Das klingt simpel, ist aber radikal. Der Mathematiker Eisenstein gilt nicht umsonst als Vordenker der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Seine Analyse des Geldes ist aber für die in der Schweiz entstehenden alternativen Geldsysteme genauso aufschlussreich wie für den Trend zur «Heidi»-Milch oder zum Gemüse aus der
Region.

«In der Grundstruktur des Geldes, wie wir es heute kennen, sind Krise und Zusammenbruch bereits angelegt», schreibt Eisenstein in «Keine Forderung kann gross genug sein» (2012). Demnach ist es kein Zufall, dass Finanzkrise, Umweltkrise, Wirtschaftskrise oder Gesundheitskostenkrise zusammenkommen. Denn das heutige Geld kommt – anders als ursprünglich – von der Bank und dient dazu, Zinsen oder Rendite zu erwirtschaften. Dafür muss aber real ein Mehrwert geschaffen werden: Die Produktion muss steigen, damit Zins und Zinseszins gezahlt werden können. Dies verpflichtet zu einem unendlichen Wirtschaftswachstum, wie dies auch schon der inzwischen emeritierte St.Galler Professor Hans Christoph Binswanger kritisierte.

Zinsgeld erzeugt Gier

Die Krux dabei: Die Realwirtschaft ist eben real und ihr Wachstum basiert anders als die Geldmenge auf endlichen Ressourcen. Es sind nicht Gier oder eine andere Charaktereigenschaft von Bankern, die unser System ins Wanken bringen, sondern es ist der Charakter des Geldes selbst, wie Eisenstein folgert. Gier entsteht nur, wenn Güter knapp sind; sind sie in Fülle vorhanden, hat sie keinen Sinn. Zinsgeld aber erzeugt diese Knappheit und damit Gier. Denn unendliches Zinsgeld erzeugt einen Wettlauf um endliche Güter, so Eisenstein.

Das Zinsgeld macht mittellos. Eisenstein sieht darin den Grund, weshalb natürliche Ressourcen wie Wasser oder Saatgut vermarktet werden müssen: «Damit die Wirtschaft weiter wachsen kann und das (auf Zinsen basierende) Geldsystem auch weiterhin überlebensfähig bleibt, müssen auch die Natur und die menschlichen Beziehungen immer mehr zu Geld gemacht werden.» Dem Philosophen Eisenstein zufolge besteht eine wesentliche Differenz zwischen Geld und Welt – Geld zählt heute zur vom Stofflichen abgehobenen Sphäre.

Krisen führen zu anderem Geld

Eisenstein ist aber nicht nur ein radikaler, sondern auch ein optimistischer Denker. Und so führt er in «Heilige Ökonomie» (2011) Argentinien an, wo nach dem Staatsbankrott 2001 Bonds von Bundesstaaten als Regionalgeld ausgegeben wurden, das der lokalen Wirtschaft einen Schub verschaffte. Eisenstein: «Wo ein Geldsystem versagt, entsteht ein neues, praktikableres.» Denn es ist das Geld, das krankt, nicht die Realwirtschaft. Die Produktionskapazitäten in Argentinien waren nach wie vor vorhanden, nur kein Geld.

Regionalgeld funktioniert jedoch nur in einer lokalen Wirtschaft. In globalisierten Märkten versagt es. Deswegen florieren viele Alternativwährungen nicht, wie Eisenstein konstatiert. Auch in der Schweiz können Geschäfte mit Alternativwährungen nichts anfangen, weil sie damit ihre weltweiten Zulieferer nicht bezahlen können. Regionalwährungen passen nur in regionale Wirtschaftskreisläufe. Eisenstein sieht aber darin gerade ihre Chance. Das Schweizer WIR-Geld etwa, diese auf kleine und mittlere Unternehmen beschränkte Verrechnungseinheit, mit der ein Handwerker die Ware oder Dienstleistung eines anderen Handwerkers bezahlen kann, dümpelt meist vor sich hin. Die Firmen können damit eben nicht ihre Zulieferer aus dem Ausland bezahlen.

In Krisenzeiten aber, wie 2009, steigt der Umsatz mit WIR. Dann beziehen Schweizer Firmen mit diesem Regionalgeld Leistungen von heimischen Firmen und schaffen einen regionalen Wirtschaftskreislauf. Dasselbe gilt für die in St.Gallen und Sarnen neu gegründeten Zeitbanken für die Alterspflege: Auch sie schaffen einen regionalen Kreislauf, der unabhängig von der kriselnden Altersvorsorge in Schweizer Franken ist.

Anderes Geld schafft andere Beziehungen. Eisenstein geht davon aus, dass als zusätzliche Währung neben dem Zinsgeld der Banken in Zukunft auch zinsfreies Regionalgeld geführt wird. Bei Lebensmitteln fällt dieser Trend zum Regionalen schon auf: Die Konsumenten wollen wissen, woher Milch oder Rüebli kommen. Eisenstein meint, das sei erst der Anfang, und dasselbe setze sich auch beim Geld durch. Demnach liegt die Zukunft beim «Heidi»-Geld: Denn wie bei der Milch wollen Menschen mit Geld Beziehungen und Geschichten herstellen.