Die Geschäftsführer der Bank Wegelin haben sich in den USA schuldig bekannt, Kunden aktiv beim Steuerbetrug behilflich gewesen zu sein. Konrad Hummler und Otto Bruderer räumten nicht nur ein, gewusst zu haben, dass das Verhalten ihrer Bank falsch war. Sie sagten auch, dieses Verhalten sei in der ganzen Schweizer Bankenbranche üblich.

Für Christophe Darbellay, Präsident der CVP und der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK), ist diese Aussage unverständlich: «Es bedeutet, dass sie uns Politiker und die ganze Schweiz angelogen haben», so Darbellay. Konrad Hummler habe sich über Jahre als Besserwisser der  Nation etabliert, indem er als der Mann galt, der den Finanzplatz Schweiz retten könne. Jetzt mache er vor den Amerikanern eine Kehrtwende. «Dazu ziehen Hummler und Bruderer noch den ganzen Schweizer Finanzplatz in den Dreck - für mich sind sie Verräter.»

Zu wenig verantwortungsbewusst

Gemäss Darbellay ist die einzige Lösung für den Schweizer Finanzplatz das korrekte Verhalten der Banken. «Sie selber sind verantwortlich für ihre Zukunft, nicht die Politiker.» Er trete seit vier Jahren vor laufende Kameras und stehe öffentlich für den Finanzplatz Schweiz ein, während die Banken sich vor ihrer Verantwortung drücken und einander gegenseitig die Schuld zuschieben würden. «Die Chefetagen wollen keine Verantwortung übernehmen - alles, was sie wollen, sind ihre Boni.»

Die Gewinnmaximierung komme dabei einer Sucht gleich: «Die Bankiers können gar nicht mehr anders, als unmoralisch zu handeln.» Konrad Hummler und Otto Bruderer konnten für eine Stellungnahme nicht erreicht werden. «Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass keinerlei Kommentare zur getroffenen Übereinkunft abgegeben werden können», schreibt Albena Björck, Leiterin Kommunikation der Bank Wegelin, in einer Medienmitteilung.

Druckmittel für die US-Behörden

Vom Zugeständnis der Bank ist auch Peter V. Kunz überrascht, Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Bern. «Die Aussage, das Verhalten von Wegelin sei in der Schweizer Bankenbranche üblich, ist schon krass», so Kunz.

Seltsam am Vergleich mit den USA sei, dass sich darin alle Aussagen auf die Bank Wegelin beziehen und nur eine Aussage auf den Schweizer Finanzplatz im Allgemeinen. «Vermutlich war es das Ziel der US-Behörden, die Bank zu einer solchen Aussage zu bewegen, um ein Druckmittel und somit einen Kronzeugen zu besitzen.» Damit sei allerdings die Reputation des Topmanagements zerstört. Nicht aber die Reputation des ganzen Finanzplatzes, denn die Aussage sei eine blosse Behauptung.

Trotzdem werden sich gemäss Kunz die Fronten jetzt verhärten. «Ich denke, dass Deutschland das Gefühl hat, sie könnten das Drehbuch USA ebenfalls gegen die Schweiz anwenden.» Das Problem sei, dass Staatssekretär Michael Ambühl vom Staatssekretariat für Internationale Finanzfragen (SIF) in der Vergangenheit die Meinung vertrat, bei den fehlbaren Banken würde es sich um Einzelfälle handeln.

«Jetzt kommt eine Bank und behauptet das Gegenteil», so Kunz. Auf Anfrage der «Nordwestschweiz» schreibt das SIF, es nehme zu den Aussagen von Wegelin keine Stellung. «Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten, um eine Globallösung zu finden, gehen weiter», schreibt die Pressesprecherin.