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Chinas Börsentief als grosse Schweizer Chance

Chinas Märkte im Tiefflug, das könnte für die Schweizer Unternehmer eine Chance sein

Chinas Märkte im Tiefflug, das könnte für die Schweizer Unternehmer eine Chance sein

Viel tiefgreifender als die Turbulenzen an der Schanghaier Börse ist der Umbau der chinesischen Gesellschaft. Von ihm könnten Schweizer Firmen profitieren.

Chinas Börse stolpert zu Jahresbeginn gewaltig. Die Folgen spüren auch die Unternehmen in der Schweiz. Deren Aktien fielen durch die Bank um einige Prozent. Doch der wirklich spannende Punkt für die hiesigen Firmen, die in grosser Zahl Waren nach China exportieren oder gar selbst in dem Land aktiv sind, liegt woanders. Nämlich in der Tatsache, dass sich Chinas Gesellschaft gerade komplett auf links dreht.

30 Jahre lang hatte China einen wenig schmeichelhaften Beinamen: Werkbank der Welt. Wer günstig produzieren wollte, ging dorthin. Und günstig produzieren wollten die meisten.

Die Billigfabriken bescherten dem Land astronomische Wachstumsraten. Diese Zeiten sind nun vorbei. Die Probleme an den Börsen sind letztlich auch Ausdruck der abnehmenden Wachstumszahlen.

Sicher, vergleichsweise billig produziert man in China heute immer noch. Doch das ist längst nicht mehr die einzige Kompetenz der dortigen Wirtschaft – und auch nicht mehr der Anspruch der chinesischen Bevölkerung.

In China wächst die Mittelschicht

«Das Land verändert sich», sagt einer, der es wissen muss. Lukas Studer hat lange Jahre in China gelebt und gearbeitet. Für verschiedene Industriefirmen war er aktiv, jetzt macht er Schweizer Unternehmer und Manager fit für ein Engagement in Asien.

Studer baut ein Programm der Uni St. Gallen auf, das er diesen Sommer selbst in China und Südostasien leitet. «Die Bedeutung Chinas als reine Werkbank nimmt ab», sagt er. Auch das Leben in China sei teurer geworden. Die Wirtschaft entwickle sich weiter. Vor allem im Gesundheitsbereich, bei der Energie und der Umwelttechnik gebe es grosse Veränderungen.

Ein Grund dafür ist die Pekinger Regierung, die diese Themen in den Mittelpunkt rückt. Alle fünf Jahre schmiedet die Staats- und Parteiführung einen Plan, wie es weitergehen soll mit dem Land.

Der aktuelle und insgesamt 13. Fünfjahresplan stammt aus dem vergangenen Oktober. Neben einem Wachstumsziel von jährlich rund 6,5 Prozent will China bis zum Jahr 2020 vor allem eines werden: eine «gemässigt wohlhabende Gesellschaft».

In China wächst eine Mittelschicht. Und wie vieles in China, wird diese gewaltige Dimensionen annehmen: Bis 2030 werden rund zwei Drittel der globalen Mittelschicht in Asien leben, ein grosser Teil davon in China. Der Umbau vom reinen Export hin zu einer konsumierenden Mittelschicht ist in vollem Gange.

Obwohl sich diese riesige im Entstehen begriffene Mittelschicht in kultureller Hinsicht von den westlichen Gesellschaften unterscheidet, gibt es wichtige einigende Gemeinsamkeiten.

Etwa das Bedürfnis nach sauberer Luft – ein in Chinas Metropolen selten anzutreffendes Gut – genauso wie der Wunsch nach Mobilität und einem vernünftigen Gesundheitssystem.

Das spiele den Schweizer Firmen in die Hände, sagt Felix Sutter, Präsident der Handelskammer Schweiz - China und Asienexperte bei PwC, denn: «Bei den Themen Umwelttechnik und Mobilitätstechnologie sind die Schweizer Firmen top.»

Die Chancen des chinesischen Wandels seien riesig, der Erfolg jedoch kein Selbstläufer, betont Sutter. Firmen, die dort Fuss fassen wollen, müssten darauf achten, «dass ihre Strategie den neuen Anforderungen genügt».

Zwar wachse China weiterhin, aber nicht mehr so wie vor ein oder zwei Jahrzehnten. Ausländische Firmen sähen sich auch zunehmend qualitativ ansprechender einheimischer Konkurrenz gegenüber. «Entscheidend ist, dass die Unternehmen genau hinhören, welche Signale aus Peking kommen.»

Leute vor Ort sensibilisieren

Die Kompetenz vor Ort ist auch für Lukas Studer von der Uni St. Gallen ein unverzichtbarer Faktor. Gerade in Zeiten wie diesen, wo eine gewisse Nervosität der Pekinger Regierung spürbar und die Transparenz an den Märkten noch nicht wirklich hergestellt sei, gelte es, genau hinzuschauen und Informationen aus erster Hand zu generieren. «Schweizer Unternehmen sollten ihre Leute in China darauf sensibilisieren», sagt er.

Trotz der guten Aussichten steht auch in der Schweiz unter dem Strich des gestrigen Börsentages ein Minus. Um rund fünf Prozent ist der Aktienindex SMI gefallen, halb so viel wie im letzten August, als die Börsen auf Chinas langsames Wachstum reagierten. Andere traf es gestern härter: Der deutsche Leitindex Dax fiel um etwa neun Prozent.

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