Herr de Saint-Affrique, Ihre Schokolade ist in der Weihnachtszeit wortwörtlich in aller Munde. Doch wie nachhaltig sind Ihre Produkte?

Antoine de Saint-Affrique: Heute stammen 44 Prozent unserer Zutaten aus nachhaltigem Anbau. Das ist ein grosser Fortschritt, vor drei Jahren waren es weniger als 20 Prozent. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. 2025 soll unsere Schokolade zu 100 Prozent aus nachhaltigen Zutaten bestehen. Dabei soll uns auch eine Kooperation mit der ETH Zürich helfen.

Worum geht es bei diesem Projekt?

Wir entwickeln eine Software, die auf künstlicher Intelligenz basiert. Diese analysiert selbstständig Satellitenbilder und kann Kakaoanbau in geschützten Waldgebieten entdecken. Sobald die Software ausgereift ist, werden wir die Technologie anderen zur Verfügung stellen.

Zum Thema Nachhaltigkeit gehört auch das Thema Kinderarbeit. Laut Geschäftsbericht zählte Barry Callebaut zuletzt 4200 solcher Fälle. Ihr Ziel ist es, bis 2025 Kinderarbeit aus der Wertschöpfungskette zu verbannen, also erst in sieben Jahren ...

Da muss ich etwas ausholen. Wir sprechen hier von Kindern, die auf der Farm ihrer Eltern Arbeiten ausführen, die kein Kind tun sollte: Schwere Lasten tragen, gefährliche Werkzeuge benutzen oder mit Pestiziden hantieren. Oft ist das eine Folge von Armut. Die Eltern können sich keine zusätzlichen Arbeitskräfte leisten. Aber es hat auch mit der Kultur in Westafrika zu tun. In Indonesien, wo auch Kakao angebaut wird, ist Kinderarbeit tabu. Dort schicken die Eltern ihre Kinder zur Schule.

Wie lautet also die Lösung?

Wir müssen sicherstellen, dass die Produktivität der Bauern und somit ihr Einkommen steigt. Da gibt es noch viel Potenzial. Zudem brauchen die Kinder Zugang zu Ausbildung. In der Elfenbeinküste besuchen nur 70 Prozent der Kinder von Kakaobauern die Primarschule; in Ghana sind es fast 90 Prozent. Danach, bei der Sekundärausbildung, wird es schwieriger. Oft verlangen die Schulen zum Beispiel eine Geburtsurkunde, die viele Kinder nicht haben.

Trotzdem: Wieso erst 2025 und nicht schon früher?

Ein kultureller Wandel braucht Zeit. Ich bin in Frankreich auf dem Land aufgewachsen. Vor 50 Jahren chrampften noch viele Kinder auf dem Hof ihrer Eltern. Heute wäre das so nicht mehr akzeptabel. Solche Veränderungen geschehen nicht über Nacht, und nicht durch ein Unternehmen allein.

Was unternehmen Sie konkret gegen Kinderarbeit?

Wir haben im vergangenen Jahr 130'000 Farmen mithilfe von GPS und anderen Technologien vermessen und die Zahl der Kinder, der Bäume, die Nähe zur Schule, erfasst. Wir konnten Muster erkennen, die Kinderarbeit begünstigen. Wenn die Eltern gut ausgebildet sind, gibt es praktisch keine Kinderarbeit, und umgekehrt. Diese Erkenntnisse fliessen in die Prävention. Letztes Jahr haben wir 200'000 Bauern zum Thema Kinderarbeit weitergebildet.

Sie sagen, die Industrie habe die Zeichen der Zeit erkannt. Man könnte aber auch sagen, sie hat zu lange zu wenig unternommen, solange die Öffentlichkeit nicht genauer hinschaute.

Das Problem ist komplex. Fakt ist, dass wir bei Barry Callebaut es aktiv angehen und viel dagegen unternehmen. Wir gelten als Vorreiter in der Branche.

Der Dokumentarfilmer Miki Mistrati machte einst mit «Schmutzige Schokolade» auf die Zustände aufmerksam. Laut ihm hat sich bis heute wenig bis nichts verbessert, was die moderne Sklaverei in der Schoko-Industrie anbelangt: Noch immer müssten Kinder zwischen 10 und 15 Jahren bei 40 Grad Hitze Kakao ernten. Viele von ihnen seien gar zu Preisen von 100 Dollar verschleppt worden…

Fälle von Menschenhandel haben wir in unserer Lieferkette bisher nicht feststellen können. Und wir schauen genau hin. Und wenn wir Kinder auf dem Feld sehen, die unangemessene oder gefährliche Arbeiten verrichten, reagieren wir ebenfalls.

Bis 2025 wollen Sie zudem 500'000 Kakao-Bauern aus der Armut holen. Wieso bezahlen Sie Ihnen nicht schon heute mehr für ihre Bohnen?

