Wir treffen Siegfried Gerlach, den Chef von Siemens Schweiz, in einem Badener Hotel, wo er gemeinsam mit Philippe Ramseier, CEO und Inhaber der Autexis Gruppe, die Swiss Industry 4.0 Conference bespricht. Die Konferenz findet Mitte September in Baden statt und widmet sich der Digitalisierung der Wirtschaft. Siemens als einer der grössten Industrieunternehmen weltweit ist Hauptsponsor des Anlasses. Für den studierten Mathematiker Gerlach sind solche Anlässe wichtig, weil sie ihm helfen, die hiesige Wirtschaft von der Notwendigkeit der Digitalisierung zu überzeugen. Natürlich kennt er auch die Gefahren, und er weiss von der sozialpolitischen Sprengkraft, die in dieser Entwicklung steckt.

Der Schweizer Franken wird schwächer. Haben Sie das betriebsintern mit einer Flasche Sekt gefeiert?

Siegfried Gerlach: Nein. Genauso wenig sind wir übrigens vor zwei Jahren in Trauer verfallen, als die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro aufgehoben hat.

Wieso nicht?

Als Siemens waren wir nicht ganz so stark tangiert vom Thema wie andere Firmen, da wir schon damals sehr viel aus dem europäischen Raum bezogen haben.

Die Schweizer Industrie als Ganzes hat sehr wohl darunter gelitten.

Auf jeden Fall. Als Lieferant dieser Industrie haben wir dies deutlich gespürt. Die Schweizer Industrie war aber, wie schon mehrfach zuvor, in der Lage, sich relativ gut auf das Thema einzustellen. Natürlich hat die Marge bei vielen gelitten und viele kleinere Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht. Heute stellen wir jedoch fest, dass die Schweizer Industrie sehr gesund ist und sich zu helfen weiss – etwa mit Verlagerungen. Darunter hat der Werkplatz gelitten.

Der Industrie geht es gut, der Werkplatz Schweiz leidet?

Ja. Deshalb haben wir auch die Sektkorken nicht knallen lassen. Es gibt sicher eine Erleichterung für unsere Kunden, und das nehmen wir mit Freude zur Kenntnis.

Viele Industrieunternehmen haben Arbeitsplätze in der Produktion ausgelagert. Kommt es zu einer Trendumkehr, wenn sich der Franken nun abschwächt?

Nein, das glaube ich nicht. Der Verlagerungsprozess wird sich eventuell verlangsamen. Aber eine echte Trendumkehr dauert über Jahre. Wer einmal ins Ausland verlagert hat, der wird sicher nicht sofort zurückkehren.

Bei welchem Wechselkurs können Sie so richtig aufatmen?

Ich bin kein Finanzexperte, aber ich glaube, dass die wirkliche Währungsparität etwa bei 1.25 liegt. Demnach wären wir ein gutes Stück davon entfernt.

Inwiefern haben Sie Ihre Pläne aufgrund der Wechselkurssituation anpassen müssen?

Wir sind damals bei den Plänen für den Neubau in Zug nochmals über die Bücher gegangen. Die Produktion haben wir schmaler ausgelegt als ursprünglich geplant.

Ist das ein Trend, den Sie in der Industrie generell beobachten?

Ja. Die Währungssituation führt dazu, dass gewisse Arbeiten mit hohem manuellem Aufwand ins Ausland ausgelagert werden. Alles, was automatisiert werden kann, wird weiterhin in der Schweiz produziert.

Würde ein neuer Mindestkurs Sinn machen, wie das die Gewerkschaften fordern?

Zumindest würde ein solcher die Lage nicht komplett entspannen. Das Lohnniveau in der Schweiz ist sehr hoch. Wir leben in einer Komfortzone. Die Nationalbank hat zwar einen grossartigen Job gemacht. Ihre Einflussmöglichkeiten sind aber begrenzt. Wenn die Dämme wieder brechen und in Europa wieder Unsicherheiten aufkommen, dann kann die Geldpolitik nur wenig ausrichten.

Vor fünf Jahren beschäftigten Sie 6500 Mitarbeiter und galten als grösster industrieller Arbeitgeber des Landes. Heute sind es noch etwas über 5500. Das sieht nach einem radikalen Abbau aus? Ist das dem starken Franken geschuldet?

Das hat mit dem Franken so gut wie nichts zu tun. Das hat mit Verkäufen und unternehmensinternen Verlagerungen zu tun. Das betrifft rasch einmal hundert Mitarbeitende.

