Wintersport

Chef von Schweizer Skigebiet: «Wir wollen eine eigene Währung»

«Wenn ich eine Technologie einkaufe, mache ich mich abhängig»: Reto Gurtner über Digitalisierung.

«Wenn ich eine Technologie einkaufe, mache ich mich abhängig»: Reto Gurtner über Digitalisierung.

Reto Gurtner möchte für die Weisse Arena Gruppe in Laax mit der Blockchain eigenes Geld schaffen und die Gäste nach Beliebtheit bewerten. Im Interview erklärt er, warum – und wie die Besucher profitieren sollen.

Reto Gurtner war vor sieben Jahren dort, wo die Konkurrenz nun anfängt. 2011 begann der Chef der Weissen Arena Gruppe mit dynamischen Preisen. Diesen Winter sammeln Zermatt oder St. Moritz erste Erfahrungen damit. Im Skigebiet «LAAX» kriegen Gäste via App laufend Infos über den Andrang auf den Pisten oder ihre zurückgelegten Höhenmeter. Freie Parkplätze werden in Echtzeit angeboten oder der Schnellzugang zum Skilift. Nun probiert er das nächste Level: eine eigene Währung mithilfe der Blockchain – und ein Rating der Kunden.

Herr Gurtner, Sie wollen in der Destination Flims Laax Falera eine digitale Währung einführen. Warum?

Reto Gurtner: Wir haben schon eine eigene Währung, teilweise. Wenn der Gast uns Daten gibt via die App «Inside Laax», gewinnt er Punkte. Zum Beispiel für jeden Tag bei uns oder für bestimmte Fahrten. Die Punkte löst er ein gegen Kappen, Halswärmer oder Upgrades wie unsere Warteschlangen-Webcams. Es ist ähnlich wie bei Coop oder Migros.

Nun wollen Sie eine Stufe höher?

Ja, wir wollen eine neue eigene Währung schaffen, die auf der Blockchain basiert. Der Projektname lautet Greatest User Return Unit, kurz Guru. Auf Deutsch übersetzt wäre das die Einheit, die dem Kunden den grössten Nutzen bringt. Später kann man die Währung nennen, wie man will. Einen Flimser vielleicht oder auch ein Davosling, falls später andere Regionen unser Modell übernehmen wollen.

Warum genügt Ihnen der gute alte Schweizer Franken nicht mehr?

Mit dem Guru hätten wir eine saubere Lösung für eine Reihe von Problemen. In Europa haben es die Menschen je länger, je mehr satt, wie mit ihren Daten umgegangen wird. Google, Amazon oder Facebook verdienen sich dumm und dämlich. Der Normalbürger weiss nicht einmal, welche Daten von ihm gesammelt werden. Wir wollen das umdrehen. Wir sagen, die Daten sollen dem Verursacher gehören. Die Blockchain wird uns das ermöglichen.

Wie das?

Nehmen wir zum Beispiel den Kunden Meier. Dann werden alle von ihm verursachten Daten in dezentral geführten Kontobüchern gespeichert. Einzelne Käufe werden über mehrere Kontobücher verteilt sein. Und den Code zu all diesen Daten behält Meier. Nur er kontrolliert seine Daten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

Bitte.

Meier mietet in Laax in einem Sportgeschäft seine Ski, kauft bei der Bergbahn eine Tageskarte und später in der Beiz eine Bratwurst. Jedes Mal entstehen Daten. In unserem System hat das Sportgeschäft nur die Daten über die Miete, nicht jene zum Kauf der Tageskarte oder der Bratwurst. Meier kontrolliert die verknüpften Daten. Er entscheidet, ob er uns diese Daten zur Verfügung stellt. So vermeiden wir den Konflikt mit der europäischen Datenschutz-Grundverordnung, die dieses Jahr in Kraft getreten ist.

Warum soll Meier in die Nutzung seiner Daten einwilligen?

Er hat die freie Wahl. Aber wir würden ihm etwas bieten.

Zum Beispiel?

Wenn er bei mir im Januar bucht, also neben der Hochsaison, kann ich ihm dafür etwas geben. Er will bei mir 500 Franken gegen Gurus eintauschen. Ich biete ihm aber nicht 500 Gurus wie in der Hauptsaison, sondern 750 Gurus. Dafür kann er bei mir im Wert von 750 Franken einkaufen. Für seine Daten erhält Meier also Services im Wert von 250 Franken.

Und was haben Sie davon?

Einen Gast mehr in der Nebensaison. Die Daten von Meier und von vielen anderen. In der Summe werde ich sehen können, welcher Gast für mich am wertvollsten ist. Das weiss ich heute nicht. Und ich kann Meier etwas geben, ohne einen Discount zu gewähren. Ich muss nicht mitmachen bei der verdammten Rabattitis.

Was haben Sie gegen Rabatte?

Der Kunde verliert das Gefühl für den Wert einer Leistung. Nehmen wir als Beispiel, ich gebe ihm diese Saison eine Tageskarte nicht zu 100 Franken, sondern zu 70. Nächste Saison hat es in seinen Augen noch 70 Franken wert. Der Bezugswert verschiebt sich, an dem der Kunde eine Leistung misst.

Warum geben Sie Meier nicht einfach Schweizer Franken für seine Daten?

Mit dem Guru ist der Aufwand viel geringer. Wenn das System einmal steht, kostet die einzelne Transaktion so gut wie nichts. Es wäre eine elegante Lösung für vieles. Wir könnten auf dieser Grundlage auch unsere Kunden bewerten.

Ein Ranking für Kunden?