Man kann das nicht allein über den Preis regeln. Speziell in Westafrika hat die Armut verschiedene Ursachen. Ein Bauer in Ghana erhält für ein Kilo Kakao mehr als ein Bauer in Frankreich für ein Kilo Äpfel oder Tomaten. Aber seine Farm ist nur 3 bis 4 Hektar gross, er muss hohe Steuern sowie Abgaben an den Landbesitzer zahlen. Denn die Bäume gehören ihm oft nicht. Daher unterstützen wir die Farmer dabei, die Produktivität zu steigern und beim Anbau zu diversifizieren. Wir binden auch die Frauen stark ein. Diese gehen oft vernünftiger mit dem Geld um und stecken das Ersparte eher in die Ausbildung der Kinder.

Laut eigenen Angaben leben heute 170'000 Ihrer Bauern nicht in «extremer Armut», so wie es die Weltbank definiert mit einem Lohn von 1.90 US-Dollar pro Tag. Sie selber haben letztes Jahr 6 Millionen Franken verdient ...

Wenn Sie Fortschritte im Bereich Nachhaltigkeit belegen wollen, brauchen Sie messbare Parameter. Die Armuts-Definition der Weltbank ist einer der wenigen weithin anerkannten Benchmarks …

… aber wieso betonen Sie den Begriff «extrem» bei der Armutsdefinition? Ist ein Tageslohn von 1.91 US-Dollar fair?

Natürlich nicht. Es kann nur der erste Schritt sein, Bauern aus extremer Armut zu befreien.

Auch, weil Ihre Kunden wie Nestlé, Mars und Co. sowie Finanzinvestoren vermehrt nachhaltig produzierte Schokolade fordern?

Aktionäre interessieren sich mehr und mehr für diese Themen, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Wir sind davon überzeugt, dass dies der richtige Weg ist. Wir wollen langfristig in unserem Geschäft tätig sein. Das kann uns nur gelingen, wenn wir nachhaltig wirtschaften und das auch ökonomisch Sinn ergibt.

Wird durch all diese Nachhaltigkeitsmassnahmen Schokolade teurer?

Das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist, dass möglichst viele denselben Weg beschreiten. Je mehr das tun, desto erschwinglicher bleibt Schokolade. Ob wirklich alle Firmen mitmachen werden, weiss ich nicht. Aber das ist noch lange kein Grund, es nicht zu versuchen.

Wir befinden uns mitten im Weihnachtsgeschäft. Wie wichtig sind die Schoggi-Samichläuse für Ihre Umsätze?

Ebenso wichtig wie Ostern. Aber wir haben unser Geschäft breit aufgestellt, um unabhängiger von saisonalen Schwankungen zu sein. Wir verkaufen daher auch viel Schokolade für Eiscreme und Biscuits.

In welchem Land ist das Potenzial für Schokoladekonsum am grössten?

In Asien ist das Potenzial sehr gross. In Deutschland, England und in der Schweiz beträgt der jährliche Pro-Kopf-Konsum zwischen 8 und 9 Kilo. In Japan sind es 1,3 Kilo, vor allem dunkle Schokolade. In China sind es erst 100 Gramm. Nur: Schokolade ist nicht Teil der traditionellen Essgewohnheiten der Chinesen. Sie müssen den Geschmack erst noch entdecken. Das beginnt typischerweise über Confiserien, französische Pâtisserie-Geschäfte und Restaurants. Das ist eine Evolution.

Jahrelang sprach Barry Callebaut über die Entwicklung von hitzeresistenter Schokolade, die vor allem für die Kühlungskette in Ländern wie Indien wichtig sein könnte. Zuletzt war nicht mehr viel davon die Rede. Weshalb?

Sie kommt in Asien bereits zum Einsatz, aber die Hitzeresistenz spielt vor allem in der Kühlungskette eine Rolle, weniger für den Endkonsumenten. Unsere hitzeresistente Schokolade schmilzt erst bei 38 Grad, und wir sind daran, den Schmelzpunkt weiter nach oben zu schieben. Das ist anspruchsvoll. Der Geschmack darf darunter nicht leiden, die Schokolade soll im Mund zart schmelzen. Sonst könnten Sie auch auf einer Kerze kauen.

Zuletzt haben Sie die pinkfarbene Ruby-Schokolade lanciert, die unter anderem bei Kitkat von Nestlé zum Einsatz kommt. Wie erfolgreich ist die neue Sorte?

Wir sind sehr zufrieden. In der Schweiz bieten wir gewerblichen Anwendern Ruby unter unserer Marke Carma an. Es ist ein neuer, einzigartiger Geschmack. Die belgische Firma Leonidas hat ihre Manon-Pralinés mit Ruby lanciert, und bald bringt Unilever eine Ruby-Magnum-Glace auf den Markt.