Müssen wir analog zur Entwick-lung von General Electric auch bei Siemens mit Abbaurunden in der Schweiz rechnen?

Momentan existieren in der Schweiz keine derartigen Pläne. Um das auch ganz klar zu sagen: Es gibt im Konzern Siemens Bereiche, die leiden, und es werden auch Stellen abgebaut. Das betrifft aber nicht Siemens Schweiz.

Ihre wichtigsten Geschäftsbereiche in der Schweiz sind die Gebäude- und Verkehrstechnik. Bei letzterem Geschäft verfängt der Eindruck, dass Sie zuletzt nicht sehr erfolgreich waren. Ein Stichwort wäre etwa die Trambeschaffungen in Basel und Zürich, wo Sie nicht zum Zug kamen. Was lief hier schief?

Sie haben recht, die Ausschreibungen für Trams haben wir verloren. Hingegen haben wir in der letzten Zeit mehrere Ausschreibungen für Güterlokomotiven gewonnen. Insofern bin ich in diesem Bereich in diesem Jahr sehr zufrieden. Über die Ausschreibungen für die Trams könnte ich einen ganzen Vormittag referieren.

Wir hören.

Ich bin nach wie vor sehr erstaunt über die Rechtslage in unserem Land.

Was gefällt Ihnen nicht?

Was mir missfällt, ist, dass man so tut, als ob es bei den Ausschreibungen objektiv zugeht. Für uns war der Aufwand nicht unerheblich. Im Fall der VBZ-Trams wurde eine Lösung vorgezogen, die für Zürich 200 Millionen Franken teurer ist als unsere.

In Zürich haben Sie sich lautstark gegen den Entscheid der dortigen Verkehrsbetriebe gewehrt. Gleichzeitig sagte der Chef der Zürcher Verkehrsbetriebe, Guido Schoch, Sie hätten alte Vorwürfe aufgewärmt, die von den Vorinstanzen bereits widerlegt wurden. Sind Sie ein schlechter Verlierer?

Unser Rekurs war reiflich überlegt und beruhte auf Ungereimtem. Beispielsweise wurde in der Ausschreibung explizit festgehalten, dass der Sitz in der Führerkabine nicht drehbar sein sollte. Entsprechend haben wir einen solchen offeriert. Unsere Konkurrenz hat jedoch einen drehbaren Sitz angeboten. Später wurden sie dafür mit Sonderpunkten belohnt. Wenn nun das Gericht sagt, dass das im Ermessen des Ausschreibenden liegt, dann wird mir ganz mulmig. Es gibt unzählige solche Beispiele. Das zeigt im Klartext, dass der Ausschreibende genau den nehmen kann, den er will. Das ist nicht in allen Ländern so.

Der kanadische Bahnhersteller Bombardier, die den Zuschlag erhält, soll demnächst in diesem Bereich mit Siemens zusammengehen, berichten internationale Medien. Also alles halb so wild?

Sie werden verstehen, dass ich hierzu keine Stellung nehmen kann.

Bombardier baut in der Schweiz Hunderte von Stellen ab, insbesondere im Werk Villeneuve (VD). Dies, weil die Bestellungen ausbleiben. Betroffen sind vor allem temporär Angestellte. Arbeiten Sie auch mit temporär Angestellten in diesem Bereich, um die Schwankungen abzufedern?

Wir haben ja in der Schweiz keine Grossproduktion von Rollmaterial. Aber es ist so, man muss in diesem Geschäft besonders mit den starken Schwankungen umgehen können. Wir arbeiten deshalb in Deutschland, Österreich oder Tschechien auch sehr stark mit Temporären zusammen. Es ist aber nicht sinnvoll, mit einem Stellenabbau in der Öffentlichkeit Druck auf die Kunden aufzusetzen.

Ein grosses Thema neben dem Wechselkurs bleibt die Digitalisierung. Was heisst das für die einzelnen Unternehmen?

Ich glaube, die Unternehmen sind gut beraten, wenn sie rechtzeitig auf den Zug aufspringen. Wir als Siemens sind ein Treiber dieser Digitalisierung. Wir haben rechtzeitig erkannt, dass dies ein Megatrend sein wird. Wir haben auch nicht alles im Portfolio gehabt, mussten uns durch Zukäufe verstärken und sind sehr gut aufgestellt. So bieten wir komplette Software-Suiten an, mit deren Hilfe unsere Kunden Produkte oder Fabriken austesten können, bevor der erste Stein gebaut wurde. Das macht die Produktion enorm billiger.

