Wang Zhongxue gibt zu, dass er sich noch nicht so recht an die kleinen Bohnen gewöhnt hat. Er pflückt ein paar besonders reife Kirschen und knetet sie in seiner rechten Hand. «Für mich bleiben sie fremd», sagt der 76-jährige Bauer – obwohl er sie inzwischen seit fast 20 Jahren anbaut. Er pult an einer rötlichen Kirsche herum, bis die erste Schicht abfällt und zwei Kaffeebohnen zu erkennen sind. Er beisst auf eine. «Und schmecken tun sie auch nicht.»

Mehr als 40 Jahre seines Lebens hat Wang Mangos angebaut. Davon zeugt heute noch ein grosser Baum, der neben seinem Haus steht und mit seinen grossen dichten Blättern vor allem in der Mittagszeit, wenn die Sonne besonders hoch steht, Schatten spendet. «Wenn die grossen gelben Früchte geerntet werden können, freut sich die ganze Familie», sagt er. Doch: «Kaffeebohnen bringen sehr viel mehr Geld rein.» Und während seine Mangos lediglich auf dem örtlichen Markt in der nächsten Kreisstadt Pu’er landeten, würden seine Kaffeebohnen auf der ganzen Welt verkauft. «Da fühlt man sich doch gleich sehr viel wichtiger», sagt er und lächelt verschmitzt.

Kaffee für Nestlé

Wang ist einer von Zehntausenden Bauern, die in der Umgebung der Stadt Pu’er in der südwestchinesischen Provinz Yunnan vor allem für den Nahrungsmittelkonzern Nestlé Kaffee anbauen. Eigentlich ist Pu’er bekannt für seinen berühmten Pu’er-Tee – ein nachfermentierter Grün- oder auch Schwarztee, der seinen vollen Geschmack erst entfaltet, wenn er mindestens fünf Jahre gereift ist.

Yunnan liegt eigentlich schon so südlich, dass tropische Verhältnisse herrschen müssten. Doch Yunnan liegt auf einem Plateau am Fusse des Himalajas, zwischen 1000 und 2000 Meter über Meer. Tagsüber kann es recht warm werden, aber nur selten tropisch heiss. Denn nachts kühlt es auf den Berghängen deutlich ab. Trotzdem scheint fast das ganze Jahr über die Sonne. In dieser Gegend herrschen jedoch nicht nur ideale Bedingungen für den Anbau von hochwertigem Tee, sondern auch für den von Kaffee.

Nestlé hatte diese Gegend bereits vor fast 25 Jahren für den Kaffeeanbau entdeckt. 1992 eröffnete der Schweizer Nahrungsmittelriese in Yunnan erstmals eine Zweigstelle, um die Bauern vor Ort gezielt über den möglichen Anbau von Kaffeebohnen zu informieren. Kurze Zeit später schuf Nestlé auf rund 60 Hektaren eine erste Musterfarm.

Damals trank in China jedoch noch kaum jemand Kaffee. Nestlé war also der erste Konzern, der die Chinesen auf den Geschmack brachte – mit Nescafé.

Inzwischen gibt es im Land der Tee-Trinker unzählige Kaffeetrinker.  Das bevölkerungsreichste Land der Welt ist auf bestem Wege, sogar zur grössten Kaffeenation der Welt zu werden. Mit Wachstumsraten von 15 Prozent pro Jahr gibt es derzeit kein Land, in dem der Kaffeekonsum so rasant wächst wie in der Volksrepublik.

Was China als Kaffeemarkt derzeit so attraktiv macht: Abgesehen vom löslichen Instantkaffee ist der frisch gebrühte Kaffee in all seinen modernen Varianten vor allem ein Getränk der wohlhabenden Mittelschicht. Gerade unter jungen Grossstadtmenschen gilt es als chic, sich am späten Nachmittag mit einem überteuerten Pappbecher in der Hand von Starbucks oder einer der anderen diversen internationalen Kaffeehausketten sehen zu lassen.

Immer mehr dieser wohlhabenden Mittelschicht wollen ihren hochpreisigen Kaffee auch zu Hause geniessen. Noch sehr viel mehr als Europäer lassen sich die chinesischen Kaffeetrinker vor allem von den in Metallic-Farben schimmernden Kapseln von Nespresso betören. Dass die wie Schmuckstücke wirkenden Kapseln noch mal fast doppelt so teuer sind wie in der Schweiz, schreckt die chinesischen Konsumenten nicht ab.

«Um diesen Ansprüchen zu genügen, benötigen wir auch hochwertigen Kaffee», sagt Gonzalo Contreras. Der mexikanische Agrarspezialist ist Leiter der Nestlé-Zweigstelle in Pu’er. Mit dem Schulungszentrum von vor 25 Jahren hat die heutige Anlage aber kaum mehr was zu tun. Geschult und trainiert werden die Bauern zwar weiterhin. Doch inzwischen hat Nestlé eine ganze Anlage errichtet, mit einer riesigen Lagerhalle, einem Labor und einem separaten Verwaltungsgebäude. Erst Anfang Februar wurde die Anlage eingeweiht.

Bauern kennen die Standards

Kaffeebauer wie Wang bringen ihre gewaschenen und geschälten Bohnen vorbei. Die Tester aus dem Labor entnehmen von jeder gelieferten Ware Stichproben, rösten die Bohnen und prüfen sie nach ihrer Qualität. Wenn die Bohnen Bruchstellen aufweisen, nicht ausreichend getrocknet sind und auch die Geschmackskriterien nicht erfüllen, müssen die Bauern ihre Ware wieder mitnehmen – nicht aber ohne Ratschläge auf den Weg mitzubekommen, was sie beim Anbau oder bei der Ernte falsch gemacht haben. Die Ablehnungsrate sei aber gering, betont Nestlé-Leiter Contreras. «Unsere Bauern wissen ja um unsere Standards.»

Und der darf inzwischen nicht nur den des löslichen Instantkaffees genügen. Zu Top-Qualität will Nestlé dem Kaffee aus Yunnan verhelfen. Einen ersten Vorgeschmack hatte der Konzern schon einmal geliefert. 2004 hatte die Premiummarke Nespresso eine Yunnan Special Edition für eine begrenzte Zeit auf den Markt gebracht. Für Dolce Gusto ist in diesem Jahr eine limitierte Edition  geplant.

Bauer Wang hat noch nie einen Nespresso getrunken, die Marke Dolce Gusto sagt ihm ebenso wenig. Den Nescafé-Granulatkaffee hat er in seinem Küchenschrank stehen. Ob er denn regelmässig Kaffee trinke? «Natürlich», sagt er. Und wenn er wählen müsste? «Auf einen Pu’er-Tee kann ich auf keinen Fall verzichten», antwortet er.