Die Syngenta-Übernahme durch Chem China beschäftigt nicht nur die betroffenen Mitarbeiter, sondern die ganze Nordwestschweiz. Wie beurteilen Sie die Situation?

Ruedi Nützi: Man muss sich vor Augen halten, was derzeit in China passiert. China hat ein Problem: Es muss in relativ kurzer Zeit die Wirtschaft von einer Massenproduktion in eine Innovationswirtschaft umgestalten. Was wir in 50 Jahren geschafft haben, muss in China in den nächsten 10 Jahren geschehen. Deshalb sind viele Firmen auf der Suche nach Know-how. Kommt hinzu, dass der Staat China dank den Währungsreserven enorm viel Geld hat.

Wie sollen wir in der Schweiz damit umgehen?

In der Schweiz dominieren Unsicherheit, Angst und Unwissenheit im Umgang mit den Chinesen. Man spricht von «Ausverkauf». Das ist nicht der Fall.

Sondern?

Es kann sicher sein, dass noch mehr Firmen in chinesische Hand gehen. Doch es ist kein Ausverkauf.

China ist ein Land, das ganz anders funktioniert.

Auf jeden Fall. Die Schweiz muss aufpassen. Es braucht eine Strategie, die national koordiniert ist. Es kann nicht sein, dass zehn Kantone Freundschaftsabkommen mit China haben oder Städtepartnerschaften existieren, die einzelnen Behörden jedoch nicht miteinander reden. Ein ständiger Dialog ist also nötig.

Mit was sind wir denn noch konfrontiert?

Wir sind hier konfrontiert mit Macht und grossen Ansprüchen. China wird uns in den nächsten Jahren gewaltig herausfordern. Die Schweiz muss die Herausforderung annehmen. Im Moment macht sie es nicht.

In den USA gibt es ein Committee on Foreign Investments in the United States (CFIUS). Das prüft, ob Investitionen die nationalen Sicherheitsinteressen tangieren. In der Schweiz gibt es so etwas nicht.

Ich fordere nicht gleich einen nationalen Sicherheitsrat. Aber die Schweizer Politik muss sich besser absprechen.

Chem China ist ein Staatsbetrieb. Er kauft ein privates Unternehmen in der Schweiz. Umgekehrt wäre das nicht möglich.

Auf jeden Fall. Hier besteht ein Machtgefälle. Das ist genau der Punkt: China ist unglaublich machtbewusst.

Und was ist mit der Frage des Staatsbetriebs?

Das ist an sich kein Problem. 80 Prozent der Firmen in China sind Staatsbetriebe, doch sie agieren wie Privatbetriebe und sind vergleichsweise frei. Die kommunistische Führung weiss ganz genau, dass sie nur legitimiert ist, wenn es mit der Wirtschaft vorwärtsgeht.

Wird unsere liberale Marktwirtschaft ausgenützt?

Unsere liberale Wirtschaftsordnung ist ein Vorteil für den Standort. Unsere Firmen sind wettbewerbsfähiger als viele anderer Länder und sind deshalb – wie Syngenta – auch so attraktiv. Die Schweiz ist also in einer guten Ausgangslage. Wir müssen uns aber noch mehr für eine gute Bildung und die Stärkung der Berufsbildung einsetzen.

Was ändert sich eigentlich für die Syngenta-Mitarbeiter, die demnächst möglicherweise einen chinesischen Eigner haben?

Nun, die berühmte Glaskugel habe ich auch nicht. Am Anfang wird man jedoch nicht viel merken. Doch die Ansprüche werden sicher hoch geschraubt. Die Chinesen sind fleissig und ambitioniert. Das fordern sie auch von den anderen.


Ruedi Nützi ist Direktor der Hochschule für Wirtschaft FHNW und verfügt über 20-jährige Erfahrung im China-Geschäft.