Sehen Sie, beispielsweise funktionieren Online-Tischreservationen nicht richtig. Es hat Kunden, die reservieren morgens in vier Beizen einen Mittagstisch. So haben sie ihren Platz sicher, egal, auf welcher Piste sie landen im Verlaufe des Vormittages. Doch in drei Restaurant sind Gäste sauer: Sie kriegen keinen Tisch, obwohl einer freisteht. Drei Beizer regen sich auf: Ein Tisch bleibt leer, die Gäste sind sauer.

Neu würden Sie was tun?

Neu bekäme der pünktliche Herr Meier beispielsweise zehn Sterne gutgeschrieben, ein oft verspäteter Herr Müller nur zwei. Meier wäre im Ranking unter den 100 beliebtesten Gästen, Müller unter den top 10'000. Meier käme neu auf der Warteliste vorne drauf, Müller weiter hinten.

Und wenn jemand seine Daten für sich behalten will?

Das kann er. Jeder Gast wird bei jedem Kauf immer die Wahl haben. Aber er wird nur über die App einen Tisch oder einen Parkplatz reservieren können.

Ist das noch eine echte Wahl?

Ja. Ich kann solche Services in der Schweiz nur über eine App anbieten. Anders ist es nicht bezahlbar. Es käme viel zu teuer, wenn ich im Hochlohn-Land Schweiz jemanden anstellen muss, der Reserverationen telefonisch aufnimmt. Für die App brauchen wir die Daten.

Die bisherigen Währungen, die auf Blockchain basieren, setzten sich nicht durch. Unter anderem, weil ihr Wert extrem schwankt.

Das hat damit zu tun, dass die Bitcoins und Ethers dieser Welt keinen richtigen Gegenwert haben. Unser Guru hätte dies: Alle Services, die wir in Laax produzieren. Der Hype um die Blockchain ist vorbei, jetzt wird es spannend.

Wie sicher wäre Ihr System gegen Hackerangriffe?

Die Blockchain ist extrem sicher. Nehmen Sie den Aufschrei um die Hotelkette Marriott, wo Millionen von Kunden-Daten entwendet wurden. Das war möglich, weil alles zentral auf einer einzigen Datenbank gespeichert war, mit der Marriott die Kundenbeziehungen managte. Alles war da abgelegt, was ein Gast je elektronisch von Marriott gekauft hat, verknüpft mit seinen persönlichen Daten wie Adresse, Geburtsdatum oder Zahlungsmittel. In der Blockchain ist alles dezentral abgelegt.

Was sind die nächsten Schritte?

Wir werden mit einem Berliner Start-up zunächst ein Produkt mit den minimal notwendigen Funktionen bauen. Das wollen wir bis Ende März fertig haben. Dann sehen wir, ob es funktioniert. Wenn nicht, haben wir Lehrgeld bezahlt, wenn doch, gründen wir eine eigene Firma. Investoren mit Risikokapital hätten wir bereits.

Können Sie die Technologie nicht einkaufen? Sie sind doch ein Tourismusbetrieb, nicht ein Tech-Konzern.

Wenn ich die Technologie einkaufe, mache ich mich abhängig. Ich kann mein Produkt nicht laufend nach meinen Wünschen erneuern. Wir wollen zum Beispiel mit der Universität München bald Daten erheben können, wenn ein Snowboarder einen Trick vorführt: Wie schwierig es war, wie lange er in der Luft war.

Ist das der einzige Grund?

Nein. Wenn es dumm läuft, baue ich mir einen Konkurrenten auf. Die Technologie ist ja nur eine Zwischenstufe, wenn ich etwa online bestelle. Aber das Essen muss noch immer gekocht und serviert werden. Das ist die letzte Meile. Der Techkonzern, der für mich die Online-Reservation abwickelt, hätte den direkten Kundenkontakt und ich als Leistungserbringer das Risiko.

Braucht es ein eigenes Start-up auch, um gute Programmierer anzuwerben?

Ja, hochqualifizierte Programmierer bekommt man nur so. Die wollen nicht fest besoldet werden, sondern wie Unternehmer am Erfolg beteiligt sein. Deshalb haben wir damals beim Aufbau unserer App Inside Laax auch ein Unternehmen gegründet. Damals hatten wir eigene Leute dabei und Programmierer aus Finnland.

Warum Finnland?

Finnland gehört digital zu den fittesten Ländern, aus der Geschichte heraus. Als Nokia zugrunde ging, kamen zig Techniker, Programmierer und Datenspezialisten auf den Arbeitsmarkt. Nur können diese Leute nicht überall auf der Welt hingehen. Finnen mögen Schnee und passen recht gut in die Schweizer Berge, auch von der Ernährung her.

Wie meinen Sie das?

Nehmen Sie indische Programmierer, nur als Beispiel. Wenn der typische Inder zwei Wochen bei uns in den Bergen leben muss, macht ihm schon der Magen zu schaffen. Weil er unsere Küche nicht verträgt, die eher zu Fleisch und Käse tendiert. In Zürich unten, wo es tausende Restaurants hat, kann ein Inder essen wie zu Hause, bei uns in den Bergen leider nicht. Man muss immer das Ganze sehen.

Andermatt Sedrun hat letztes Jahr dynamische Preise eingeführt, Zermatt oder St. Moritz tun es diese Saison. Wie bewerten Sie das?

Soweit ich das von aussen beurteilen kann, läuft es leider darauf hinaus, dass die durchschnittlichen Ticketpreise sinken werden. Das ist eigentlich nicht der Sinn. Es muss darum gehen, den Kunden einen Mehrwert zu bieten.

Wie beurteilen Sie den Versuch von Saas-Fee, die Jahreskarte vergünstigt via ein Crowdfunding abzugeben?

Für mich hat Saas-Fee mit dieser Übung leider nur eine teure Publi-Reportage bekommen und einen Haufen Emailadressen. Finanziell ging die Rechnung nicht auf, wie die Jahreszahlen gezeigt haben.

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