Sparte Katalysatoren, die vor allem in der Herstellung von chemischen und petrochemischen Produkten wie Kunststoffen eingesetzt werden: Dieser Bereich ist der kleinste und gleichzeitig profitabelste von Clariant, «mit dem Clariant in echte strukturelle Wachstumsmärkte expandiert», so Analyst Pomrehn. An dieser Sparte hätten viele Firmen Interesse, nur steht sie nicht zum Verkauf. Im Gegensatz zu den anderen drei Divisionen erzielt «Catalysis» bereits rund 40 Prozent der Umsätze in der Region Asien-Pazifik.

Abspaltung der grössten Sparte

Die Margen dieser Sparte sind auch die Margen, die sich Kottmann für den gesamten Konzern vorstellt. Damit würde Clariant in die Top-Liga der profitabelsten Spezialchemiekonzerne vorrücken. Doch so weit ist es noch nicht. Denn der grösste Bereich «Plastics & Coatings» reisst den Schnitt immer wieder nach unten. Deshalb liegt eine ganz andere Idee nahe: Konkurrent BASF hat vor wenigen Tagen angekündigt, seine Pigmentaktivitäten ab 2016 in eine eigene Gesellschaft auszugliedern und separat weiterzuentwickeln. Das gleiche könnte auch Hariolf Kottmann mit «Plastics & Coatings» im Sinn haben. In einem weiteren Schritt wäre ein Börsengang dieser Sparte denkbar.

Clariant hat einen tiefgreifenden Umbau hinter sich, seit Hariolf Kottmann im Oktober 2008 das Zepter in Basel übernommen hat. Der gebürtige Schwabe, Doktor der Biochemie, hat unrentable Bereiche geschlossen, Teile verkauft und Arbeitsplätze abgebaut. Mit der Milliardenübernahme von Südchemie 2011 hat Kottmann schliesslich wieder auf Wachstum geschaltet. Und seitdem einen Familienpool von Ankeraktionären an Bord, die seine Strategie bisher voll unterstützen.

Morgen gibt der Konzern die Ergebnisse des zweiten Quartals bekannt. Analysten erwarten, dass Clariant sich bei der Marge weiter verbessern konnte, wenigstens leicht. Denn der Konzern hat seine Preismacht wieder zurückgewonnen. Auf der Produktionsseite hilft Clariant der schwache Ölpreis. «Es fällt einem nichts ein, was Hariolf Kottmann in der Vergangenheit anders oder besser hätte machen können. Der Konzern hat seine Kosten im Griff. Jetzt muss vor allem die Weltwirtschaft anspringen. Und dann dürfte Kottmann mit weiteren Abspaltungen und Zukäufen seinen Umbau konsequent fortsetzen», so Analyst Pomrehn.

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