Kommentar

Chefwechsel, Machtballung, Hackerangriff, unhaltbare Finanzziele: Bei Stadler ist manches ausser Kontrolle geraten

Thomas Ahlburg (rechts) ist als Stadler-Chef abrupt gegangen, und Patron Peter Spuhler sieht keine andere Übergangslösung, als selber wieder in die Hosen zu steigen - zusätzlich zu seinem Amt als Verwaltungsratspräsident und als weitaus grösster Aktionär des Unternehmens.

Thomas Ahlburg (rechts) ist als Stadler-Chef abrupt gegangen, und Patron Peter Spuhler sieht keine andere Übergangslösung, als selber wieder in die Hosen zu steigen - zusätzlich zu seinem Amt als Verwaltungsratspräsident und als weitaus grösster Aktionär des Unternehmens.

Der abrupte Abgang des Konzernchefs Thomas Ahlburg wirft ein fahles Licht auf die Führung des Schienenfahrzeugherstellers. Nicht ein anderes Mitglied der Konzernleitung übernimmt das operative Steuer notfallmässig, sondern Verwaltungsratspräsident und Grossaktionär Peter Spuhler. Das hat eine heikle temporäre Machtkonzentration beim Patron zur Folge. Und Stadler hat noch mehr Baustellen.

Thomas Griesser Kym

Thomas Griesser Kym

In gut geführten Firmen läuft eine geordnete Regelung der Nachfolge an der Spitze idealerweise so ab: Über eine geraume Zeit wird ein neuer Mann oder eine neue Frau intern aufgebaut, oder es wird eine adäquate Person extern gesucht – und rechtzeitig gefunden. Zudem steht für unvorhergesehene Entwicklungen ein passender Stellvertreter bereit, der im Notfall zumindest interimistisch einspringen kann. Zum Beispiel, wenn der Chef wegen Unfall oder Krankheit ausfällt, oder, wie bei Stadler geschehen, abrupt den Hut nimmt. Oder nehmen muss.

Konzernchef Thomas Ahlburg ist gegangen, aber behelfsmässig springt nicht sein Stellvertreter in die Bresche, sondern der Patron persönlich: Peter Spuhler, exekutiver Verwaltungsratspräsident, dominierender Hauptaktionär und früherer CEO während drei Jahrzehnten.

Der Finanzchef bleibt Stellvertreter

Warum wird die operative Führung nicht Ahlburgs Stellvertreter übertragen? Die naheliegende Erklärung ist fehlende Eignung. Der Stellvertreter heisst Raphael Widmer und ist Finanzchef. Er ist ein Mann der Zahlen und weder im Verkauf noch in der Produktion zu Hause, also nicht aus jenem Metall geschmiedet, aus dem Stadler seine Züge baut.

Zudem ist Widmer, von ABB gekommen, erst seit gut drei Jahren bei Stadler im Amt. Dagegen war Ahlburg intern sechs Jahre aufgebaut worden, zunächst als Leiter des grössten Werks am Hauptsitz in Bussnang und dann drei Jahre zusätzlich als Vize Spuhlers, bevor dieser ihn Anfang 2018 auf den Chefsessel setzte.

Die Marge steht noch stärker unter Druck

Hinzu kommt, dass Widmer gegenwärtig als Finanzchef besonders gefordert ist: Wegen der Coronapandemie fliesst weniger Geld in die Kasse. Abnahmen und Auslieferungen verzögern sich, Umsätze werden in die Zukunft verschoben, Serviceleistungen wegen Drosselungen im öffentlichen Verkehr weniger nachgefragt, die ohnehin belastete Marge steht noch stärker unter Druck.

Über all das ist Stadler wegen Corona die Kontrolle ein Stück weit entglitten. Die Finanzziele, die schon vergangenes Jahr verpasst wurden, sind 2020 erneut nicht mehr haltbar, der Aktienkurs zeigt nach unten.

Die Fertigung bei Stadler läuft trotz Hackerangriffs und Corona auf hohen Touren. Kurzarbeit ist kein Thema.

Die Fertigung bei Stadler läuft trotz Hackerangriffs und Corona auf hohen Touren. Kurzarbeit ist kein Thema.

Spuhlers ureigenes Interesse

Dass Spuhler Stadler nun vor­­läufig in Personalunion führt, muss dem Unternehmen nicht per se zum Nachteil gereichen. Niemand kennt das Unternehmen besser als der Patron. 1989 hatte er es mit 18 Mitarbeitenden gekauft, für 4,5 Millionen Franken.