Das hat aber auch direkte Folgen für die Mitarbeitenden.

Auf jeden Fall. Es fallen viele unnütze Arbeiten weg. Wie gross die Auswirkungen sein werden, ist jedoch sehr schwer abzuschätzen.

Sie haben als Treiber dieser Entwicklung eine hohe Verantwortung.

Ja, wir stellen uns auch dieser Verantwortung. Wir wollen nicht, dass in Europa Trump-Szenarien entstehen, mit vielen Menschen, die sich von der technologischen Entwicklung abgehängt fühlen.

Aber es wird auf jeden Fall Verlierer geben?

Das ist die grosse Frage, denn die Geschwindigkeit, in der die Veränderung passieren, ist enorm. Es werden viele Jobs oder gar Berufsgattungen wegfallen. Hier hat die Gesellschaft sicher eine Verantwortung.

Was fordern Sie?

Experten sagen uns, dass wir 60 Prozent der Jobs, die es in Zukunft geben wird, heute noch gar nicht kennen. Unser Bildungssystem muss deshalb erneuert werden. Es reicht nicht, eine einmalige Ausbildung zu garantieren und sich dann mit Zusatzausbildungen fortzubilden. Vielmehr müssen wir Gefässe schaffen, wo Menschen zwei- bis dreimal im Leben eine neue Berufsausbildung machen können.

Da können aber auch nicht alle mithalten. Man kann auch nicht einen Bauarbeiter zu einem Software-Ingenieur umschulen.

Das haben Sie recht. Eine echte Antwort auf das Problem habe ich auch noch nicht gefunden. Ich kann mir aber vorstellen, dass es auch in Zukunft weiterhin einfachere Arbeiten geben wird. Aber ich gebe zu, dass hier ein bisschen Hoffnung mitschwingt.

Eine gross angelegte Ausbildungsoffensive hat enorme Kosten zur Folge. Wer soll diese tragen?

Kosten wird das Ganze ohnehin zur Folge haben. Die Frage ist nur, wie wir das Geld sinnvoll einsetzen. Wollen wir nicht soziale Unruhen in Kauf nehmen, müssen wir diese Kosten übernehmen. Hier sind nicht nur die Unternehmen gefragt, sondern auch der Staat.

Bräuchte es ein bedingungsloses Einkommen?

Das ist sicher die falsche Lösung. Es reicht nicht, den Leuten einfach Geld hinterherzuwerfen fürs Nichtstun. Menschen wollen gebraucht werden. Darüber hinaus würden einige vielleicht nur Unsinn anrichten.

Von der Digitalisierung betroffen sind vor allem die über 50-Jährigen.

Ja, genau. Hier sehe ich aber auch gleichzeitig die grössten Missverständnisse.

Wieso?

Oft wird gesagt, dass Mitarbeiter über 50 zum alten Eisen gehören, unflexibel sind und sich nicht mehr verändern können. Es gibt immer solche Beispiele, das ist klar. Doch einfach so zu generalisieren, das ist ein Blödsinn. Es gibt durchaus ältere Leute, die Spitzenleistungen erbringen.

Das Problem ist die demografische Entwicklung. Es kommt deshalb zu einem Fachkräftemangel?

Wir kommen nicht darum herum, uns mit dem Thema zu befassen. Wir haben ja keine andere Wahl. Es gibt eben immer weniger Junge, die in die Firmen einsteigen. Ausserdem gibt es immer weniger Junge, die bereit sind, Führungspositionen einzunehmen. Auch das muss man klar sagen.

Sie haben sich kürzlich zu radikalen Ideen geäussert, wie man mit über 50-Jährigen umgehen soll. Sie sagten, Ältere zu degradieren, sei geradezu töricht. Was erhielten Sie für Reaktionen auf Ihre Aussagen?

Ich habe erfreulicherweise sehr viel positives Feedback erhalten. Und dies nicht nur von älteren Menschen, sondern auch von jüngeren.

Doch was muss man genau tun, um die über 50-Jährigen im Betrieb zu behalten?

Ein Thema ist sicher die Lohnpolitik. In der Vergangenheit wurden viele Menschen mit dem Alter hinaufbefördert. Sie erhielten mehr Lohn. Dies muss sich ändern. Man muss einem älteren Menschen sagen können: Du machst jetzt eine Aufgabe mit weni- ger Verantwortung und erhältst dann weniger Lohn.

Die Schweiz löste den Fachkräftemangel bisher durch die Zuwanderung. Mit dem Ja zur Zuwanderungsinitiative und dem Inländervorrang wird sich dies nicht mehr so einfach machen lassen.

Ja, deshalb waren wir auch gegen die Vorlage. Wir sind auch jetzt nicht begeistert. Man muss jedoch den Souverän sehr ernst nehmen und sich mit der neuen Situation auseinandersetzen.

Was heisst das?

Es gibt künftig nur zwei «Töpfe» in der Schweiz, aus denen wir uns zusätzlich bedienen können. Das eine sind die Älteren, das andere sind die Frauen. Beide Gruppen müssen wir stärker in den Produktionsprozess einbinden.

Was halten Sie vom Inländervorrang, wie er jetzt beschlossen wurde?

Er ist ein bisschen kompliziert, aber man kann damit leben.

Die Altersreform wird derzeit heiss diskutiert. Die Abstimmung steht an. Was ist eigentlich Ihre Position?

Ich sehe natürlich auch viele negative Punkte. Es widerstrebt mir, einer Lösung zuzustimmen, die eigentlich nicht wirklich nachhaltig ist. Insofern halte ich es wie die Wirtschaftsverbände. Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass wir dringend diesen Schritt machen müssen. Es ist ein klassischer Kompromiss. Es ist besser, als wenn wir nichts tun würden.

In vielen europäischen Ländern ist das Rentenalter 67 schon Tatsache. Diese Frage wurde in der Altersreform 2020 in der Schweiz ausgeklammert. Wie sehen Sie das?

Ich weiss, es ist zwar unpopulär, das zu sagen, aber es führt längerfristig kein Weg an einem Rentenalter 67 vorbei. Wenn man die Diskussion um die Altersreform 2020 sieht, dann wird klar, dass niemand das wirklich bestreitet. Denn auch mit den Reformen ist der Ofen 2035 aus, sprich das Rentensystem nicht mehr gesichert.

Sie sind ursprünglich Deutscher, haben aber inzwischen den Schweizer Pass. Fällt es Ihnen nun einfacher, zu politischen Themen Stellung zu nehmen?

In der Tat. Ich habe mich zwar schon vorher auch zu gesellschaftlichen und politischen Themen geäussert. Doch ich musste mir immer vorwerfen lassen, dass ich ja gar nichts zu sagen habe hier. Das hat sich sicherlich geändert. Auch wenn ich nur «Papierlischwiizer» bin.

Sie sind ja auch schon überzeugter Anhänger der Schweizer Kompromisskultur geworden, wie man sieht.

Da geht es mir als ehemaligem «Nicht-Schweizer» sicher wie vielen ehemaligen Rauchern, die später die engagiertesten Verfechter des Nichtrauchens sind: Ich finde es wirklich gut, wie hier die Entscheide zustande kommen.

Sie glauben auch an die Reformfähigkeit des Landes? Auch wenn etliche Abstimmungen, wie zuletzt die über die Unternehmenssteuerreform, gescheitert sind?

Auf jeden Fall. Die Steuervorlage war vielleicht nur zu kompliziert. Da hat der Stimmbürger einfach lieber Nein gesagt.

Liegt es nicht daran, dass die Wirtschaft seit der Finanzkrise und den Managerlohndebatten auch ein Glaubwürdigkeitsproblem hat?

Bestimmt. Ich habe immer gesagt, dass die Vasellas & Co. der Wirtschaft einen Bärendienst erwiesen haben.

Wir schliessen daraus, dass Sie weniger verdienen.

Auf jeden Fall. Mein Lohn liegt weit unter einer Million Franken. Und ich bin weit davon entfernt, mich zu beklagen.

Dieses Interview steht im Zusammenhang mit der Swiss Industry 4.0 Conference, die am 14. September 2017 im Kongresszentrum Trafo in Baden stattfindet und sich der Digitalisierung der Wirtschaft widmet. Siemens ist einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung. An der Konferenz wird auch der Swiss Industry 4.0 Award verliehen. Organisiert wird die Veranstaltung von Philippe Ramseier (42) aus Baden, CEO und Inhaber der Autexis Gruppe mit Sitz in Villmergen.