Und über die Jahre und Jahrzehnte hat Spuhler die Firma zu einem führenden Schienenfahrzeughersteller in Europa aufgebaut, der mit nunmehr über 10'000 Mitarbeitenden auch nach Afrika, Amerika und, nach einigen vergeblichen Anläufen, nach Asien vorgestossen ist. Zudem hat Spuhler als Grossaktionär ein ureigenes Interesse am Wohlergehen der Firma.

Spuhler kontrolliert Spuhler, und das gleich doppelt

Doch die Machtkonzentration birgt Risiken. Als Konzernchef ist Spuhler der operative Lenker. Beaufsichtigt wird er vom Verwaltungsrat, den Spuhler präsidiert. Der Verwaltungsrat wiederum legt der Generalversammlung Rechenschaft ab, die von Spuhler mit seinem Aktienanteil von 39,9 Prozent (per Ende 2019) beherrscht wird.

Die deutsche RAG-Stiftung, mit 10 Prozent zweitgrösste Aktionärin, scheint eine passive Rolle zu spielen. Weitere institutionelle und vor allem aktivistische Investoren, die 3 Prozent oder mehr kontrollieren, sind keine bekannt.

Der Patron sitzt am längeren Hebel

Damit sind Grundsätze der Corporate Governance, der guten Unternehmensführung, ausser Kraft gesetzt. Grundsätze der checks and balances zum Beispiel, wonach die Verantwortung und die Aufsicht auf verschiedene Köpfe verteilt sein sollten.

Man mag nun einwenden, im Verwaltungsrat sei Spuhler, obwohl Präsident, nur eines von acht Mitgliedern, und seine Kolleginnen und Kollegen würden ihm genau auf die Finger schauen. Das ist auch ihre Aufgabe. Nur: Wenn beispielsweise Differenzen bezüglich strategischer Entscheide aufkommen und es wirklich hart auf hart kommt, dann sitzt Spuhler dank seiner Machtfülle am längeren Hebel.

Ein Interner? Oder doch eine externe Lösung?

Stadler ist deshalb gefordert, die Nachfolge an der Konzernspitze sorgfältig, aber dennoch zügig zu regeln. Auch könnte es sinnvoll sein, über die Bücher zu gehen in der Frage der Stellvertretung. Diese war früher die Aufgabe von Peter Jenelten. Einen wie ihn hätte man sich als Übergangs-CEO vorstellen können. Der Vertriebschef war 19 Jahre an Bord Stadlers, bis er vor einem Jahr in Spuhlers Privatholding wechselte und sein Amt an Ansgar Brockmeyer übergab.

Ob dieser als Stadler-Frischling oder ein anderes Mitglied der Konzernleitung für noch höhere Weihen in Frage kommt, muss der Verwaltungsrat unter Präsident Spuhler beurteilen. Und andernfalls eine gestandene Person von aussen verpflichten, die unter Spuhler Chef spielen möchte.

Viele Themenfelder zu beackern

Im Herbst 2017, als Stadler die Ernennung Ahlburgs zum CEO per Anfang 2018 ankündigte, sagte Peter Spuhler im Interview mit dieser Zeitung:

Und Thomas Ahlburg sekundierte:

Doch nun muss Spuhler, 61, diese Aufgabe erneut anpacken. Nochmals mehrere Jahre Zeit dafür hat er gewiss nicht. Parallel dazu gilt es Stadler durch stürmische Zeiten zu navigieren: Corona, die eingeleitete Expansion nach Asien, der pickelharte Wettbewerb oder die zunehmende Digitalisierung im Schienenverkehr sind nur ein paar der Themenfelder, die es zu beackern gilt. Ausserdem steht das selbst gesteckte Vorhaben an, den für teures Geld entwickelten Hochgeschwindigkeitszug Smile, den die SBB bestellt haben, auch in Europa zu vermarkten.

Vertrauen als ein zentraler Baustein

Und aufgearbeitet werden muss der jüngste Hackerangriff auf Stadlers IT-Netzwerk. Auch hier ist Stadler die Kontrolle abhanden gekommen. In der IT wie an der Konzernspitze Klarheit schaffen und Lücken stopfen – das ist wichtig für das Vertrauen in Stadler. Und es sind zentrale Elemente für die Fortschreibung der Erfolgsgeschichte des Unternehmens.

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